Hinter der HeadlineDer Schweizer Logistikkonzern erhält derzeit nicht nur Rückenwind von höheren Frachtraten in der Seefracht, sondern auch von den Investitionen in die KI-Infrastruktur. Trotz der Gefahr durch Amazon ist Kühne + Nagel an der Börse wieder im Aufwärtstrend.Kühne + Nagel hat die diesjährigen Spannungen am Persischen Golf kalt gelassen. Die Aktien des Logistikers liegen seit Jahresbeginn vielmehr gut 13% im Plus und haben sich vom letztjährigen Mehrjahrestief deutlich gelöst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das kommt nicht von ungefähr. Geopolitische Disruptionen erhöhen in der Logistik die Komplexität: Routen ändern sich, Kapazitäten werden knapper, Transportkosten steigen. Davon profitieren gerade grosse Anbieter wie Kühne + Nagel, weil Kunden stärker auf Erfahrung, Netzwerk und Problemlösungen angewiesen sind. An diesem Marktumfeld ändert vorerst auch die Waffenruhe zwischen der USA und dem Iran nichts.Stefan Paul ist seit August 2022 CEO von Kühne + Nagel und leitete zuvor den Bereich Strassenlogistik und Vertrieb.Quelle: Kühne + Nagel«Je komplexer die Situation wird, desto wichtiger werden wir als Dienstleister», sagt auch Stefan Paul, CEO von Kühne + Nagel, im Gespräch mit The Market.Und solange das Rote Meer wegen der Huthi-Miliz nur eingeschränkt passierbar bleibt, profitieren Reeder und Logistiker von längeren Wegen und knapperem Schiffsraum. Normalisieren sich die Routen, verschwindet diese Komplexitätsprämie. Zusätzliche Kapazität könnte die Frachtraten dann belasten.Derzeit ist dies Zukunftsmusik. In der Seefracht ist die Kapazität in Asien knapp, weil viele Unternehmen Ware vor möglichen neuen US-Zöllen verschiffen wollen. Gleichzeitig werden zum 1. Juli langfristige Verträge mit Reedereien neu berechnet, inklusive der wichtigen Treibstoffzuschläge.Der Shanghai Containerized Freight Index ist deutlich gestiegen. Seit Jahresbeginn haben sich die darin abgebildeten Spotraten in Dollar beinahe verdoppelt.Zollunsicherheit, höhere Frachtkosten in der Zukunft und knappe Kapazitäten stützen derzeit Frachtraten und Margen.«In der Seefracht sieht man solche Entwicklungen bei uns im Ergebnis typischerweise ein Quartal später», sagt Paul.Ob der aktuelle Sonderaufschwung in Asien nachhaltig ist oder vor allem vorgezogene Nachfrage widerspiegelt, ist offen. Paul hält den Peak überwiegend für vorgezogen, sieht wegen abgebauter Lager in den USA aber Chancen für eine Belebung im zweiten Halbjahr.Amazon ist ein Risiko, aber keine unmittelbare BedrohungAuch Amazons Vorstoss in die Logistik hat den Titel bisher nicht nachhaltig belastet. Der Onlineriese kündigte Anfang Mai an, seine Amazon Supply Chain Services (ASCS) für Drittunternehmen zu öffnen. Kunden erhalten damit Zugang zu einem globalen Netzwerk für See-, Strassen-, Schienen- und Lufttransport sowie zu Distribution, Fulfillment (Auftragsabwicklung) und Paketversand. Sie sollen ihre Lieferkette künftig von den Rohstoffen bis zum Endprodukt über Amazon organisieren können.Die Grafik zeigt, wie Amazon Supply Chain Services Transport, Distribution, Auftragsabwicklung und Paketversand entlang der gesamten Lieferkette verbindet.Quelle: AmazonDie Dimension ist beträchtlich: Amazon verfügt über mehr als 80’000 Lastwagen, 24’000 Container, rund 100 Flugzeuge sowie Lager- und Abfertigungsanlagen weltweit. «Amazon ist als Wettbewerber zu 100% ernst