Wenn der Landwirt Jürgen Vogelgesang über Agrarpolitik spricht, geht es vor allem um Enttäuschungen. Seine jüngste ist Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer von der CSU. Als er vor rund einem Jahr sein Amt antrat, machte sich Vogelgesang wieder Hoffnungen. Rainer ist zwar selbst kein Landwirt, aber auf einem Bauernhof aufgewachsen. Stallgeruch sozusagen. Da müsse er doch ein Gefühl für die Sorgen der Bauern haben, findet Vogelgesang. Bislang aber merkt er davon wenig.Die Unzufriedenheit in großen Teilen der Gesellschaft spürt der Landwirt aus der Pfalz auch, wenn er mit anderen Bauern spricht. „Immer häufiger höre ich: Die von ganz rechts sollen es mal probieren.“ Er meint die AfD. Den Eindruck bestätigen Bauernfunktionäre der F.A.Z. Im Gespräch mit Kollegen, sagt Vogelgesang, wende er dann ein: „Was die AfD im Wahlprogramm hat, das hilft uns Landwirten nicht.“Er sitzt selbst als Parteiloser im Gemeinderat seines Heimatortes Martinshöhe im Landkreis Kaiserslautern. Er weiß, dass Demokratie Zeit braucht, und ist überzeugt, dass nur die Parteien der Mitte imstande sind, die Probleme zu lösen. Aber er kann die Enttäuschung gut nachvollziehen, er kennt sie ja selbst.Wie sehr es unter den Landwirten brodelt, zeigte sich vor zweieinhalb Jahren, als die Ampelkoalition die Subvention für den Agrardiesel strich. Tausende demonstrierten in Berlin und vielen anderen Städten deutschlandweit. „Das war der eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, sagt Vogelgesang, ein freundlicher Mann Mitte 50. Er war in Berlin dabei und beeindruckt von der friedlichen Stimmung, davon, was die Landwirtschaft noch auf die Straße bringen kann. Für wenige Tage schien die Republik über nichts anderes zu sprechen.Özdemir: „Landwirte denken in Generationen, wir denken in Legislaturperioden“Sonst ist die Stimme der Bauern heute seltener zu hören. Das hat wohl auch damit zu tun, dass es früher mehr von ihnen gab. In den Achtzigern arbeitete jeder zwanzigste Deutsche in der Landwirtschaft, heute ist es noch jeder fünfzigste. Jedes Jahr werden es weniger. Die Forschungsgruppe Wahlen, die das Abstimmungsverhalten von Berufsgruppen auswertet, untersuchte die Landwirte bei der Bundestagswahl 2025 erstmals nicht mehr. Es ließen sich, wie das Institut auf F.A.Z.-Anfrage mitteilt, aufgrund des geringen Bevölkerungsanteils keine signifikanten Ergebnisse mehr erzielen. In den vergangenen Jahren zeigte sich ein deutlicher Trend: Stimmten 2017 noch 60 Prozent der Landwirte für CDU und CSU, waren es 2021 nur rund 40 Prozent. Auch wenn die Zustimmung für die Union bei der Europawahl 2023 auf 51 Prozent anstieg, machte jeder fünfte Landwirt sein Kreuz bei der AfD.Tobias Füge und Jürgen Vogelgesang vor einem KuhstallTimo SteppatEinst gab es einen engen Draht zwischen Bauernverbänden und der Union. Über Jahrzehnte waren es Landwirte, die das zuständige Ministerium führten. Der letzte war Karl-Heinz Funke, gleichwohl ein Sozialdemokrat, der 2001 in der BSE-Krise zurücktrat. Es hat eine Entfremdung stattgefunden, die sich auf zwei Ebenen zeigt: Die eine hat mit einem gestiegenen Bewusstsein für Umwelt- und Tierschutz in der Bevölkerung zu tun. Nicht nur Minister der Grünen trugen dem in Bund und Ländern mehr Rechnung, die Bauern fühlten sich gegängelt. Die andere Ebene ist grundsätzlicher. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir, bis 2025 Agrarminister, beschrieb es so: „Landwirte denken in Generationen, wir denken in Legislaturperioden – und das ist das Problem.