Hinter der Headline

Der führende Anbieter von KI-Chips liefert erneut glänzende Quartalszahlen. Der Ausblick für die laufende Berichtsperiode übertrifft die Erwartungen. Dennoch fällt die erste Reaktion an der Börse verhalten aus. Was ist der Grund dafür? Für die Börsen ist es inzwischen schon fast zur Gewohnheit geworden. Nvidia hat am Mittwochabend einmal mehr über einen beneidenswert starken Geschäftsgang berichtet. Der Boom im Bereich künstliche Intelligenz (KI) verspricht dem weltgrössten Halbleiterkonzern weiterhin kräftiges Wachstum.Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

Themarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Das war ein aussergewöhnliches Quartal. Die Nachfrage ist parabolisch gestiegen», beendete Gründer und CEO Jensen Huang die Präsentation zum Geschäftsbericht. In der laufenden Periode per Ende Juli soll es im gleichen Stil weitergehen. Der Umsatz soll auf 91 Mrd. $ expandieren, was die Analystenschätzungen von 86,2 Mrd. $ klar übertrifft und eine Beschleunigung des Wachstumstempos auf 95% impliziert.Für einen Konzern dieser Grösse ist das präzedenzlos. Der Umsatz hat sich bereits im vergangenen Quartal um 85% auf 81,6 Mrd. $ verbessert, wogegen der Konsens der Analysten mit 78,8 Mrd. $ gerechnet hatte. Auf sequenzieller Basis resultierte ein Plus von 20%. Die Bruttomarge als wichtigste Kenngrösse zur Profitabilität in der Halbleiterindustrie blieb mit 74,9% zwar einen Hauch hinter den erwarteten 75% zurück, bewegt sich aber weiterhin auf überaus ansprechendem Niveau.Dank dem massiven Bedarf an Rechenleistung für KI-Dienste druckt Nvidia förmlich Geld. Der freie Cashflow ist im Berichtszeitraum weiter auf 48,6 Mrd. $ gestiegen, nach 26,1 Mrd. $ im Vorjahr und 34,9 Mrd. $ im vorherigen Quartal. Für die letzten zwölf Monate beträgt er insgesamt 119 Mrd. $. Im S&P 500 verdient nur Apple mehr, und ab dem nächsten Quartal wird Nvidia aller Voraussicht nach an die Spitze rücken.Ein beträchtlicher Teil dieser Summe wird an die Aktionäre ausgezahlt. In den vergangenen drei Monaten hat Nvidia 20 Mrd. $ in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen ausgeschüttet. Das laufende Rückkaufprogramm mit einem verbleibenden Volumen von 38,5 Mrd. $ wird um 80 Mrd. $ ergänzt. Zudem wird die quartalsweise ausgeschüttete Dividende von 0.01 auf 0.25 $ pro Aktie erhöht, was eine Rendite von 0,5% ergibt. Dieses Jahr will der Konzern die Hälfte der erwirtschafteten freien Mittel zurückführen.Vorstoss in die Domäne von IntelDer Wachstumsschub ist der raschen Ausbreitung von KI-Diensten zu verdanken. Das Aufkommen von AI Agents – Programmen, die komplexe Aufgaben in mehrere Arbeitsschritte unterteilen und selbständig ausführen können – erfordert wesentlich mehr Rechenleistung. Davon profitiert der gesamte Halbleitersektor und besonders Nvidia.Das Unternehmen dominiert den Markt für GPU-Chips (Graphics Processing Unit), die viele Rechenaufgaben simultan ausführen können und sich besonders gut für KI-Programme eignen. Nun dringt Nvidia auch tiefer in den Markt für CPU-Chips (Central Processing Unit) vor. Diese Prozessoren können Rechenaufgaben blitzschnell in sequenzieller Reihenfolge abarbeiten und sind für die neuen KI-Anwendungen vermehrt gefragt. Anteil von CPU- und GPU-Chips bei Rechenprozessen für gewöhnliche KI-Abfragen (Traditional LLM) und für autonome KI-Dienste (Agentic AI). Quelle: TrendForce Der Vorstoss erfolgt im Zusammenhang mit Vera Rubin. Nvidias neue KI-Plattform kombiniert GPU- und CPU-Chips und soll im dritten Quartal auf den Markt kommen. Der Umsatz mit CPU-Chips soll dadurch in diesem Jahr auf 20 Mrd. $ steigen. Der Konzern würde damit eng zu Intel aufrücken. Der grösste Hersteller von CPU-Chips hat 2025 im Geschäft mit Server-Prozessoren knapp 17 Mrd. $ eingenommen. Analysten gehen für dieses Jahr von 23,1 Mrd. $ aus.Nvidia war anfänglich primär auf GPU-Chips für PC-Geräte und Spielkonsolen spezialisiert. Durch den KI-Boom hat das Geschäft mit Server-Systemen für Rechenzentren eine überragende Rolle übernommen und macht inzwischen mehr als 90% der Einnahmen aus. