PfadnavigationHomeRegionalesNordrhein-WestfalenArtikeltyp:MeinungBischof HengsbachMissbrauch im Namen des Glaubens – Warum Personenkult gefährlich istStand: 14:29 UhrLesedauer: 5 MinutenDemontage eines Kardinals: 2023 wurde die Statue des Essener Bischofs Hengsbach vor dem Dom wieder entferntQuelle: Christoph Reichwein/dpaIm Volk verehrten sie ihn als „unseren Franz“: Doch insgeheim missbrauchte der populäre Essener Bischof Franz Hengsbach Kinder und Jugendliche, so legt es nun eine Studie nahe.Ein vor 35 Jahren verstorbener Kleriker soll vor bis zu 70 Jahren sexuell übergriffig geworden sein. Das ist abscheulich. Aber auch weit weg. Neu wirkt dergleichen nicht mehr. Seit 15 Jahren hört das angewiderte Volk von vornehmlich katholischen Amtsträgern, die ihre Triebe insgeheim brutal auslebten. Gleichwohl debattiert die Öffentlichkeit aktuell breit über diesen kirchlichen Missbrauchsfall, als sei es der erste: über den des Essener Ruhrbischofs Franz Hengsbach. Warum?Erstens aus Mitmenschlichkeit, zweitens aus subtiler Sensationslust, drittens aus der Einsicht, dass in Religionsgemeinschaften Gegenwelten existieren, die sich den Normen des Rechtsstaates entziehen (zumindest entziehen können). Das provoziert. Aber der Reihe nach. Diese Woche präsentierten Experten, unter ihnen Fachleute der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, erste Ergebnisse ihrer Studie über den Essener Bischof und Kardinal Hengsbach – und über die Missbrauchsvorwürfe, die 2023 gegen ihn erhoben wurden. Berührungen, sexualisierte Ansprache, MasturbationWas sie herausfanden, ist schaurig. Von insgesamt zwölf Vorwürfen zeichneten sich laut den Forschern fünf „durch hohe inhaltliche Konsistenz, Detailgenauigkeit und biografische Kohärenz aus“ – vor allem „die erzwungene Masturbation und Berührungen unterhalb der Kleidung an einer 16-Jährigen in den 1950ern, Berührungen im Brustbereich unterhalb der Kleidung an einer etwa 13-Jährigen in den 1960ern sowie sexualisierte Berührungen oberhalb der Kleidung und Ansprache sowohl bei einem männlichen Heimkind in den 1960ern wie auch bei einer 13-Jährigen in den 1980ern“. Mindestens vier weitere Vorwürfe gelten als weniger glaubwürdig, sollen aber weiter erforscht werden.Kennt man dergleichen inzwischen nicht zur Genüge? Doch. Trotzdem müssen all diese Fälle bekanntgemacht werden. Damit sich die Leiden der Opfer nicht wiederholen. Damit ihr Leid nicht ignoriert wird. Und damit der Druck hoch bleibt, die Opfer (sofern noch lebendig) zu entschädigen. Allerdings muss man dabei fair bleiben. Aktuell tauchen in der Kriminalstatistik nahezu keine Missbrauchsfälle aus Kirchen mehr auf. Was der Öffentlichkeit von dort serviert wird, sind Alt- und Uraltfälle. Auch entschädigen die Kirchen ihre Opfer inzwischen verlässlich (obgleich sich über Summen stets und mit Grund streiten lässt). Eins aber steht fest: Berichterstattung stärkt Missbrauchsopfer. Ein Lüstling im Einsatz für die Ärmsten und die VergebungHinzu kommt ein zweites Motiv für das immer neue Thematisieren kirchlicher Sexualstraftäter: subtile Sensationslust. Es erzeugt nun mal einen gewaltigen Knall, wenn heiliger Anspruch auf finsterste Realität stößt. Der Fall Hengsbach belegt es: „Unser Franz“, wie die Bergleute ihn nannten, suchte die Nähe zu den Leidenden. Er schleppte Theologiestudenten in die Schächte, damit sie die raue Malocher-Welt kennenlernten. Kümmerte sich um todkranke Kumpels mit Staublunge. Packte an. War patent (wenngleich manchmal schroff-autoritär). Auch stärkte er den deutsch-polnischen Aussöhnungsprozess, das große Vergeben der Katholiken Polens nach 1945 und warb dafür, die Größe ihrer Vergebung zu erfassen. Lesen Sie auchZudem gründete er Adveniat, das