zu nehmen», sagt Gerhard Wolf, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg LBBW.Besonders KMU und Grosskunden, denen Ressourcen oder technologische Fähigkeiten für komplexe Logistikprozesse fehlen, könnten auf das Angebot ansprechen, sagt Sathish Babu Sivakumar, Aktienanalyst beim belgischen Vermögensverwalter DPAM. Wettbewerbsdruck für Kühne + Nagel sieht er vor allem in Spedition, Kontraktlogistik und Paketlieferung.Kurzfristig dürfte der Einfluss begrenzt bleiben. Kühne + Nagel steuert komplexe globale Lieferketten, etwa für Pharmaprodukte, Automobil- und Maschinenbauteile oder Halbleiter. Zudem verweist CEO Stefan Paul auf die Unterschiede im Geschäftsmodell: Kühne + Nagel arbeite asset-light, orchestriere Frachtströme über ein globales Netzwerk und sei nicht in der letzten Meile tätig. Amazon sei daher ein zusätzlicher Wettbewerber – und zugleich ein Kunde.Fragmentierter Markt bietet SchutzDer Logistikmarkt bleibt auch stark fragmentiert. Selbst als Marktführer kommt Kühne + Nagel nur auf 5 bis 8% des adressierbaren Marktes. Mit Amazon dürfte sich zwar der Wettbewerb verschärfen und mittel- bis langfristig herausfordernder werden. Der Vorstoss stellt die Geschäftsmodelle von Kühne + Nagel und der dänischen Hauptkonkurrentin DSV jedoch nicht grundsätzlich in Frage.«Der Kuchen ist weiterhin gross genug, um zu wachsen, ohne sich zwangsläufig gegenseitig Marktanteile abnehmen zu müssen», betont Wolf.In der Vergangenheit stand vielmehr die Thematik im Vordergrund, wie sich in einem fragmentierten Markt Wachstum erzielen lässt. DSV und Kühne + Nagel verfolgen dabei unterschiedliche Strategien. DSV setzt stärker auf grosse Übernahmen, Skaleneffekte und Kostenführerschaft.Kühne + Nagel geht vorsichtiger vor und setzt stärker auf organisches Wachstum sowie kleinere Bolt-on-Akquisitionen. «Das ist kein Entweder-oder. Es sind zwei unterschiedliche Philosophien», sagt CEO Stefan Paul. Mit dieser Strategie sei Kühne + Nagel über Jahrzehnte erfolgreich gewesen und gemessen am Volumen in der See- und Luftfracht die Nummer eins.Rechenzentren treiben das WachstumKühne + Nagel ist zudem in mehreren strukturell wachsenden Märkten gut positioniert. «Der Konzern hat sich in Bereichen wie Pharma, Frischwaren und Technologie eine starke Expertise aufgebaut», sagt Sivakumar. Das Frischwarengeschäft gilt als defensiv. Und das Wachstum in Investitionsgütern, Verteidigung und Technologie dürfte die frühere stärkere Abhängigkeit vom deutschen Automobilsektor teilweise ausgleichen.Besonders wichtig ist der Boom bei Rechenzentren und Halbleitern. «Kühne + Nagel profitiert deutlich von dieser Entwicklung», sagt Michael Foeth, Analyst bei Vontobel. Zwar lässt sich der Effekt nicht exakt beziffern. Doch in der Luftfracht wäre das Wachstum im ersten Quartal ohne Frischwaren und den stark rückläufigen E-Commerce im hohen einstelligen Bereich gelegen. Das deutet auf ein deutliches Wachstum im Hightech-Geschäft hin.Diesen Bereich hat Kühne + Nagel gezielt ausgebaut. Als sich die Dynamik abzeichnete, nutzte der Konzern die Schenker-Übernahme durch DSV, um erfahrene Spezialisten mit Branchenwissen und Kundenkontakten von der Konkurrenz an Bord zu holen.Für Hyperscaler wie Google, Amazon Web Services, Microsoft oder Meta übernimmt Kühne + Nagel heute End-to-End-Logistik. Grosse Warenströme kommen dabei aus Asien und Südostasien, besonders aus