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, passt der Konzern die Berichterstattung an.Neu wird der Umsatz in drei Sparten aufgeteilt. Die erste umfasst das Geschäft mit Hyperscale-Konzernen, also grossen Cloud-Infrastrukturbetreibern wie Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta Platforms. Es ist im vergangenen Quartal gegenüber dem Vorjahr um 115% auf 37,9 Mrd. $ gewachsen. Wie CEO Huang bei der Ergebnispräsentation sagte, dürfte dieses Segment vorerst weiterhin am schnellsten expandieren.Die zweite Sparte konzentriert sich auf Neocloud-Unternehmen wie CoreWeave, Nebius und Iren sowie auf Unternehmen, die eigene Rechenzentren betreiben. Anders als bei den Hyperscale-Konzernen, die primär an Einzelkomponenten interessiert sind, geht es hier um komplette Server-Systeme. Die dritte Sparte fasst die restlichen Endmärkte ausserhalb des Data-Center-Geschäfts zusammen, namentlich Videospiele, Automobil und Robotik.Opfer des eigenen ErfolgsAn der Börse fällt die erste Reaktion trotz der starken Zahlen gedämpft aus. Der Kurs von Nvidia tendierte am Mittwoch im nachbörslichen Handel gut 1% schwächer. Die Konkurrenten Intel, AMD und Broadcom verzeichneten ebenfalls leichte Abgaben. Es mag überraschen, doch seit Nvidia der letzte grosse Kurssprung im Nachgang eines Quartalsberichts gelungen ist, sind es bereits zwei Jahre her.Woran liegt das? Ein Grund dürfte damit zu tun haben, dass die glänzende Verfassung des Konzerns von Investoren als selbstverständlich hingenommen wird. Deshalb ist Nvidia mit einer Marktkapitalisierung von 5,4 Bio. $ der wertvollste Konzern der Welt. Andere Segmente des Halbleitersektors wie Speicherchips oder Optikkomponenten sind derzeit für Investoren spannender als die grossen Kolosse. Das zeigt sich auch daran, dass die Branchenleader Nvidia und Broadcom dem PHLX Semiconductor Index schon seit einiger Zeit hinterherhinken.Eine zweite Erklärung steht im Zusammenhang mit einem ähnlichen Aspekt. Nvidia war vor der Veröffentlichung der Quartalszahlen zum knapp 27-Fachen des für die nächsten zwölf Monate erwarteten Gewinns bewertet. Für ein Unternehmen mit dieser Wachstumsgeschwindigkeit und Profitabilität erscheint das fast lächerlich günstig – vor allem unter Berücksichtigung, dass die Analysten ihre Schätzungen nun weiter anheben werden. Als Kontext: Der Vergleichswert für den US-Leitindex S&P 500 beträgt rund 22.In der Bewertung könnte sich daher eine gewisse Sättigung reflektieren. Nvidia macht annähernd 9% der Marktkapitalisierung des S&P 500 aus, gemessen am Börsenwert ist der Konzern grösser als der gesamte Aktienmarkt der meisten Länder ausserhalb der USA. Würden Investoren den Titeln eine höhere Bewertung attestieren, wären diese Verhältnisse sogar noch wesentlich extremer, weshalb vermutlich eine Art mentale Hemmschwelle besteht. Börsenwert gemessen an der globalen Wirtschaftsleistung. Quelle: Corepay Ein dritter Grund, und dieser erscheint am wichtigsten, basiert darauf, dass sich das Potenzial von KI-Diensten noch immer nicht abschätzen lässt. Ob sich all die Investitionen in Rechenzentren letztlich auszahlen werden, bleibt umstritten. Derweil geht das Wettrüsten unter Nvidias grössten Kunden zusehends an die Substanz. Amazon und Meta beispielsweise dürften dieses Jahr einen negativen freien Cashflow ausweisen.Es bleiben deshalb Fragen, wie nachhaltig das phänomenale Wachstum von Nvidia auf mittlere bis lange Sicht ist. Und um sie auszuräumen, reicht derzeit selbst der beste Quartalsbericht nicht aus.