Bei der entscheidenden Frage nach der deutschen Niederlage gegen Ecuador reagierte Manuel Neuer zupackender als in der entscheidenden Szene beim 1:2 im WM-Spiel in East Rutherford. Ob er das zweite Gegentor auf seine Kappe nehme, wurde der Torwart gefragt. Die steigende Intonation am Ende des Satzes war kaum ausgesprochen, da packte sich Neuer das Fragezeichen und setzte stattdessen ein Ausrufezeichen: „Nee!“Bei der Bewertung zwischen Neuer-Fehler und koan Neuer-Fehler versuchte der 40 Jahre alte Rückkehrer der Fußball-Nationalmannschaft zumindest im Nachgang, die Oberhand zu behalten, selbst wenn ihm das zuvor im Spiel nicht gelungen war. Eine Ecke Ecuadors war am ersten Pfosten Richtung Neuer in den Fünfmeterraum verlängert worden. Bevor der den Ball fangen wollte und konnte, spitzelte Gonzalo Plata ihn mit dem linken Fuß ins Netz.„Ich sehe ihn von hinten gar nicht“Im Detail trug Neuer, der Angeklagte, seine Verteidigungsstrategie für die misslungene Verteidigung in der 77. Minute vor. Er sprach über eine „ganz normale Situation“. Aus fachlicher Sicht erkannte er keinen Fehler: „Jeder Torwart, der mal gespielt hat, weiß, dass ich mich so zum Ball hinstellen muss und den so versuchen muss zu fangen.“Für alle Torwartspiel-Laien, die damit nichts anfangen konnten, übersetzte Neuer seine Argumentationslinie in Feldspieler-Sprache. „Das ist wie, wenn ein Spieler zum Ball geht und der eine kommt ein bisschen mit der Fußspitze vor dem anderen dran.“ Er habe auf die Verlängerung – bei der David Raum das Kopfballduell verlor – geblickt. „Ich muss auf das schauen, was vorne passiert, wo der Ball ist“, sagte Neuer. Den Torschützen Plata, der seitlich hinter ihm stand, nahm er nicht wahr. „Ich sehe ihn von hinten gar nicht.“Müsste er nicht mit der Erfahrung eines 40 Jahre alten, fünfmaligen WM-Teilnehmers in Betracht ziehen, dass ein Angreifer aus dem Hinterhalt kommt, und auf Nummer sicher gehen, etwa mit der Faust? „Fangen wäre die sicherste Lösung gewesen“, blieb Neuer bei seiner Sichtweise wegen des eingeschränkten Sichtfelds. „Wenn ich anfange, im Fünfmeterraum auf der Höhe der Brustwarze die Bälle rumzupatschen, wäre es möglicherweise ein Eigentor gewesen.“ Es war eine Entscheidung „in Millisekunden“.Nach Neuers Schlussplädoyer zum entscheidenden Schuss des Spiels stellte sich auch der Bundestrainer direkt vor seinen Torwart. Julian Nagelsmann erachtete eine Verteidigung als „sehr schwer, bei der Dynamik“. Der Stürmer komme aus dem Rücken, „mit dem langen Bein stochert er rein – eine extrem undankbare Situation“. Das erste Gegentor, ein aufsetzender Schuss von Nilson Angulo, bewertete Nagelsmann als „superschwer“, weil Aleksandar Pavlović den Ball durch die Beine bekommen hatte.Drei Spiele, vier Gegentore, keine Weltklasse-Paraden – die Vorrundenbilanz Neuers und auch Nagelsmanns, dessen Idee es war, den zurückgetretenen Torwart zurückzuholen, liest sich nicht so, als hätte ein Oliver Baumann diesen Leistungsnachweis nicht auch erbringen können. Und dass Neuers besondere Aura die Stürmer aus Curaçao, der Elfenbeinküste und Ecuador beeinflusst und beeindruckt hätte, war auch nicht unbedingt auszumachen.Auch hier hielt Nagelsmann seine Hand über Neuer und plädierte auf Verschiebung des Urteilsspruchs: „Es ist bis jetzt noch kein Torwartspiel dabei gewesen.“ Was er meint: Reihenweise Torchancen hatten die drei Gegner sowieso nicht, die ersten drei der vier Gegentore waren kaum haltbar. „Es ist wieder extrem ärgerlich für Manu, dass er so die Winner-Aktion leider noch nicht hatte“, sagte Nagelsmann.Bislang hat weder Nagelsmann noch die Nationalmannschaft durch die Neuer-Rückkehr etwas gewonnen bei dieser Weltmeisterschaft. Ob sich die Rückholaktion des Bundestrainers gelohnt hat, lässt sich erst sagen, wenn Neuer der Nationalmannschaft ein Spiel gewonnen hat. So wie im Jahr 2014, als am Ende der Titel gewonnen wurde. Das Turnier war das bisher letzte, bei dem Neuer eine WM-Partie ohne Gegentor beendete.Es wird Zeit, wenn Nagelsmann seine riskante Wette mit Neuer gewinnen möchte. Beginnend mit dem Sechzehntelfinale an diesem Montag (22.30 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV), kann jedes deutsche WM-Spiel das letzte sein.