Taiwan, Thailand und Vietnam, in die USA. «Für uns ist das derzeit die am schnellsten wachsende Industrie», sagt Paul. Je nach Bereich rechnet er für 2026 mit Wachstumsraten von 30 bis 40%.Dahinter steht nicht nur der Bau von Rechenzentren, sondern ein ganzes Ökosystem aus Servern, Kühleinheiten, Stromversorgung und entsprechenden Komponenten von Anbietern wie ABB, Siemens Energy oder Hitachi. Gefragt sind auch Spezialleistungen: Kühne + Nagel liefert Racks nicht nur in Rechenzentren, sondern installiert und schliesst sie teilweise auch an.Diese Entwicklung stärkt schlussendlich auch die Kontraktlogistik. Früher liessen sich See-, Luft- und Landfracht stärker separat verkaufen. Heute erwarten Kunden, besonders aus dem Technologiesektor, integrierte Lösungen – von Lagerung und Distribution über Kommissionierung und Verpackung bis zum Retourenmanagement.Das bindet Kunden enger. Wer Ware von A nach B transportiert, ist austauschbar. Wer dagegen in Prozesse, Standorte und Qualitätsanforderungen eingebunden ist, wird Teil der Kundenorganisation. Das gilt auch im Gesundheitsbereich, wo die Eintrittsbarrieren wegen regulatorischer und qualitätsspezifischer Anforderungen hoch sind.Asien und die USA geben den Takt vorIn der Logistik folgt oft eine Krise auf die nächste. In den vergangenen zwei Jahren belasteten die Sicherheitslage am Roten Meer, die US-Zollpolitik und der Iran-Krieg die Branche. Zugleich verschiebt sich der Welthandel entlang geopolitischer Bruchlinien und neuer Wachstumsräume. «Handel ist wie fliessendes Wasser», sagt Gerhard Wolf, Analyst bei LBBW.Dies zeigen die Warenströme mit dem alten Kontinent deutlich. Europas Exporte nach Asien nehmen ab, während die Importe aus Asien steigen. «Die Musik spielt in Asien und den USA», sagt Stefan Paul, CEO von Kühne + Nagel.Besonders sichtbar ist der Wandel mit Blick auf China. Früher war das Land vor allem Produktionsstandort, während Logistikentscheide meist in Europa oder den USA getroffen wurden. Heute steuern chinesische Konzerne wie BYD, CATL oder Hikvision ihre globalen Warenströme selbst aus China. Für Kühne + Nagel bedeutet das: Der Vertrieb muss stärker in Asien verankert sein.Das spricht jedoch nicht gegen Kühne + Nagel. In einem komplexeren Logistikumfeld ist Grösse ein Vorteil: Das globale Netzwerk, die Erfahrung und die lokale Präsenz helfen, Lieferketten zu verlagern und neue Handelsströme zu bedienen.Dies gelingt Kühne + Nagel. Wachstumsbereiche wie Hightech und der Gesundheitssektor sollten im weiteren Jahresverlauf die Profitabilität stützen. Die Volumenentwicklung selbst bleibt von Weltwirtschaft und geopolitischen Unsicherheiten abhängig.Gerade angesichts der erfolgreichen Positionierung im Technologiebereich hält The Market trotz der Amazon-Gefahr eine konstruktivere Haltung gegenüber Kühne + Nagel für angebracht.Auf Basis der Konsensschätzungen für die nächsten zwölf Monate liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei 23. Der Unternehmenswert entspricht dem 11-Fachen des Ebitda. Beide Kennzahlen liegen unter ihrem historischen Schnitt.
Auch Kühne + Nagel profitiert vom Rechenzentrenboom
Der Schweizer Logistikkonzern erhält derzeit nicht nur Rückenwind von höheren Frachtraten in der Seefracht, sondern auch von den Investitionen in die KI-Infrastruktur. Trotz der Gefahr durch Amazon ist Kühne + Nagel an der Börse wieder im Aufwärtstrend.