Solidaritätsprojekt des deutschen Katholizismus mit den Armen Südamerikas. Obendrein war der Kardinal nach katholischem Glauben vom Schöpfer selbst mit einem der höchsten Ämter der Kirche ausgezeichnet worden. Kurz: In Hochwürden vereinten sich Charisma des Amtes und der Person. Doch zugleich war dieser Gottesmann offenbar – ein übergriffiger Lüstling. Das gefährliche Milieu der Religionen?Solche maximale Kontraste reizen Medien und ihre Konsumenten weit stärker als der Missbrauch, sagen wir, eines Sporttrainers, dem der Ehrgeiz ins Gesicht geschrieben steht. Und wenn dann auch noch sinnbildlich die Statue des Kirchenmannes vom Sockel gestoßen wird (2023 vor dem Essener Dom, als die Vorwürfe öffentlich wurden), erzeugt das eben Knall-Effekte, die niemand ignorieren kann. Die Haupttatorte für Missbrauch sind gleichwohl andere: Familie, Bekanntenkreis, Sport und Schule. Aber dort verübte Taten wirken nun mal weniger spektakulär. Noch ein drittes Motiv treibt dazu, die Kirche als Tatort immer neu zu beleuchten: Religionen bieten Gegenwelten mit eigener Autorität, die sich nicht aus Demokratie und geltendem Recht herleitet. Diese Gegenmacht, die sich Normen und Kontrolle des Rechtsstaates widersetzen kann, wollen nicht nur Säkularisten aufbrechen, sondern auch Reformer in den Religionsgemeinschaften. Das ist menschenfreundlich, sofern es ihnen darum geht, das Milieu für Straftaten auszutrocknen. In der Praxis allerdings birgt es die Gefahr, ganze Formen von Religiosität zum Feind zu erklären. Ein Beispiel bietet der verdienstreiche Jesuit Klaus Mertes, der die Aufdeckung der Missbrauchsskandale vor 15 Jahren vorantrieb. Mertes möchte die Debatte um Hengsbach mit einer Frage verbinden: „Wie kommen wir denn endlich von diesem Personenkult los in Bezug auf Amtsträger?“ Dahinter steht der Befund, dass auch der Personenkult, die Quasi-Sakralität des Kardinals Hengsbach, dem fehlbaren Menschen Hengsbach eine Macht verlieh, die Missbrauch erleichterte. Personenkult, Gurus und GottesmännerNur: Was bliebe übrig vom Katholizismus, wenn man mit dem Kampf gegen Personenkult Ernst machte? Die gigantischen Feiern anlässlich der Wahl und des Todes von Päpsten? Die passionierte Verehrung von Zeitgenossen, die „im Ruf der Heiligkeit stehen“? Der Glaube, Priester hätten fast exklusive Verfügungsgewalt über Sakramente (die als einzigartige Orte der Gottesbegegnung gelten)? Oder die weitgehende Entscheidungsgewalt von Bischöfen darüber, was in ihrem Bistum als gottgewollt gilt? Wird in all diesen Fällen nicht der Mensch, der ein Amt ausübt, in eine missbrauchsanfällige Nähe zum Heiligen erhoben? Ist all das noch durch mehr als Haaresbreite vom Personenkult getrennt? Ähnliches begegnet uns in allen Religionen – genauso wie der damit verbundene Missbrauch. Ob vermeintlich erleuchtete Buddhisten wie Sogyal Rinpoche ihre Schüler sexuell misshandelten und schlugen, ob angeblich erlöste Yoga-Meister ihre Jüngerinnen sexuell belästigten oder evangelikale US-Prediger wie Bill Hybels ihre Mitarbeiterinnen sexuell bedrängten.Doch die Verklärung von Gurus, Erleuchteten und Gottesmännern ist so alt wie die Religion selbst. Abschaffen kann man sie nicht. Man sollte es erst gar nicht probieren. Erfolg verspricht eher der Versuch, immer neu eine Einsicht wachzuhalten: Auch der scheinbar Nobelste und Gesegnetste hat finsteres Potenzial – wie es die mahnende Geschichte des Kardinals beweist, den sie „unseren Franz“ nannten.
Bischof Hengsbach: Missbrauch im Namen des Glaubens – Warum Personenkult gefährlich ist - WELT
Im Volk verehrten sie ihn als „unseren Franz“: Doch insgeheim missbrauchte der populäre Essener Bischof Franz Hengsbach Kinder und Jugendliche, so legt es nun eine Studie nahe.









