Als Teilchenphysiker hat Günther Dissertori 5000 Forscher koordiniert. Jetzt wird er Präsident der ETH Zürich mit 13 000 AngestelltenDie Entdeckung des Higgs-Teilchens war der Höhepunkt seiner Karriere. Jetzt will er die renommierte Hochschule in die Zukunft führen.25.06.2026, 16.01 Uhr4 LeseminutenGünther Dissertori wird im Januar 2027 die Nachfolge von Joël Mesot als Präsident der ETH Zürich antreten.Christian Beutler / KeystoneDie ETH Zürich wird auch in den kommenden Jahren von einem Physiker geleitet. Der Bundesrat hat am Dienstag den Teilchenphysiker Günther Dissertori zum Nachfolger des amtierenden Präsidenten, Joël Mesot, gewählt. Dissertori, der seit Februar 2022 Rektor und stellvertretender Präsident der ETH Zürich ist, wird sein Amt im Januar 2027 antreten. Mesot hatte bereits im letzten Jahr bekanntgegeben, dass er auf eine dritte Amtszeit verzichte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit Dissertori erhält die ETH Zürich einen Präsidenten, der massgeblich an einer der wichtigsten teilchenphysikalischen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte beteiligt war. Im Juli 2012 gab das Cern in Genf die Entdeckung des lange gesuchten Higgs-Teilchens bekannt. Dieses Teilchen und das mit ihm assoziierte Feld spielen in der Elementarteilchenphysik eine zentrale Rolle, weil es den Bausteinen der Materie ihre Masse verleiht.Dissertori war damals Mitglied einer internationalen Arbeitsgruppe, die zeitgleich mit einer konkurrierenden Arbeitsgruppe schlagende Beweise für das Higgs-Teilchen gefunden hatte. Seine Forschungsgruppe an der ETH Zürich spielte eine zentrale Rolle bei der Auswertung der Daten.Seine Karriere begann am Cern in GenfDer zukünftige Präsident der ETH Zürich ist gebürtiger Italiener. Er wuchs in Südtirol auf, wo er auch die Schule besuchte. Sein Physikstudium absolvierte Dissertori an der Universität Innsbruck. Mitte der 1990er Jahre knüpfte er erste Kontakte zum Cern. Damals war dort noch der Large Electron-Positron Collider (LEP) in Betrieb, der Vorgänger des heutigen Beschleunigers.Während seiner Doktorarbeit arbeitete Dissertori am Aleph-Experiment, einem der vier grossen Experimente am Cern. Er beschäftigte sich mit der starken Wechselwirkung. Das ist die stärkste der vier Naturkräfte und der Klebstoff, der die Bausteine der Materie zusammenhält.Nach seiner Promotion im Jahr 1997 erhielt Dissertori am Cern eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Er erlebte hautnah den Krimi mit, der sich dort im Jahr 2000 abspielte. Der LEP-Beschleuniger stand damals kurz vor seinem Betriebsende. Er sollte dem energiereicheren Large Hadron Collider (LHC) weichen. Aber kurz vor der Abschaltung tauchten Hinweise auf das Higgs-Teilchen auf. Auch das Aleph-Experiment, an dem Dissertori arbeitete, hatte solche Hinweise gefunden.Das Problem: Die Hinweise waren statistisch nicht signifikant genug, um von einer Entdeckung zu sprechen. Viele Teilchenphysiker plädierten damals dafür, die Laufzeit des LEP-Colliders zu verlängern. Der damalige Direktor des Cern entschied sich dagegen, um den Bau des LHC nicht zu verzögern. Im Nachhinein weiss man, dass das die richtige Entscheidung war. Die Energie des LEP-Colliders reichte nicht aus, um das Higgs-Teilchen zu erzeugen. Was man gesehen hatte, war eine statistische Fluktuation, wie sie häufig in der Teilchenphysik auftritt.Der CMS-Detektor ist eines der beiden grossen Geräte zum Nachweis von Teilchen am Cern.Maximilien Brice / CernKurz danach wurde Dissertori Assistenzprofessor an der ETH Zürich. Zu dieser Zeit hatte er bereits mit der Entwicklung des CMS-Detektors begonnen. Die Abkürzung steht für Compact Muon Solenoid. Dabei handelt es sich um eine 14 000 Tonnen schwere Hochgeschwindigkeitskamera, mit der sich die Spuren jener Teilchen aufzeichnen lassen, die bei den hochenergetischen Teilchenkollisionen im Large Hadron Collider erzeugt werden.Am Bau dieses Detektors waren mehr als 5000 Wissenschafter aus 200 Institutionen beteiligt. Es handelt sich also um ein Gemeinschaftsprojekt, das es in diesen Dimensionen wohl nur in der Teilchenphysik gibt. Der Arbeitsgruppe von Dissertori fiel unter anderem die Aufgabe zu, Kristalle für ein Instrument zu entwickeln, das die Energie von Elektronen und Photonen präzise misst. Beim Nachweis des Higgs-Teilchens spielte die Genauigkeit dieses Instruments eine wichtige Rolle.In der CMS-Arbeitsgruppe übernahm Dissertori im Laufe der Jahre immer mehr Verantwortung. In den Jahren 2010 und 2011, also in der entscheidenden Phase vor der Entdeckung des Higgs-Teilchens, war er stellvertretender Physik-Koordinator. Später gehörte er als stellvertretender Sprecher zum Management des CMS-Teams. In dieser Rolle hatte er die anspruchsvolle Aufgabe, das Projekt nach aussen zu vertreten.Obwohl Dissertori in dieser Zeit vor allem als Forscher gefragt war, blieb ihm die Lehre ein wichtiges Anliegen. Bei den Studenten der ETH Zürich waren seine Vorlesungen beliebt. Viermal verlieh ihm der Verband der Studierenden die Goldene Eule. Mit diesem Preis werden besonders engagierte Lehrpersonen ausgezeichnet.Ein Forscher wechselt die SeitenAls Teilchenphysiker hat Dissertori erreicht, was man erreichen kann. Eine Entdeckung wie die des Higgs-Teilchens wird es mit dem Large Hadron Collider am Cern vermutlich nicht mehr geben. Und der nächste, noch grössere Beschleuniger wird frühestens in zwanzig Jahren den Betrieb am Cern aufnehmen – vorausgesetzt, er lässt sich finanzieren.Das könnte erklären, warum Dissertori im Februar 2022 das Amt des Rektors der ETH Zürich angetreten hat. Für die Teilchenphysik bleibt ihm nicht mehr viel Zeit. Dafür konnte er sich umso intensiver seiner zweiten Passion widmen, der Lehre. Als Rektor initiierte Dissertori unter anderem das Projekt PAKETH. Das Ziel ist es, die Lehre an der Hochschule weiterzuentwickeln. Im straffen akademischen Kalender sollen mehr Freiräume für Studenten geschaffen werden.Mit der Wahl zum ETH-Präsidenten steht Dissertori nun vor dem nächsten Karriereschritt. Die Erfahrungen, die er als Teilchenphysiker gemacht hat, dürften ihm dabei helfen. In einem Interview mit der «NZZ am Sonntag» sagte Dissertori vor zwei Jahren: «In der Forschung müssen wir Tausende Forscher weltweit motivieren und koordinieren, ohne sie als Vorgesetzte zu führen. So sehe ich auch meine Arbeit als Rektor.» Es bleibt abzuwarten, ob er dieser Maxime auch als ETH-Präsident treu bleibt.Passend zum Artikel