Wer in Deutschland über Bevölkerungsschutz spricht, muss sich häufig noch rechtfertigen. Es klinge zu alarmistisch, zu sehr nach Panikmache, nach Krieg, heißt es dann. Doch der tagelange Stromausfall in Berlin vor einem halben Jahr sollte uns eines Besseren belehrt haben. Die meisten Bürgerinnen und Bürger haben heute wohl trotzdem noch keine Vorräte zu Hause, um im Notfall krisenfest zu sein. Und der Bahnausfall am Dienstabend zeigt: Die deutsche Infrastruktur ist verletzlicher, als viele glauben – und zu wenig darauf vorbereitet.Die Gesellschaft, jedenfalls erhebliche Teile von ihr, wiegt sich noch immer in einer Illusion von Sicherheit wie in jener Zeit, als man scheinbar nur von Freunden auf der Welt umgeben war. Doch die bequeme Einstellung „Es wird schon nicht so wild kommen“ kann sich das Land nicht mehr leisten. Der Frieden ist eben nicht mehr selbstverständlich seit dem Beginn von Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine. Das zeigen auch Cyberangriffe und Sabotageakte in Deutschland.Wenn der Wille fehlt, was dann?Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat dafür immerhin den richtigen Begriff gesetzt: Resilienz. Verteidigungsfähigkeit entstehe nicht allein durch eine schlagkräftige Armee, sondern durch die strukturelle Widerstandskraft von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt. Das ist richtig. Nur folgt aus dieser Diagnose in Deutschland bislang kaum eine Konsequenz. Zwischen dem Wissen um die Gefahrenlage und den nötigen Gegenmaßnahmen klafft eine Lücke, die sich nur durch fehlenden Willen erklären lässt. Bevölkerungsschutz erinnert schließlich an Krieg. Und wer zu sehr an Krieg erinnert, fürchtet, Verunsicherung zu streuen und Wählerstimmen zu riskieren. Also wird das Thema mehr verwaltet statt gestaltet. Ein Video, in dem die Innenminister von Bund und Ländern einen Notfallrucksack packen, passt genau in diese Logik: sichtbar genug, um Handlungsbereitschaft zu signalisieren, folgenlos genug, um niemanden wirklich zu beunruhigen.Wer die Gesellschaft resilienter machen will, muss ihr zutrauen, dass sie dazu auch fähig ist. Das setzt klare Kommunikation voraus, was von den Menschen erwartet wird und warum. Und es setzt eine Bevölkerung voraus, die nicht wartet, bis der Staat es ihr befiehlt oder die Realität sie einholt. Mit dem „Operationsplan Deutschland“ hat zumindest die Bundeswehr beschrieben, wie Militär und Zivilbehörden im Verteidigungsfall zusammenwirken sollen. Krankenhäuser, Bahn und Unternehmen haben damit zumindest eine Vorstellung davon, was dann auf sie zukommen könnte. Für die meisten Bürgerinnen und Bürger gilt das nicht. Sie wissen im Zweifel nicht, welche Rolle sie in einem Krieg oder anderen Krisen hätten: ob sie in ihrem Beruf gebraucht würden, ob ihr ehrenamtliches Engagement von Bedeutung würde. Diese Unklarheit ist gefährlich.Höhere Rüstungsausgaben allein werden nicht genügenDass es anders geht, zeigen andere Länder. Schweden hat seine zivilmilitärische Gesamtverteidigung nach der russischen Annexion der Krim 2014 systematisch wieder aufgebaut. In der Schweiz richtet sich das Bundesamt für Bevölkerungsschutz nun gezielt an Schulklassen. Das sind keine Zeichen für militarisierte Gesellschaften – sondern für Demokratien, die nicht nur ihre Bürger, sondern auch die Bedrohungslage ernst nehmen.Allein mit mehr Rüstungsausgaben wird sich mehr Sicherheit nicht schaffen lassen. Resilienz entsteht dadurch, dass eine Gesellschaft weiß, was von ihr erwartet wird.