MeinungEuphorie um künstliche Intelligenz: Parallelen zum Neuen Markt sind eindeutigRiesige Investitionsausgaben und schwindende Marktbreite: Die Parallelen der aktuellen Manie zur New-Economy-Blase sind unübersehbar. Wenn die Blase platzt, drohen passiven Investoren Verluste. Allerdings dürfte es auch Gewinner geben.Daniel Haase26.06.2026, 00.48 UhrIm reifen Alter von knapp 78 Jahren liess sich der brillante Mathematiker, Physiker, Astronom und interessanterweise auch Alchemist Sir Isaac Newton im Frühjahr 1720 von der allgemeinen Euphorie für Aktien der englischen Südsee-Kompagnie (South Sea Company) anstecken und investierte. Die Kurse stiegen rasant, und Newton verkaufte, als er seinen Einstand verdoppelt hatte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Allerdings kletterten die Kurse danach unaufhaltsam weiter. Während (eindeutig weniger brillante) Bekannte und Freunde scheinbar mühelos reich wurden, sah das Genie von der Seitenlinie untätig zu. Irgendwann hielt Newton es nicht mehr aus und stieg zu deutlich höheren Kursen erneut ein – ein historisches Paradebeispiel für das psychologische Phänomen FOMO (Fear of Missing Out).Auch Isaac Newton war von psychologischen Fallstricken nicht gefeitQuelle: InstagramWenig später platzte die Blase. Die Kurse stürzten ins Bodenlose. Newton verlor bei diesem zweiten Engagement schätzungsweise 20'000 Pfund Sterling (ein Gegenwert von ca. 2,2 Tonnen Silber bzw. rund 4,4 Mio. € in heutiger Kaufkraft). Zwar trieb ihn dieser Verlust dank seines lukrativen Amtes als königlicher Münzmeister nicht in den finanziellen Ruin, doch der Schmerz über die eigene Fehleinschätzung sass tief. Diese bittere Erfahrung mündete in sein berühmtes Eingeständnis, dass er zwar die Bahn der Himmelskörper berechnen könne, nicht aber den Wahnsinn der Menschen.Die Geschichte reimt sichManien, Paniken und Crashs ziehen sich wie ein roter Faden durch die Finanzgeschichte. Es gab sie bei praktisch jedem bedeutenden technologischen Durchbruch: Eisenbahnen, Elektrizität, Automobile, Computer, Internet und Mobilfunk. Jede dieser technologischen Revolutionen beflügelte die Phantasie der Börsianer und führte zu grandiosen Kursgewinnen. Ausnahmslos jeder dieser Innovationsschübe mündete in einer Blase, die früher oder später platzte und bei Anlegern katastrophale Verluste verursachte – genau wie damals bei Newton. «Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich», lautet ein passendes Bonmot des US-Autors Mark Twain.Dieses historische Lehrstück über Gier und Herdentrieb bringt uns direkt in die Gegenwart. Das Geschäftsmodell der grossen US-Konzerne, um die sich der Hype um künstliche Intelligenz (KI) dreht, wandelt sich derweil zusehends von Cash-Generatoren zu echten Cash-Verbrennern. Sie werden in der Buchhaltung immer kreativer, sodass es schwieriger wird herauszufinden, wie hoch ihre echten Gewinne, Cashflows und Verbindlichkeiten tatsächlich sind.KI: Wenn Cash-Generatoren zu Cash-Verbrennern werdenDie laufenden Investitionsausgaben (Capex) der Hyperscaler, die die Cloud-Infrastruktur zur Verfügung stellen, könnten gemäss Barclays bis zum Jahr 2028 die Marke von 1,1 Bio. $ übersteigen, was einen enormen Druck auf den operativen Cashflow ausübt. Um diese Summen zu stemmen, stellen die Konzerne ihre umfangreichen Aktienrückkaufprogramme ein, emittieren stattdessen zusätzliche Aktien – wie Alphabet, die neulich eine Platzierung von 80 Mrd. $ angekündigt hat – und treiben ihre Bruttoverschuldung massiv in die Höhe.Zusätzlich stützen sich die Tech-Riesen auf gewaltige Verpflichtungen ausserhalb der Bilanz (Off-Balance-Sheet) wie Leasingverträge und langfristige Kaufverpflichtungen, die sich bei den grössten Playern gemäss Morgan Stanley auf bis zu 1,8 Bio. $ summieren. Hinzu kommt das riskante Phänomen der «zirkulären Finanzierung», das mich an das berüchtigte «Vendor Financing» von Firmen wie Sun Microsystems, Nortel und Lucent zur Jahrtausendwende erinnert. Wie damals beteiligen sich die Tech-Giganten an Start-ups oder gewähren Lieferanten Kredite, die mit diesen Mitteln wiederum die Dienstleistungen oder Chips ihrer Investoren kaufen. Es ist der erste Reim.Solange der Boom anhält, treibt dieses System den ausgewiesenen Umsatz, den operativen Cashflow und den Gewinn künstlich in die Höhe. Doch wenn auch nur ein Akteur in diesem eng verflochtenen Ökosystem stolpert, droht ein Dominoeffekt, der sowohl die künftigen Umsätze als auch die Bilanzen erheblich belasten wird. Selbst wenn wir annehmen, dass dieses