Bei 38 Grad im Schatten zeigt sich, wie beliebt ein Tennisturnier wirklich ist. Die Tribünen bei den Bad Homburg Open sind auch in der Hitze des Donnerstags gut gefüllt gewesen, das Leben und Treiben im Tennisvillage im Kurpark pulsierte zwar nicht gerade angesichts der Temperaturen, aber es kam auch nicht zum Erliegen. Alles ging eben etwas gemächlicher vonstatten und bevorzugt im Schatten. Die Veranstalter tun viel, um den Besuchern den Aufenthalt trotz der unbarmherzigen Sonne so angenehm wie möglich zu machen.So wurden entlang der Kiseleffstraße am Eingang zum Park Village zwei Wasserduschen eingerichtet, die regen Zuspruch fanden. Die Beschränkung bei Getränken, die auf den Center-Court mitgenommen werden dürfen, ist aufgehoben worden. An den Tribünenaufgängen wird zudem Wasser an diejenigen verteilt, die vergessen haben, sich zu versorgen. Auch das Servicepersonal wurde aufgestockt, um die Mitarbeiter nicht zu lange der Hitze auszusetzen. Am Freitag und Samstag sollen zudem nasse Handtücher zum Kühlen ans Publikum verteilt werden, Hüte und Fächer sind vom ersten Turniertag an erhältlich.Dieses Kümmern um die Zuschauer, aber auch um Spieler und Sponsoren, die Liebe zum Detail ist typisch für dieses Turnier und eine Basis für den Erfolg.Von der Idee zur beliebtesten Veranstaltung vor Wimbledon„Wir müssen uns manchmal zwicken, wie sich alles entwickelt hat“, sagt Tennismanager Aljoscha Thron, einer der „Erfinder“ des Turniers. Aus einer Idee, die durch den Ausbruch von Corona zum Scheitern verurteilt schien, ist nach bescheidenen Anfängen ein WTA-Turnier der 500er-Kategorie geworden, das fest im Tourkalender verankert ist und in der Woche vor Wimbledon die lukrativste und beliebteste Veranstaltung auf Rasen darstellt.„Boutiqueturnier“ gaben sich die Bad Homburger als Markenzeichen, klein, aber fein. Die Attitüde wird weiter gepflegt. Noch immer ist der Eintritt ins Tennis Village mit seinen Attraktionen frei, genauso wie der Zugang zu den Courts Nummer 1 und 2. Nur für die 4100 Plätze des Center-Courts müssen Tickets erworben werden. Das gibt es nirgendwo anders in der professionellen Tenniswelt, dass Spielerinnen wie Venus Williams (im Doppel mit Alexandra Eala) kostenlos bei ihrer Arbeit bewundert werden können.Der sechsundvierzigjährigen Tennisikone gefällt es in der Kurstadt so gut, dass sie nach ihrem Scheitern im Einzel am Montag in Bad Homburg geblieben ist, um sich hier auf Wimbledon vorzubereiten, anstatt schon ins Tennis-Mekka zu reisen. Es wäre ihr ein Leichtes gewesen, für die Doppelkonkurrenz zurückzuziehen. Tat sie aber nicht. „Es ist wunderschön hier, die Plätze sind wie in Wimbledon, sogar die Netzpfosten“, lobte Venus Williams. Dass es vom Hotel bis zum Tennisgelände nur ein paar Schritte durch den Kurpark sind, dass der gediegene Charme Bad Homburgs, der sich in Architektur und Atmosphäre ausdrückt, ihrer Auffassung von Kultur und Lifestyle entspricht, machte ihr die Entscheidung leicht.Bleibt noch ein paar Tage in Bad Homburg: Venus WilliamsAFPEs gibt aber auch harte Faktoren, die dafürsprechen, an den Bad Homburg Open teilzunehmen. Die Qualität des sportlichen Wettbewerbs ist überdurchschnittlich hoch. Um direkt für das Hauptfeld qualifiziert zu sein, war eine Weltranglistenposition um 30 erforderlich. Zudem gibt es in der Woche vor Wimbledon bei keinem Turnier der Welt mehr Preisgeld zu gewinnen. 1,2 Millionen Dollar beträgt die Gesamtdotierung, das Vierfache von vor drei Jahren.Die Resonanz, die dieses Turnier hervorruft, ist eine weitere Grundlage für den Erfolg. Die Matches wurden im Vorjahr von etwa 26 Millionen Fernsehzuschauern in 149 Ländern verfolgt, die Tickets für den Centre-Court sind für die Halbfinalpartien am Freitag und das Endspiel am Samstag ausverkauft, für das Viertelfinale am Donnerstag gab es um 12 Uhr mittags noch vier Karten zu kaufen. Dass die Tribünen trotzdem nicht ständig voll besetzt sind, erklärt sich durch die Großwetterlage (siehe oben).Es gibt Turniere auf der WTA-Tour, die um ihre Existenz kämpfen müssen, in Bad Homburg ist die Situation sehr gesund. Wozu nicht nur das Konzept und die Umsetzung durch den Veranstalter beitragen, sondern auch das Engagement und die Unterstützung der Stadt und der Bad Homburger Tennisvereine sowie das Wohlwollen der Bad Homburger Bürger. Manager Thron spricht von einer „idealen Situation“.Oberbürgermeister Alexander Hetjes gibt das Kompliment gern zurück: „Wir sind sehr dankbar, dass sich alles so entwickelt hat.“ Mittlerweile sei das Tennisturnier, die Bad Homburg Open, „das Marketinginstrument“ der Stadt schlechthin. „Die Aussage ,Wimbledon beginnt in Bad Homburg‘ ist für uns unbezahlbar.“ Die Tennisübertragungen tragen den Namen der Stadt in alle Welt. 60.000 Besucher während der Turnierwoche tragen ihr Geld in die Kurstadt. Das Niveau des Feldes wird schon dadurch deutlich, dass die topgesetzten Spielerinnen Iga Swiantek (Weltranglistenplatz drei) Elina Svitolina (sieben) und Mira Andreeva (acht) früh im Turnier scheiterten. Dafür steht die ehemalige Weltranglistenerste Naomi Osaka (Nr. 16) nach ihrem 6:2, 6:2 über die Russin Ekatarina Alexandrova im Halbfinale und gilt nun als Favoritin auf den Turniersieg.„Die Restaurants und die Hotels sind voll, es ist Leben in der Stadt“, sagt Hetjes. Die Kosten halten sich für die Kommune in überschaubarem Rahmen. Teile des Marketingetats der Stadt und der Spielbank werden zur Unterstützung des Turniers herangezogen. Hetjes legt aber Wert auf die Tatsache: „Diese Beträge würden ohne Tennis für etwas anderes ausgegeben werden. Der Steuerzahler wird durch die Bad Homburg Open nicht belastet.“Und so scheinen die Zukunftsaussichten des Turniers von keiner Wolke getrübt, so wie es der Himmel in dieser Woche über Bad Homburg war. Es sei denn, der Klimawandel sorgt für noch größere Hitzewellen.