Die Fans der schottischen Nationalmannschaft haben Durst. So viel Durst, dass mancher Bar das Bier ausgeht. Das soll nicht nochmal passieren. „Diesmal sind wir besser vorbereitet“, sagt Kneipeninhaber Billy Decain.Unser WM-Reporter reist seit drei Wochen durch die USA. Die Gegensätze sind extremer geworden. Die Gastfreundschaft ist enorm, genau wie die unübersehbaren Probleme des Landes.Der Fünf-Dollar-Schein liegt mitten auf dem Gehweg. Offensichtlich ist er jemandem aus der Tasche gefallen. Der Mann in Handwerker-Kleidung sieht ihn, will sich gerade runterbeugen – dann erblickt er mich. Ich gehe an diesem Nachmittag durch eine der Hauptstraßen in Winston-Salem und bin drei Meter hinter ihm. Der Mann sieht mich an, lächelt, zeigt auf den Schein und sagt: „Nehmen Sie ihn.“ Ich stutze. „Warum? Sie haben ihn doch zuerst gesehen und waren zuerst da.“ Der Mann zuckt mit den Schultern und lächelt wieder. „Sie haben ihn verdient.“ Dann geht er weiter, dreht sich nochmal um und ruft: „Holen Sie sich einen leckeren Kaffee und ein Cookie davon. Da unten ist ein gutes Café.“Kurz überlege ich – wohl typische deutsche Skepsis: Ist hier irgendein Haken an der Sache? Ist das gerade ein Prank für irgendeinen YouTube-Channel, der Klassiker aus Sendungen mit der versteckten Kamera, mit einem unsichtbaren Faden an dem Geldschein? Schnell stelle ich fest: Nein, ist es nicht. Der Mann ist einfach nur freundlich.Ja, klar, das hätte auch in Deutschland passieren können, zumindest theoretisch. Und doch habe ich das Gefühl, dass diese kleine Episode aus unserem Alltag als WELT-Reporter bei der WM etwas über die USA und die Menschen hier aussagt. Spontane Begegnungen sind einfach sehr positivSeit drei Wochen sind wir in Nordamerika unterwegs und berichten über die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Eine Woche Chicago, bald zwei Wochen in Winston-Salem in North Carolina, zwischendurch zwei Tage in Houston/Texas sowie einige Tage in New York und New Jersey. Und mir fällt immer wieder auf, wie freundlich und hilfsbereit die US-Amerikaner sind. Lesen Sie auchMir ist klar: Das Klischee der oberflächlichen Freundlichkeit der Menschen in den USA ist lange bekannt und lebt. Es gibt nichts zu verklären. Aus Gesprächen mit Freunden und Bekannten, die lange hier gelebt haben oder immer noch leben weiß ich, wie schwierig es sein kann, tiefergehende Freundschaften und ehrliche Bindungen zu finden. Doch die kurzfristigen spontanen Begegnungen sind oft einfach sehr positiv.Lesen Sie auchVor allem: Die US-Amerikaner warten nicht, bis man um Tipps oder Hilfe fragt. Sie geben direkt Empfehlungen und fragen, ob man Hilfe braucht. Einen Tag nach der Geldschein-Nummer treffe ich Dave, einen Mittvierziger im Polo-Hemd. Ich sitze mit einem Bagel vor einem Café, Daves Hund springt mich an. Dave entschuldigt sich und hört an meinem Akzent, dass ich aus Deutschland bin. „Da vorn sind super Galerien! Da musst du hin.“ Ob ich schon in dem besten Restaurant der Stadt hier um die Ecke war. Ob ich wusste, dass es eine Straße weiter eine super Boutique gibt. „Und wenn du Fragen hast – wir sehen uns eh, ich laufe jeden Tag hier herum.