“ Özdemir selbst gelang es nicht, aus diesem Muster auszubrechen. Schafft es sein Nachfolger?Kein Hardliner und ScharfmacherEigentlich wollte der CSU-Vorsitzende Markus Söder den bayerischen Bauernpräsidenten Günther Felßner zum Minister machen. Doch der Landwirt lehnte ab, nachdem Tierschutzaktivisten auf seinem Hof protestiert und dort Pyrotechnik abgebrannt hatten. Der Bundestagsabgeordnete Alois Rainer, zuletzt Vorsitzender des Finanzausschusses, war also die zweite Wahl. Söder kam es darauf an, das konservative Profil der Union zu schärfen. Er präsentierte Rainer mit Blick auf dessen erlernten Beruf als „schwarzen Metzger“. Künftig gelte die Devise „Leberkäs statt Tofu-Tümelei“, frohlockte Söder in Anspielung auf den Vegetarier Özdemir.Zweite Wahl: Landwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU)dpaRainer ist Niederbayer, Jahrgang 1965, römisch-katholisch, verheiratet, zwei Söhne. Daheim, in Haibach im Bayerischen Wald, schmeckt ihm besonders Krustenbraten. Aber Rainer liegt es fern, demonstrativ der Fleischeslust zu frönen, die Söder für einige Zeit mit Schweinshaxn und Döner in den sozialen Medien zur Schau stellte. „Jeder soll essen, was ihm schmeckt“, bekundete der neue Ernährungsminister gleich zu Beginn seiner Amtszeit. Alois Rainer ist nicht der Hardliner und Scharfmacher, als den Söder ihn präsentierte. Dem CSU-Chef war es einerlei. Sein „schwarzer Metzger“ war ein gefundenes Fressen für die Medien: Rainer erhielt Aufmerksamkeit und damit reichlich Gelegenheit, sich vor allem auf dem Lande bekannt zu machen.Auch wenn Rainer seinen Wahlkreis seit 2013 zuverlässig gewonnen hatte: Bevor er Landwirtschaftsminister wurde, gehörte er zu den vielen eher unauffälligen Abgeordneten im Bundestag. Beim Deutschen Bauernverband kam Söders Kandidatenkür gleichwohl gut an. Bauernpräsident Joachim Rukwied lobte die „hohe Fachkompetenz und langjährige politische Erfahrung“ des neuen Agrarministers. Der Lobbyist forderte aber auch: „Jetzt muss er liefern.“Landwirte warten auf mehr BürokratieabbauEin großes Wahlgeschenk machte Rainer dem Bauernverband mit der Agrardieselrückerstattung. Die Ampelregierung hatte die Steuervergünstigung aufgrund von Haushaltsnöten gegen den erbitterten Protest der Landwirte schrittweise gestrichen. Nun wurde sie wieder eingeführt – in vollem Umfang, ohne ökologische Auflagen. Grund dafür war auch die Sorge, dass die AfD das Thema zur Mobilisierung nutzen könnte.Um den Landwirten zu helfen – und die Bundesregierung vor neuen Protesten zu bewahren –, hat Minister Rainer viel gestoppt und zurückgedreht, etwa bei Berichtspflichten zum Einsatz von Düngemitteln oder Antibiotika. Weniger Bürokratie, eine der Kernforderungen des Bauernverbandes, hat der CSU-Mann zur Chefsache erklärt. Im Agrarministerium gibt es dafür nun eine eigene Stabsstelle. Demnächst soll ein Bürokratieentlastungsgesetz speziell für die Landwirtschaft folgen. Zu Rainers Standardsätzen gehört: „Der Schreibtisch darf nicht die zeitaufwendigste Ackerfläche der Landwirte sein.“Der Landwirt Jürgen Vogelgesang hält den Bürokratieabbau für dringend nötig. Er sitzt am Küchentisch, vor sich ein Glas Wasser und ein paar Kekse. Dass Rainer manches verhindert hat, davon hat Vogelgesang gehört – aber schon die Berichtspflichten und Prüfungen, mit denen er zu tun hat, nehmen für seinen Geschmack zu viel Zeit in Anspruch.Ohne uns kein Essen: Ein Bauern-Protest am 23. Januar im brandenburgischen ErknerdpaVor ein paar Wochen wollte Vogelgesang einen Schlepper und einen Hänger anmelden. Sie sollten ein grünes Kennzeichen bekommen, was ihn von der Kraftfahrzeugsteuer befreit. Eigentlich eine Formalie, denn Vogelgesang ist Vollerwerbslandwirt und hat eine Steuernummer, aus der das hervorgeht. An zwei Tagen bekam er aber jeweils einen siebenseitigen Fragebogen zugeschickt, in denen er detailliert Angaben über die Nutzung der Fahrzeuge machen musste. „Das versteht doch keiner mehr“, sagt Vogelgesang. 