Der andere BlickDie Macht der USA wird überschätzt. Die Todfeinde Israel und Iran kämpfen weiterDer Nahe Osten ist das Grab der amerikanischen Ambitionen. Ob mit Druck oder Diplomatie: Die meisten US-Initiativen scheitern. Auch Trump wird diese Erfahrung machen.26.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenZwei amerikanische Fallschirmjäger üben in der kalifornischen Wüste den Einsatz unter schwierigen klimatischen Bedingungen.Spc. Steven Alger / U.S. ArmyFür den Orient typisch ist die Fata Morgana, jene Luftspiegelung, die am vor Hitze flirrenden Horizont eine Oase vorgaukelt. Nähert man sich ihr, entpuppt sich alles als Trugbild.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Waffenstillstandsvereinbarung zwischen den USA und Iran ist so eine Fata Morgana.Ein provisorisches Abkommen, gezimmert von zwei Parteien, die aus unterschiedlichen Gründen dringend ein Ende der Kämpfe benötigten, aber in allen wichtigen Fragen diametral entgegengesetzte Positionen vertreten.Um auch nur den Fahrplan für die weiteren Gespräche zu klären, war ein Gipfeltreffen vor der Postkartenidylle der Schweizer Alpen erforderlich. Alles Weitere muss erst ausgehandelt werden.Washington und Teheran haben sich zudem auf ihr Memorandum ohne Einverständnis Israels geeinigt. Verträge zulasten Dritter sind instabile Konstrukte. Iran will Israel zum Rückzug aus Südlibanon zwingen, denkt aber selbst nicht daran, seine Unterstützung für den Hizbullah zu beenden. Schon daran kann alles scheitern.Trumps Gaza-Abkommen wird nicht umgesetztDonald Trump, der Sultan aus Washington, passt gut in den Orient. Er versteht sich auf Illusionen.Sein Friedensplan für Gaza ist eine Fata Morgana. Die Hamas gibt ihre Waffen nicht wie vereinbart ab, und Israel zieht sich nicht aus dem Gebiet zurück.Es existiert keine palästinensische Expertenregierung, der Wiederaufbau des völlig zerstörten Streifens hat noch nicht einmal begonnen, und der von Trump grossspurig angekündigte Friedensrat ist eine Luftnummer.Lauter Märchen aus 1001 Nacht.Auch das Iran-Abkommen kann als Torso enden. Dass die Iraner jemals den mit 300 Milliarden Dollar gefüllten Jackpot – eine vertraglich fixierte «Wiederaufbauhilfe» – knacken werden, ist ohnehin unwahrscheinlich. Eher gewinnen sie beim Roulette in Las Vegas.Nur die Menschen in Gaza und Iran leiden ganz real unter der materiellen Not wie unter der Repression ihrer Regime. Aber das kümmert Washington nicht, und erst recht nicht die Europäer, die sonst doch so stolz sind auf ihre wertebasierte Aussenpolitik.Kein westlicher Politiker ist bereit, eine Wahl zu verlieren, nur um die Iraner von ihren Peinigern zu befreien. Das trifft auf Trump zu, aber auch auf Merz, Macron und Meloni.Keine westliche Gesellschaft akzeptiert eine langanhaltende Wirtschaftskrise, nur um den Menschenrechten irgendwo hinter den sieben Bergen zum Durchbruch zu verhelfen.Alles Gerede über «regime change» im Nahen Osten ist daher Unsinn. Das galt für George Bushs Irakkrieg 2003, das gilt auch heute.Die historische Perspektive relativiert die zwischen Amnesie und Hysterie schwankenden Anschuldigungen gegen Trump. Amerikanische wie europäische Medien werfen ihm vor, er habe vor Teheran kapituliert. Die Empörung gipfelt in der furiosen Behauptung, er sei der schlechteste Präsident seit der Staatsgründung vor 250 Jahren.Dabei macht die jetzige Regierung nur dieselbe Erfahrung wie die meisten US-Administrationen vor ihr. Seit sich Ronald Reagan in den Sumpf des libanesischen Bürgerkriegs stürzte und bald darauf seine Truppen kleinlaut wieder abzog, pflegen amerikanische Militärinterventionen im Orient schiefzugehen.Das gilt auch für viele diplomatische Initiativen. Bill Clinton war kein dauerhafter Erfolg beschieden, als er Israeli und Palästinenser zum Friedensschluss im Rosengarten des Weissen Hauses antraben liess. Das von Barack Obama ausgehandelte Atomabkommen mit Iran scheiterte an der kriminellen Energie Teherans.Der Nahe Osten ist ein grosses Grab für amerikanische Ambitionen. Die eigentliche Preisfrage lautet, warum es Washington trotzdem stets aufs Neue probiert.Die Region zieht Amerika in einer Weise an, die ihre strategische Bedeutung nicht hergibt. Seit die Sowjetunion zerbrach, gibt es dort niemanden, der die USA ernstlich herausfordern könnte. Das verführt Washington zu überzogenen Vorstellungen davon, was seine Macht erreichen kann.Weder der Krieg im Irak noch der in Afghanistan sorgten für mehr Sicherheit. Beide dauerten beträchtlich länger als das iranische Abenteuer und forderten