Der Gründungsbischof des Bistums Essen, Franz Kardinal Hengsbach, hat sich nach Erkenntnissen eines Forscherteams „gut belegt“ des sexuellen Missbrauchs mehrerer Heranwachsender schuldig gemacht. Das geht aus den am Donnerstag vorgestellten Zwischenergebnissen einer vom Bistum Essen in Auftrag gegebenen Untersuchung hervor. Der 1991 gestorbene Hengsbach ist damit der erste deutsche Bischof, gegen den der aktenkundig dringende Verdacht besteht, selbst Missbrauchstäter gewesen zu sein.Konkret geht es um drei Fälle von weiblichen und zwei männlichen Betroffenen. Diese zeichneten sich „durch hohe inhaltliche Konsistenz, Detailgenauigkeit und biografische Kohärenz aus“, so das Forscherteam. Viermal geht es um sexuelle Gewalthandlungen: die erzwungene Masturbation und Berührungen unterhalb der Kleidung an einer Sechzehnjährigen in den Fünfzigerjahren, Berührungen im Brustbereich unterhalb der Kleidung an einer etwa dreizehnjährigen Jugendlichen in den Sechzigerjahren sowie sexualisierte Berührungen oberhalb der Kleidung und Ansprache sowohl bei einem männlichen Heimkind in den Sechziger- wie auch bei einer dreizehnjährigen Firmandin in den Achtzigerjahren.Einen fünften Fall stufen die Forscher – wie der Betroffene auch selbst – nicht als sexuellen Missbrauch, sondern als „grenzverletzende Verhaltensweise“ ein. Die Forscher sprechen außerdem von „destruktivem Machtmissbrauch des Bischofs gegenüber unterstellten Klerikern“. Auch habe Hengsbach nach Zeugenaussagen mehrfach von Missbrauchsvorwürfen gegen Kleriker erfahren, aber abwehrend reagiert und keine Konsequenzen für die Beschuldigten gezogen. Eine mögliche Mitwisserschaft und Täter schützendes Verhalten sollen im weiteren Verlauf der Studie bis zum Herbst 2027 untersucht werden.Hengsbach war noch bis 2023 hoch angesehenDie Untersuchung wird gemeinsam vom Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) in München, vom Dissens-Institut für Bildung und Forschung in Berlin und von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) ausgeführt. Sie soll voraussichtlich 2028 in eine ausführliche Monographie über Hengsbach münden.Der 1910 geborene Hengsbach wirkte nach seiner Priesterweihe im Jahr 1937 zunächst als Pfarrer, 1953 wurde er Weihbischof im Erzbistum Paderborn, 1958 dann Gründungsbischof des Bistums Essen. Er war nicht nur in seinem Bistum hoch angesehen, sondern galt als prägende katholische Figur im Nachkriegsdeutschland. Hengsbach war zudem Militärbischof und erster Vorsitzender des katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat. Spätestens seit seiner Erhebung in den Kardinalsstand 1988 war sein „Nimbus der Unangreifbarkeit auf dem Höhepunkt“, schreiben die Forscher.Doch vor drei Jahren war bekannt geworden, dass bereits 2011 eine Frau beim damaligen Missbrauchsbeauftragten des Erzbistums Paderborn angegeben hatte, sie sei 1954 als Sechzehnjährige durch Hengsbach und seinen Bruder Paul missbraucht worden. Damals seien die Schilderungen als nicht plausibel bewertet worden, doch im Lichte weiterer Vorwürfe aus dem Bistum Essen erscheine die frühere Einschätzung nun zweifelhaft, hieß es dann 2023 aus dem Bistum. Bis dahin war Hengsbach als „Übervater des Ruhrgebiets“ verehrt worden. Danach gab es einen radikalen Ablösungsprozess. In Essen wurde ein Hengsbach-Denkmal entfernt, der bis dahin nach ihm benannte Platz wurde umbenannt.Bischof Overbeck räumt Fehler einDer per Video zugeschaltete Essener Bischof Franz-Josef Overbeck bekannte bei der Vorstellung der Zwischenergebnisse, dass er den ersten Vorwurf sexualisierter Gewalt im August 2011 gekannt habe. Doch habe er dessen Bedeutung „damals nicht angemessen erkannt, sondern unterschätzt, und zwar deshalb, weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte, dass ein Bischof, dessen Nachfolger ich gerade geworden war, zu solchen furchtbaren Taten fähig ist“. Dass er die Unterlagen nicht an die zuständigen Stellen weitergeleitet habe, sei ein Fehler gewesen, für den er um Entschuldigung bitte. In einer Mitteilung hieß es, auch das Bistum stufe die genannten Fälle als „gut belegt und als wahrscheinlich“ ein. Weitere Fälle müssten weiter geprüft werden.Johannes Norpoth, der als Betroffener Mitglied der Studienbegleitgruppe ist, sagte, Hengsbach sei in „einer Struktur, in der Macht und sakrale Aufladung wie ein Schutzschild um ihn gelegt wurden“, Täter gewesen. „Die Kardinalswürde, die Statue vor dem Essener Münster, die Rolle als Identifikationsfigur – all das hat Betroffene bis heute zum Schweigen gebracht, Zweifel verstärkt und Widerspruch delegitimiert.“ Aus Betroffenensicht gehe es nicht nur um das „Fehlverhalten eines Einzelnen“, sondern mit einer Täterfigur, die mitten im Zentrum kirchlicher Macht stand, so Norpoth.Der Zwischenbericht belege auch detailliert, wie in Essen und Paderborn seit den frühen Achtzigerjahren Hinweise und Vorwürfe gegen Hengsbach eingingen, dokumentiert oder eben nicht dokumentiert wurden, wie Meldungen zurückgezogen, relativiert, verschoben oder schlicht nicht angemessen bearbeitet wurden. Es handle sich nicht um eine bloße „Versäumniskette“, sondern um den Ausdruck einer Haltung.Die Causa Hengsbach sei keine rein lokale Geschichte des Bistums Essen oder des Erzbistums Paderborn, sagte Norpoth. „Sie reicht in die Mitte der Weltkirche.“ Es gelte deshalb auch aufzuklären, welche Rolle der Vatikan gespielt habe. „Was hat Rom in der Causa Hengsbach nicht und warum nicht getan?“ Vor allem aber erwarteten die Betroffenen, dass Hengsbachs Täterrolle nun von allen betroffenen Institutionen „ohne Schutzformeln, ohne Relativierung“ benannt werde, so Norpoth. „Aus Betroffenensicht steht mit diesem Zwischenbericht eindeutig fest: Franz Kardinal Hengsbach war Sexualstraftäter.“
Franz Kardinal Hengsbach war laut Forschungsbericht Missbrauchstäter
Forscher sehen es als belegt an, dass der frühere Essener Bischof Franz Kardinal Hengsbach ein Missbrauchstäter war. Hinweise darauf hatte es schon vor Jahren gegeben.