250 Tiere hat er, davon 100 Milchkühe, er arbeitet, wie er sagt, „praktisch in Kreislaufwirtschaft“: Er baut Futter für die Kühe an und zieht ihre Kälbchen groß, verkauft Milch an Molkereien und Tiere an Schlachthöfe.An diesem Tag ist Tobias Füge bei Vogelgesang zu Besuch, ein junger Landwirt aus Bischheim an der Nahe. Mit seinem Vater und einem Partner führt Füge einen Ackerbaubetrieb. 600 Hektar, auf denen sie Zuckerrüben, Futtermais, Roggen und Raps anbauen. Die Sperrung der Straße von Hormus machte dem Betrieb besonders zu schaffen. Durch die Meerenge wird nicht nur Schweröl transportiert, sondern auch große Teile der weltweiten Düngemittel. Für den Einkauf zahlt Füge oft ein Drittel bis die Hälfte mehr als im vergangenen Jahr. Als der Dieselpreis über Wochen bei weit über zwei Euro lag, musste er den 2500 Liter fassenden Tank auf dem Hof befüllen. „Wenn Sie das dreimal im Monat machen müssen, tut das schon sehr weh“, sagt er. Während die Fixkosten steigen, sind die Preise für Gemüse, Milch und Butter eher wieder gesunken.Im Wahlkampf um Stimmen der Landwirte werbenIn Rheinland-Pfalz warb die CDU dieses Jahr im Landtagswahlkampf gezielt um die Stimmen der Bauern. Ihr Hauptversprechen – ein eigenes Landwirtschaftsministerium mit Zuständigkeit für Umwelt – hat sie inzwischen umgesetzt. Seit wenigen Wochen verantwortet die Christdemokratin Christine Schneider das neu zugeschnittene Ressort. Für Umwelt waren zuvor 15 Jahre lang grüne Ministerinnen zuständig. Von einer Abkehr von grüner Umweltpolitik will Schneider aber nicht sprechen.„Naturschutz und Landwirtschaft sind oft gegeneinander statt miteinander gedacht worden. Diese Gegensätze müssen wir abbauen und Brücken bauen“, sagt sie im Gespräch mit der F.A.Z. Sie nennt sich selbst eine „Anwältin des ländlichen Raums und der bäuerlichen Landwirtschaft“. Das bedeute nicht, dass sie den Bauern nach dem Mund rede, sagt Schneider. Sie werde auch mal sagen müssen: Das geht aus diesen Gründen nicht. „Dafür gibt es keinen Applaus. Aber es geht darum, der Landwirtschaft auf Augenhöhe zu begegnen.“Will Anwältin des ländlichen Raums sein: Die neue rheinland-pfälzische Agrarministerin Christine Schneider (CDU)dpaSchneider ist zwar von Beruf Tischlerin, gilt aber als ausgewiesene Kennerin der Agrarpolitik. Erst beackerte sie das Feld über Jahrzehnte im Mainzer Landtag, dann als Abgeordnete des Europaparlaments. Schneider erinnert sich gut an die Verhandlungen über die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur. Ständig sei es darum gegangen, was man den Landwirten vorschreibe.Einmal schlug sie vor, stärker gegen Steingärten vorzugehen, die ökologisch als problematisch gelten. „Da sagte man mir, man könne ja schlecht bestimmen, was die Leute in ihrem Garten machen“, sagt Schneider. „Das ist genau das Problem: Auf landwirtschaftlichen Flächen glauben wir, Vorgaben machen zu können, aber auf privaten Flächen nicht.“ Hinzu kommt aus Schneiders Sicht, dass in Städten darüber bestimmt werde, was auf dem Land, auf dem Grund und Boden anderer, geschehen soll. „Das geht so nicht.“Wie Bundesminister Rainer will auch Schneider Bürokratie abbauen. Ansonsten hält sie sich aber mit Versprechen zurück. Ihr Ziel sei es, eine langfristige Perspektive für die Bauern zu eröffnen. „Es kann nicht sein, dass sich der Wind alle fünf Jahre ändert. Das ist keine Sache, die Landespolitik allein erreichen kann“, sagt sie. Das müsse man mit dem Bund und vor allem der europäischen Ebene schaffen. „Ohne Planungssicherheit investieren Landwirte nicht.