Sollte bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft kurzfristig ein Innovationspreis eingeführt werden, würde die japanische Nationalmannschaft zu den aussichtsreichsten Kandidaten zählen. Nicht wegen ihrer Anhänger, die wie gewohnt vorbildlich nach den Partien den Müll auf den Stadiontribünen einsammeln und dafür längst eine Würdigung verdient hätten. Sondern wegen einer taktischen Neuerung auf dem Platz. Das Trainerteam um Nationalcoach Haji­me Moriyasu steuert die Spielzüge seiner Mannschaft insbesondere bei Standardsituationen wiederholt von der Seitenlinie aus – mit hochgehaltenen Tafeln, auf denen lediglich einzelne Ziffern zu sehen sind. Bisher waren darunter „1“, „2“, „3“ und „45“. Für die Spieler bleibt zu hoffen, dass es sich bei Letzterem lediglich um die Kombination aus „4“ und „5“ handelt und sie nicht 45 verschiedene Abläufe im Kopf behalten müssen.1, 2 oder 3? Damit alle bei den Standards richtig stehen, coachen Japans Trainer von außen mit einem Nummernsystem. Michael Steele/Getty Images via AFPSolche Einfälle scheinen für Japan notwendig zu sein, um mit der Weltspitze Schritt zu halten. Denn das Talent des eigenen Teams reicht nicht an das Niveau der führenden Nationen heran. Das lässt sich auch am Kaderwert der „Samurai Blue“, wie die Mannschaft genannt wird, ablesen. Der liegt bei dieser WM bei knapp 250 Millionen Euro; damit rangiert Japan im Mittelfeld der 48 Teilnehmer, zwei Plätze vor Österreich und einen hinter Kolumbien. Wertvollster Akteur ist Ritsu Doan von Eintracht Frankfurt, dessen Marktwert auf etwa 30 Millionen Euro geschätzt wird; im WM-Spieler-Ranking bedeutet das Platz 33.Dennoch setzte sich Japan in einer anspruchsvollen Vorrundengruppe ungeschlagen durch – hinter den Niederlanden, aber vor Schweden und Tunesien. Dafür genügte am Donnerstag ein 1:1 (0:0) im letzten Spiel gegen Schweden in Dallas. Dabei erzielte die Mannschaft eines der ästhetischsten Tore des bisherigen Turniers. Das Zusammenspiel wirkte so präzise und abgestimmt, als wären die Bewegungen zuvor vom Spielfeldrand genau vorgegeben worden.Nach einem Pass ins Zentrum leitete Doan den Ball unmittelbar auf den neben ihm positionierten Ayase Ueda weiter, der ihn mit dem Rücken zum Tor abschirmte, bis Doan außen an ihm vorbeilief. Anschließend legte er ihm den Ball mit der Sohle zurück, worauf Doan einen Schnittstellenpass durch die gegnerische Defensive spielte, den der eingelaufene Daizen Maeda frei vor dem Tor zum 1:0 verwertete (56. Minute). Trainer Moriyasu klatschte in die Hände – ein geradezu andächtiger Jubel, gemessen an den üblichen Ekstasen.Niederlande bei der WM:Deutliche Antworten von Querpass-Frenkie10:4 Tore, drei brauchbare Auftritte – und trotzdem gibt es in den Niederlanden Debatten über den Fußball der Elftal. Nach dem 3:1 gegen Tunesien fühlt sich das Team bereit, die Kritiker endlich zu besänftigen.Mit diesem spielerischen Kunstwerk sind die Japaner bestens vorbereitet für das Sechzehntelfinale gegen Brasilien am Montag. Stilvoller hätte der kommende Gegner – selbst mit einigen Zauberfüßen ausgestattet – das Tor kaum inszenieren können. Die beiden Länder pflegen traditionell enge Beziehungen und sind sich auch sportlich in mancher Hinsicht nahe. Die Brasilianer gelten seit Langem als Vorbild der Japaner. Dieser Einfluss ist historisch gewachsen, vor allem durch zahlreiche brasilianische