viel mehr Menschenleben. So gesehen besann sich Trump bemerkenswert rasch eines Besseren.Die Ursache für die magere Erfolgsbilanz ist nicht, wie jetzt gerne behauptet wird, dass die gewaltige amerikanische Militärmacht keinen Sieg erzwingen kann oder im asymmetrischen Krieg stets den Kürzeren zieht. Auch das ist Unsinn.Natürlich hätte die US-Navy die Strasse von Hormuz so lange abriegeln können, dass die Machthaber in Teheran in ernste Bedrängnis geraten wären.Wirtschaftlich steht dem Regime schon jetzt das Wasser bis zum Hals. Es hat den Krieg zwar überstanden, aber schieres Überleben ist noch kein Zeichen von Stärke. Es muss den Terror gegen die Bevölkerung intensivieren, um die Kontrolle zu behalten.Die islamistische Diktatur ist ein Scheinriese, und jeder Tag der amerikanischen Seeblockade hätte ihre prekäre Lage weiter verschlimmert.Doch keine amerikanische Regierung ist willens, die damit verbundenen politischen und ökonomischen Kosten zu tragen. Ihre orientalischen Händel sind allesamt «wars of choice»: Die USA sind nicht existenziell bedroht und können sich jederzeit zurückziehen.Alle Präsidenten neigen daher dazu, ihre Verluste abzuschreiben und einen Gesichtsverlust in Kauf zu nehmen, sofern sie ihre Ziele nicht erreichen. Das unterscheidet sie von den Regierungen in Jerusalem und Teheran. Sie fechten in einem «war of necessity». Es geht um alles oder nichts.Israel hat militärisch viel erreichtDie Vereinigten Staaten hingegen sind, wie es der deutsche Staatsrechtler Carl Schmitt nannte, eine «raumfremde Macht». Sie können sich aus dem Staub machen. Israel und Iran geniessen diesen Luxus nicht.Was die beiden Länder tun, besitzt eine ungleich grössere Bedeutung für den Konflikt als die Blessuren, die Trump und das amerikanische Selbstwertgefühl davontragen. Ihre Todfeindschaft prägt den Nahen Osten.In Jerusalem ist man wegen des Abkommens nicht gut auf Trump zu sprechen. Trotzdem hat Benjamin Netanyahu keinen Grund zur Klage.Als der Ministerpräsident seinen Waffenbruder Trump zum Angriff auf Iran drängte, wusste er, dass Israel und Amerika zwei unterschiedliche Kriege kämpfen würden. Einen «war of necessity» und einen «war of choice».Zudem gibt in jeder Allianz der stärkere Partner den Ton an. Zwar profitieren auch die USA von dem Bündnis so sehr, dass sich Washington mit der Beendigung selbst erheblich schaden würde. Dennoch sind die Gewichte ungleich verteilt.Vor lauter Enttäuschung geht vergessen, was Israel nach dem Barbarensturm vom 7. Oktober erreicht hat.Iran und seine Hilfstruppen Hamas und Hizbullah sind schwer gezeichnet. Syrien ist aus der Koalition der Antisemiten ausgeschieden; das beraubt Teheran der direkten Landverbindung nach Libanon.Die Regierung in Beirut heisst es insgeheim gut, wie Israel gegen Teherans schiitische Söldner vorgeht.Jerusalem errichtet an seinen Grenzen Pufferzonen und stellt damit wieder den Zustand her, wie er bis zur Jahrtausendwende herrschte.Der Rückzug aus Südlibanon und Gaza erweist sich rückblickend als Fehler. Iran bedroht Israel mit Hizbullah und Hamas so unmittelbar, dass der jüdische Staat strategische Tiefe benötigt.Daher wird Israel auch keiner Zweistaatenlösung mit den Palästinensern zustimmen, solange die Hamas als Hilfstruppe für Teheran agiert. Es behält die Kontrolle über das Westjordanland und hat wieder die Verfügungsgewalt über zwei Drittel von Gaza erlangt.Netanyahu ist seinem Ziel «Frieden durch Stärke» insofern nahe gekommen, als Israel seine militärische Position arrondiert hat. Nur der Frieden rückt in weite Ferne.Der Krieg hat Iran militärisch, wirtschaftlich und vermutlich auch innenpolitisch geschwächt. Es liegt aber in der Natur dieser islamistisch verbrämten Militärjunta, dass sie nicht nachgibt. Sie sinnt auf Rache. Die nächste Runde des Konflikts hat bereits begonnen.Trumps Friedensplan beruht auf der noblen Idee, dass Teheran durch materielle Anreize dazu bewogen wird, seiner aggressiven Politik abzuschwören und sich – unter amerikanischer Oberhoheit – in die Gemeinschaft der Golfstaaten einzufügen.Doch das ist die Wunschvorstellung eines Zaungastes in der Region.Die beiden Hauptakteure wissen es besser. Israel und Iran sind im Nahen Osten zu Hause. Sie neigen daher nicht dazu, eine Fata Morgana mit der Realität zu verwechseln.Passend zum Artikel
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Der Nahe Osten ist das Grab der amerikanischen Ambitionen. Ob mit Druck oder Diplomatie: Die meisten US-Initiativen scheitern. Auch Trump wird diese Erfahrung machen.