“Böse Zungen behaupten, der CSU-Minister im Bund sei von der Komplexität der Agrarpolitik teilweise überfordert. Zur Wahrheit gehört aber: Sein Einfluss ist begrenzt. Kaum ein Politikfeld hängt so stark von der Europäischen Union ab. In Brüssel werden derzeit die Weichen für die Gemeinsame Agrarpolitik der EU nach 2027 gestellt. Den deutschen Landwirten drohen nach den Plänen der EU-Kommission empfindliche finanzielle Einbußen. Die europäische Agrarpolitik ist auch Thema beim Deutschen Bauerntag, der derzeit in Freiburg stattfindet.Rainer hat die Pläne deutlich kritisiert, aber ihm fehlt Rückhalt aus der Bundesregierung. Anders war es, als Rainer, selbst Waldbesitzer, auf die Vereinfachung der EU-Entwaldungsverordnung pochte. Kanzler Friedrich Merz (CDU) mahnte damals persönlich in einem Schreiben an die „liebe Ursula“, Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die bürokratischen Lasten durch die EU-Verordnung für entwaldungsfreie Lieferketten müssten drastisch reduziert werden.Forscher kritisieren „kleinteilige Eingriffe“Eine andere Großbaustelle sind Dünger, die zu einer Nitratbelastung von Gewässern führen können. Zwar hat das Kabinett vor Kurzem eine Novelle des Düngegesetzes beschlossen. Aber von einer „großen, vollumfänglichen Lösung“, die der Minister anstrebt, ist man weit entfernt. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Regierung unter anderem zu einem wirksamen Aktionsprogramm gegen zu viel Nitrat aus der Landwirtschaft verpflichtet. Planungssicherheit fehlt den Landwirten auch beim Stallumbau für mehr Tierwohl. Hier gibt es zusätzlichen Handlungsdruck, da Tierschützer im Frühjahr ein Grundsatzurteil zur Putenhaltung erstritten haben. Demnach verstoßen die freiwilligen Branchenvereinbarungen gegen das Tierschutzgesetz.Mit einer Agrarexportstrategie will Rainer der Land- und Ernährungswirtschaft neue Märkte erschließen. Kürzlich war er mit einer großen Wirtschaftsdelegation in Japan und China. Branchenvertreter loben, dass er Exporte zur Chefsache gemacht habe.Aber insgesamt fällt die Bilanz seines ersten Amtsjahres ernüchternd aus. Die Agrarpolitik verharre „in einer Mischung aus kurzfristigen Entlastungssignalen und kleinteiligen Eingriffen“, resümieren die Agrarwissenschaftler Armin Spiller und Regina Birner in einer Fachzeitschrift. Beides genüge nicht, um die ökonomische Tragfähigkeit und ökologische Nachhaltigkeit der Landwirtschaft zu verbessern und in Einklang zu bringen. Spiller und Birner leiten übergangsweise die Zukunftskommission Landwirtschaft. Das Gremium, eingesetzt von der damaligen Kanzlerin Angela Merkel, hat Empfehlungen für eine nachhaltige Agrarpolitik vorgelegt.„Was die Zukunftskommission erarbeitet hat, das wurde einfach zu den Akten gelegt“, sagt Landwirt Füge. So sei es schon bei der Borchert-Kommission gewesen, die das Bundesministerium 2019 eingesetzt hatte. Das Expertengremium unter dem Vorsitz des ehemaligen Agrarministers Jochen Borchert (CDU) erarbeitete ein Konzept, das deutlich höhere Standards in die Tierhaltung bringen sollte. Die Branche reagierte mehrheitlich positiv, doch eine empfohlene dauerhafte Finanzierung in Milliardenhöhe setzte die Politik nicht um. Im Sommer 2023 löste sich die Borchert-Kommission kurzerhand selbst auf. Eigentlich sollten die Fachleute der Politik helfen, aus dem kurzfristigen Denken in Legislaturperioden herauszufinden.Wenn die nächsten Monate keine Reformen bringen, können sich die Landwirte Vogelgesang und Füge vorstellen, dass die Stimmung wieder kippt. „Aber eigentlich wollen wir ja nicht jedes Jahr demonstrieren, um gehört zu werden“, findet Vogelgesang. Dafür fehle ihnen die Zeit.