Die Rente Deutschland steht vor einer der größten Reformen der letzten Jahre. Die Bundesregierung hat bereits angekündigt, die Reformvorschläge der Rentenkommission vollständig umsetzen zu wollen. Entsprechend groß fällt das Echo aus: Während Befürworter sie für überfällig halten, warnen Kritiker vor längeren Arbeitszeiten, Leistungskürzungen und neuen Belastungen für Millionen Beschäftigte.Martin Werding ist Mitglied des Sachverständigenrates Wirtschaft und gehörte der Kommission an, die die 33 Reformvorschläge erarbeitet hat. Im Interview mit der Berliner Zeitung erklärt Werding, warum die Rentenkommission das Aus der Rente mit 63 empfiehlt, weshalb sie auf eine verpflichtende Kapitalrente setzt, warum Minijobs weitgehend abgeschafft werden sollen – und warum die Deutschen jetzt viel Geduld mitbringen müssen.

„Falsche Logik“: Ökonom kritisiert deutsche Rentenpolitik

Herr Werding, die Rentenprobleme in Deutschland sind seit Jahrzehnten bekannt. Warum braucht es erst das Jahr 2026 und eine Rentenkommission, bis eine Reform dieser Größenordnung vorgeschlagen wird?Martin Werding: Man muss fair sein mit der deutschen Rentenpolitik. Der demografische Alterungsprozess, der jetzt richtig Schwung aufnimmt, ist tatsächlich schon seit rund 40 Jahren absehbar. Aber die Politik hat immer wieder reagiert. Ende der 80er-Jahre gab es eine wichtige Reform, die das Umlagesystem deutlich gestärkt und seine Finanzierbarkeit verbessert hat. Anfang der 2000er folgte eine Reihe weiterer Reformen – mit Korrekturen im klassischen Rentensystem und der ergänzenden Kapitaldeckung durch die Riester-Rente.