Mal niemand strauchelt, müssen all die gewaltigen Investitionen früher oder später in Abschreibungen münden und damit die zukünftigen Gewinnmargen der betroffenen Unternehmen unter Druck setzen.Strukturelle Warnsignale am MarktAuch in der Struktur des Aktienmarkts lassen sich Reime auf den New-Economy-Boom finden. Betrachten Sie dazu einmal die folgende Grafik, die die Sektorentwicklung im letzten Halbjahr der Technologieblase darstellt:Abb. 1 zeigt die Performance der Sektorindizes im MSCI ACWI (All Country World Index) im S&P 500 in den letzten sechs Monaten vor dem Platzen der New-Economy-Blase.Quelle: BofA Global Investment Strategy, www.empiria-fonds.deVergleichen Sie dieses Bild mit der aktuellen Entwicklung des MSCI ACWI (vgl. zweite Grafik). In beiden Zeiträumen führt Technologie mit starker Performance, während Basiskonsum, Grundstoffe und Gesundheit Verluste verkraften müssen. Seit Ende Februar dieses Jahres konzentrieren sich die massiven Gewinne fast ausschliesslich auf den Technologiesektor.Abb. 2 zeigt die Performance der Sektorindizes im S&P 500 seit dem 27. Februar 2026.Quelle: www.empiria-fonds.deAlle anderen Sektoren schneiden schwächer ab als der Gesamtindex, und die meisten mussten sogar Verluste hinnehmen. Eine solche Fokussierung auf wenige Gewinner bei allgemeiner Schwäche ist historisch ein unübersehbares Warnsignal; derzeit machen KI-getriebene Technologiewerte fast 40% des S&P 500 aus. Die hohe Konzentration reimt sich ebenfalls auf frühere Manien.Solange sich im Aktienmarkt auf breiter Front Gewinne erzielen lassen und eine gesunde Marktbreite herrscht, ist es kein Problem, wenn einige Titel stärker steigen als der Rest. Doch wenn nur wenige Titel avancieren, während die meisten Aktien stagnieren oder gar fallen, betritt der Markt ein strukturell gefährliches Terrain.Die gute Nachricht: kein Bärenmarkt für Value und Low VolaWer den vorangegangenen Argumenten folgt, blickt vermutlich wie ich mit einer gewissen Skepsis auf das Renditepotenzial der von wenigen grossen Technologietiteln dominierten globalen Aktienindizes. Dabei ist ein historischer Rückblick auf die Jahre 2000 bis 2003 aufschlussreich. Der damalige Bärenmarkt verlief keineswegs gleichförmig, sondern traf vor allem die enorm überbewerteten Technologie-, Medien- und Telekomwerte.Abb. 3 zeigt die Median-Performance der Aktien im S&P 500 (aufgeteilt in fünf Quintile) zwischen dem 7. März 2000 und dem 12. März 2003. Der Dax hatte seinerzeit in Euro 73% verloren. Im S&P 500 konnten etwas mehr als die Hälfte der Aktien inklusive Dividenden einen Wertzuwachs erzielen.Quelle: www.empiria-fonds.deViele defensive Qualitätsaktien sowie klassische Value-Titel, die während der Manie kaum Beachtung fanden, entzogen sich dieser Dynamik. Während der Dax vom Hoch im März 2000 bis zum Tief im März 2003 um über 70% einbrach, verzeichneten substanzstarke Unternehmen wie OMV, Bilfinger oder Adidas Gewinne von über 40%, während Titel wie K+S oder Beiersdorf sogar mehr als 50 bzw. 60% zulegen konnten. Mehr als die Hälfte aller Aktien im S&P 500 überstand den Bärenmarkt ohne nennenswerte Verluste, und rund 200 Titel verzeichneten prozentual zumindest zweistellige Gewinne (vierzig Titel haben sich sogar mehr als verdoppelt).Sobald die KI-Blase platzt, dürften für alle Aktienindizes, die von Technologieaktien dominiert werden, schwierige Zeiten anbrechen. Doch ich vermute, die Geschichte wird einen weiteren Reim bieten, indem ähnlich wie von 2000 bis 2003 erneut viele defensive Qualitätsaktien und Value-Titel sich diesem Bärenmarkt entziehen können. Wer ernsthaft aktive Aktienauswahl betreibt, braucht sich vor einem KI-Bärenmarkt nicht fürchten.Daniel HaaseDaniel Haase ist Gründungspartner des Fondsadvisors Haase-Mölk-Tsouloftas unter dem Haftungsdach NFS in Hamburg, der sich auf eine regelbasierte Vorgehensweise bei Aktienauswahl und Risikomanagement spezialisiert hat. Haase ist seit 1990 an den Märkten aktiv. Er erlebte die Technologiehausse der Neunzigerjahre hautnah mit und stieg aus purem Glück rechtzeitig vor dem Platzen der Blase aus. Sein Wunsch, nie wieder vom Glück abhängig zu sein, trieb ihn zur quantitativen Markt- und Aktienanalyse. Das von ihm entwickelte Trendanalysemodell und seine Untersuchungen zur regelbasierten Aktienauswahl wurden mehrfach ausgezeichnet. Seit 2015 verantwortet Haase institutionelle Mandate und Publikumsfonds, darunter den Empiria Stiftung Balance global. Seine monatlichen Marktanalysen werden im Empiria-Brief veröffentlicht.