“ Später bin ich kurz mit dem Fahrrad unterwegs. An einer Weggabelung stoppe ich, um auf Google Maps zu prüfen, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Sofort hält eine Frau auf einem Rennrad an. Ob alles okay sei, ob ich Probleme mit dem Kreislauf oder meinem Rad habe, fragt sie.Die Gastfreundlichkeit ist enorm. Doch nur wenige Momente später, nur 20 Meter weiter zeigen sich die Probleme dieses Landes. In Winston-Salem, wo die deutsche Mannschaft ihr WM-Quartier bezogen hat, leben rund 260.000 Menschen. Eine eher kleine Stadt, mit vielen ruhigen Wohngegenden im Grünen, voller prächtiger Einfamilien-Häuser mit großen Autos und Basketballkörben in der Einfahrt und der Elite-Universität Wake Forest (rund 90.000 Euro Studiengebühren pro Student pro Jahr). Auf dem Gelände der Uni gibt es 23 Gastronomie-Betriebe, in zwei Kantinen werden täglich bis zu 4000 Studenten bekocht.Stadt sichert nachts Einfahrten der ParkhäuserIn Downtown sehen wir jeden Tag die Opfer der Drogenepidemie. Männer und Frauen, die in der Nähe des Busbahnhofs durch die Straßen ziehen. Völlig weggetreten, oft nehmen sie mich und meine Kollegen gar nicht wahr. Ich weiß nicht, was sie nehmen, man liest viel über Fentanyl. Es ist offensichtlich, dass sie schwere Drogenprobleme haben.Die Stadt sichert nachts die Einfahrten einiger Parkhäuser. Auch in Deutschland habe ich – wie wahrscheinlich jeder – in großen und kleinen Städten schon Drogenelend gesehen. Aber das hier ist eine andere Dimension.Ich war zuletzt vor Corona in den USA, bin mehrfach unter anderem durch Kalifornien, New York, Maine und Florida gereist. Mich haben die USA immer begeistert und begeistern mich bis heute. Vor allem wegen der Popkultur, die mich seit der Kindheit beeinflusst, wegen der Weite dieses Landes und der unfassbaren Natur. Ich bin den USA in vielen Belangen positiv gegenüber eingestellt, ich mag diese Du-kannst-alles-schaffen-Mentalität vieler hier, auch wenn es kitschig klingen mag – doch manches ist gerade deswegen erschreckend für mich.Mein Eindruck: Das Drogenproblem hat sich seitdem verschärft. Vor vielen Cafés und in vielen Straßen riecht es täglich nach Marihuana (in North Carolina weiterhin illegal). Im Megamarkt Walmart stehen vor den Kassen riesige Stände voller „Pain Relief“, Schmerzmittel für wenige Dollar, zwischen Teddybären und Snickers. Das Tablettenproblem in den USA wird hier in Ansätzen sichtbar und zumindest etwas greifbarer.In einer in den Walmart integrierten Ladenpassage hinter den Kassen, zwischen Smartphone-Shop und Geldautomaten, hängen zwei große Plakate. „Missing Children“, vermisste Kinder und Jugendliche. Und darunter: „Every second counts“ – jede Sekunde zählt. Allein in diesem Markt sind es die Gesichter von rund 20 jungen Menschen. Ich überlege, was mit ihnen passiert sein könnte. Wo sie sind, während mein Kollege Lars Gartenschläger und ich uns hier täglich mit so etwas Schönem wie Fußball beschäftigen und unsere Liebsten in Sicherheit wissen.Zum ersten Gruppenspiel der Deutschen fliege ich über Atlanta nach Houston. Auf den Toiletten am Flughafen Atlanta hängt über dem Urinal ein Schild: „Wenn Sie jemanden kennen, der unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeitet oder dem sein Pass abgenommen wurde – melden Sie sich unter folgender Nummer.