Ganz am Ende dieser Pressekonferenz, in der Deniz Undav schon einmal sehr breit hatte grinsen müssen, tanzte ein letztes Mal die Freude in seinem Gesicht. Jemand wollte von ihm wissen, ob er eine Einladung aussprechen wolle an die künstlerischen Hintermänner und -frauen des Ballermannhits „Der Zug hat keine Bremse“. Das Gejaule von Lorenz Büffel, Malle Anja und Mia Julia Brückner war nach dem 2:1 gegen die Elfenbeinküste aus den Boxen gewummert, mit der Lautstärke eines startenden B-52-Bombers. Auf der Tribüne hielten sich Zuschauer und Fußballreporter die Ohren zu. Und unten auf dem Rasen ließ sich der Mann, der ein 0:1 mit seinen Toren zu einem 2:1 gedreht hatte, zu diesem Soundtrack feiern. Doch es geschah ein Wunder! Offenbar verfehlten die Schallwellen die Ohrmuscheln von Deniz Undav.„Ich kenne den Song nicht, ich hab’ nur gehört, dass der nach dem Spiel lief“, sagte Undav am Mittwochabend im Stadion in New Jersey. Wahrgenommen habe er das Lied nicht, also könne er auch schlecht eine Einladung an die Sängerin aussprechen. Er bat um Verständnis. „Nach zwei Toren und mit dem entscheidenden Tor hatte ich ganz andere Gedanken.“ Er grinste.Aufstellung der DFB-Elf:In eiserner Zuneigung zu Leroy SanéDie unerschütterliche Vorliebe von Bundestrainer Julian Nagelsmann für den Flügelstürmer liegt daran, dass er in ihm neuerdings einen halben Abwehrspieler sieht. Der Grund dafür: Joshua Kimmich.Interessant. Der Song war schon nach dem 7:1 gegen Curaçao aus den Boxen gedröhnt und hatte so die Journalisten aus anderen Ecken der Erde neugierig gemacht. „After the game there was this song: ‚The train has no brakes‘“, erklärte ihnen der deutsche Bundestrainer Julian Nagelsmann. Auf Englisch! Und fügte an, die Zeilen seien so etwas wie das Motto der Mannschaft. Insofern hätte Deniz Undav in den ersten zwei Wochen dieser Weltmeisterschaft vermutlich nicht nur auf der Bank sitzen, sondern hinter dem Mars leben müssen, um erfolgreich verschont zu werden von Malle Anjas Lyrics („Ich würd’ gern anständig studieren. Doch geh’ mir viel lieber den Helm lackieren“).„Wenn es nicht fein wäre“, dass er wieder nur von der Bank kommen soll, „dann wäre ich nicht hier“, sagte Undav und lächelteDieser kleine Ausflug in die musikalische Welt der Schinkenstraße auf Mallorca war notwendig, um etwas Kontext zu bieten für eine weitere heitere Antwort von Undav am Mittwochabend. Als er erklärte, dass es für ihn völlig okay sei, dass er auch im letzten Gruppenspiel Deutschlands gegen Ecuador am Donnerstag (22 Uhr MESZ) zunächst auf der Bank sitzen werde. „Wenn es nicht fein wäre, dann wäre ich nicht hier“, sagte Undav und lächelte. „Das Wichtigste ist, dass das Team gewinnt.“ Er sei jetzt zweimal von der Bank gekommen, trotzdem habe Deutschland die Spiele gewonnen. „Das freut mich.“ Und dann flötete er abermals die wichtigste Botschaft des Abends: „Wenn ich nicht zufrieden wäre, wäre ich nicht hier.“Dass er da war, konnte nicht bestritten werden. Er saß an der Seite von Nagelsmann. Nach Bekanntgabe dieser gemeinsamen Pressekonferenz war vielerorts spekuliert worden, der Auftritt als Duo sei ein klares Indiz dafür, dass der Stürmer eine Chance in der Startelf erhalten werde. Diesen falschen Schluss räumte Nagelsmann gleich in seinem ersten Statement ab.Jubel in Toronto: Deniz Undav (links) nach seinem Ausgleich zum 1:1 gemeinsam mit Kai Havertz. Tom Weller/dpaEr werde lediglich „die Wechsel vornehmen, die wir müssen“, sagte Nagelsmann, er treffe die Entscheidungen „nicht aus Jux und Tollerei, sondern aus Überzeugung“. Zwei Spieler sind verletzt. Gegen Ecuador spiele deshalb David Raum für den Linksverteidiger Nathaniel Brown. Und für den Innenverteidiger Nico Schlotterbeck rücke Antonio Rüdiger in die Partie. Und dann trug der Bundestrainer ein Argument vor, das schlau überlegt war. „Es ist die berechtigte Frage von allen, dass man diskutiert, ob wir wechseln oder nicht“, sagte Nagelsmann angesichts einer möglichen Schonung von Stammkräften für das nur vier Tage später folgende Sechzehntelfinale. Der Gegner ist noch unbekannt. Aber in den Wochen vor der WM sei es „eines der entscheidenden Themen“ gewesen, dass man sich einspielen müsse: „Jetzt haben wir zwei Spiele gemacht und jetzt wird diskutiert, wie viel wir wechseln? Wir wollen uns auf die K.-o.-Phase vorbereiten!“In der Tat hatte sich Nagelsmann vor dem Turnierstart die Kritik anhören müssen, seine Stammelf sei nicht zu erkennen. „Wenn es Deutschland gelingt, eine Mannschaft zu werden, obwohl der Trainer es nicht geschafft hat, zweimal hintereinander mit derselben Elf zu spielen – dann haben wir eine Chance“, hatte beispielsweise Uli Hoeneß gestichelt und dafür viel Applaus erhalten. Nun drehte Nagelsmann genau dieses Argument um. Und machte es zu seinem. Auch vor dem Hintergrund, dass in Felix Nmecha, Jamal Musiala und Kai Havertz drei Schlüsselspieler fast ein Jahr lang verletzt gewesen sind, soll sich die erste Elf einspielen. Und zu dieser gehört Undav genauso wenig wie der Torwart Oliver Baumann. Auch Manuel Neuer benötige Spielpraxis, führte Nagelsmann aus. „Manu“ habe seit seiner Rückkehr in die Nationalmannschaft nur zwei Spiele gemacht. „Das waren absolut keine Torwartspiele.“Und so also sitzt der Mann, dem Nagelsmann nach drei Toren und zwei Vorlagen in nur 67 Spielminuten den Ehrentitel „Decider“ verliehen hatte, auch gegen Ecuador wieder auf der Bank. Es ist eine Entscheidung, an der sich mancher Kritiker reiben wird, die aber zumindest blitzsauber argumentiert ist. Zu jener Mannschaft, die sich einspielen soll, stößt Undav halt erst später hinzu und schießt manchmal die Tore, die sie gewinnen lässt. Aber die beste Nachricht aus New Jersey lautete: Undav ist mit der Entscheidung total happy! Sonst wäre er ja gar nicht dagewesen und hätte die gemeinsame Pressekonferenz mit seinem Chef boykottiert.
Keine Startelf gegen Ecuador: Undav bleibt der „Decider“ von der Bank
Deniz Undav wird auch gegen Ecuador nicht in der Startelf stehen. Nur die notwendigen Wechsel werde er vornehmen, sagt Bundestrainer Julian Nagelsmann. Und Undav? Setzt schon ein Statement mit seiner Anwesenheit.