Ausnahmespieler, die ihre Karrieren in der japanischen J-League ausklingen ließen. Zico kehrte dafür Anfang der 1990er-Jahre sogar aus dem Ruhestand zurück. Er fungierte damals gewissermaßen als internationaler Botschafter der kurz darauf gegründeten Profiliga. Es folgten Jorginho, Dunga und Bebeto.Englands Thomas Tuchel sagte kürzlich, es sei „eine Ehre“, gegen Japan anzutretenUmgekehrt liefen einige Japaner in Brasilien auf, darunter Kazuyoshi Miura, auch bekannt als „King Kazu“. Er verließ sein Heimatland mit 15 Jahren, um seinen Traum vom Profifußball im Land des Rekordweltmeisters zu verfolgen. Der Durchbruch gelang ihm beim früheren Pelé-Verein FC Santos. Als ältester Profifußballer der Welt sorgte er zuletzt für Schlagzeilen – er entschied sich, noch eine Saison in der dritten japanischen Liga anzuhängen; im Februar feiert er seinen 60. Geburtstag.Spieler wie Kazu erzeugten mit zeitweiligen Auslandsstationen wertvolle Wissenstransfers. Japans Akteure zeichnen sich heute durch technische Raffinesse, Tempo und Spielstärke aus. Auf diese Weise versuchen sie, die vorhandene athletische Unterlegenheit auszugleichen. Auch diesmal steht nur ein japanischer Feldspieler im Kader, der größer ist als 1,88 Meter. Der Aufwand für eigene Tore bleibt entsprechend hoch – das zeigte das Spiel gegen Schweden, das acht Minuten nach dem Rückstand durch einen Distanzschuss von Anthony Elanga schnörkellos ausglich und die Partie mit einem späten Kopfball nach einer Ecke beinahe gewonnen hätte.Die Japaner wollen erstmals das WM-Viertelfinale erreichen, nachdem sie insgesamt viermal im Achtelfinale gescheitert waren. Einige Top-Nationen trauen ihnen diesen Schritt zu, ihre Trainer schwärmen von den Japanern, darunter Englands Thomas Tuchel. Es sei „eine Ehre“, gegen die Samurai Blue anzutreten, sagte er kürzlich. Auf die Frage, ob Japan sogar Weltmeister werden könne, antwortete er: „Warum nicht?“ Zwar setzten sich in der Vergangenheit stets die Favoriten durch, doch die Japaner holen zunehmend auf.Vor der WM besiegte Japan sowohl Brasilien als auch England in Testspielen. Diesmal jedoch ist die Mannschaft von erheblichem Verletzungspech betroffen. Bereits vor Turnierbeginn fiel in Kaoru Mitoma vom englischen Klub Brighton & Hove Albion der wichtigste Spieler aus, dazu Waturu Endo (FC Liverpool) und Takumi Minamino (AS Monaco). Während der Vorrunde gesellte sich zudem vorerst Takefusa Kubo (Real Sociedad) zur Ausfallliste – und nun möglicherweise auch noch Ko Itakura (Ajax Amsterdam), der gegen Schweden bereits in der ersten Halbzeit ausgewechselt werden musste.So ist Moriyasus Mannschaft mehr denn je auf kollektive Geschlossenheit angewiesen. Ihre herausragende Stärke liegt in der Organisation auf dem Platz – defensiv wie offensiv. Die Raumaufteilung und die Laufwege der Spieler wirken wie aus dem Lehrbuch. Die Bewegungen erinnern an einen Judokampf – diszipliniert und zugleich kunstvoll. In der Vorrunde kassierte Japan lediglich eine gelbe Karte. Verantwortlich dafür ist auch Moriyasus lange Amtszeit, die vor acht Jahren begann. Man habe bewiesen, „dass wir kein leichter Gegner sind, und das allein ist schon ein großer Fortschritt“, sagte Moriyasu im gewohnten Understatement. Seine Arbeit ist längst zu einer Inspiration geworden. Es würde kaum überraschen, wenn künftig Spielzüge nach japanischem Vorbild dirigiert würden.