“ Offenbar nötig. In Deutschland habe ich ähnliche Schilder auch mal gesehen, bei uns sind sie meinem Eindruck nach aber sehr selten.Kampagne für sichere Aufbewahrung der WaffenAbends im Hotel zappe ich durch die Nachrichtensender. In einem Kampagnen-Spott wird man ermahnt, seine Waffen zu Hause immer zu sichern und in einem Waffenschrank abzuschließen. Dazu wird eine schreckende Statistik thematisiert. Es geht um die hohe Anzahl der Kinder, die jedes Jahr in den USA sterben, weil Waffen in Wohnungen und Häusern nicht richtig gesichert sind. Ich schalte um, allein die Gedanken daran sind furchtbar.Diese Woche zog an einem Abend ein Gewitter über Winston-Salem. Nicht ganz ohne, aber auch nicht extrem heftig. Die Folge: Stromausfall. Fernsehempfang weg, die Schranke im Parkhaus funktionierte nicht, niemand kam rein oder raus. „Die Stadt muss es reparieren, wir können nichts machen“, sagt der Mitarbeiter unseres Hotels. Viele Stromleitungen laufen in den USA oberirdisch. Eine Veranstaltung in einem Restaurant nebenan fällt aus, auch dieser Laden hat keinen Strom, das Regenwasser läuft nur langsam ab und sammelt sich auf dem Dach. Wie viele Menschen in den USA haben in unserem Hotel einige Mitarbeiter mehrere Jobs.An einem Morgen treffe ich Tony. Er ist Friseur. Er sagt, die Corona-Pandemie habe einiges verändert. „Die Bars in unserer Stadt schließen jetzt früher. Und ich habe das Gefühl, die Leute gehen selten aus. Zudem gibt es in manchen Branchen Personalprobleme. Aber es ist immer noch eine tolle Stadt.“Die Menschen hier sind natürlich mit ihren Alltagssorgen beschäftigt. Und doch interessieren sie sich für Fußball. In Winston-Salem sind sie sehr stolz, dass sie die deutsche Mannschaft beherbergen dürfen. In der Stadt sind viele Deutschland-Fahnen zu sehen, die Bars und Restaurants zeigen teilweise alle WM-Spiele. Nachmittags sehe ich Manuel Neuer und Jonas Urbig durch die Innenstadt von Winston-Salem schlendern. Ungestört gehen sie in ein Café, viele der anderen Gäste erkennen sie nicht.In Houston ist Downtown mit Fahnen der Turnierteilnehmer geschmückt. In Gesprächen werden Deutsche – ob Spieler oder Journalisten – nach wenigen Worten sofort als solche erkannt. Oft geht es dann in ersten Fragen um das Oktoberfest, um eine Armee-Stationierung des Bruders in Deutschland und auch immer mal um die Frage, ob man in Deutschland meist lange im selben Job bleibe. „Gibt es bei euch die Hire-and-Fire-Mentalität?“, will ein Mann wissen. Andere berichten über Reisen nach Berlin und schwärmen von Europa. Als wir einen Abend im Garten eines Restaurants sitzen, fragt ein freundlicher Mann vom Nachbartisch, ob wir für die deutsche Mannschaft arbeiten oder gar Nationalspieler sind.Lesen Sie auchDie USA sind ein Land der Extreme, in manchen Hinsichten ein Land der Widersprüche. Das ist nichts Neues. Doch es wird mir in diesen Tagen wieder sehr bewusst. An einem Tag bin ich mit unserem Mietwagen unterwegs, den SUV tanken wir für rund 30 Dollar (rund 26 Euro) beinahe voll, in Deutschland wäre das natürlich viel teurer. Im Radio läuft ein Country-Sender. Nach einigen Songs unterbricht der Moderator und kündigt an, dass jetzt gleich die US-Nationalhymne läuft. Es sei wichtig, sich immer wieder zu besinnen und stolz auf die USA zu sein, sagt er. Eine Strophe der Hymne endet mit: „Oh, say does that star-spangled banner yet wave, O'er the land of the free and the home of the brave?“ Auf Deutsch in etwa: „Oh, sagt, weht das sternenbesetzte Banner noch immer, über dem Land der Freien und der Heimat der Tapferen?“Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit Jahren über die Nationalmannschaft. Seit knapp drei Wochen ist er für die Redaktion in den USA und schreibt von dort aus über die deutsche Auswahl bei der WM.