Ist Australien mit seinen Atom-U-Booten auf Kurs – oder braucht es einen Plan B?Ein Erfolg der Sicherheitspartnerschaft Aukus ist keineswegs garantiert. Immer wieder werden Stimmen laut, die eine Alternative fordern.25.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEin Jagd-U-Boot der «Virginia»-Klasse vor dem Abtauchen in den Atlantik. Bis zu vier Boote dieses Typs werden ab nächstem Jahr in Western Australia stationiert.ReutersAls im September 2021 Australien, Grossbritannien und die USA die Sicherheitspartnerschaft Aukus aus der Taufe hoben, war schnell klar: Das ist ein Jahrhundertprojekt, bei dem einiges stimmen muss, damit es funktioniert. Insbesondere für Australien steht viel auf dem Spiel: Aukus – zusammengesetzt aus den Anfangsbuchstaben und Abkürzungen der drei Partnerländer – soll der australischen Marine zu atomgetriebenen Jagd-U-Booten verhelfen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Aukus-U-Boot, das mit der britischen Marine geteilt wird, muss erst noch entwickelt und gebaut werden. Erst in den 2040er Jahren werden die ersten Einheiten einsatzbereit sein. Doch Australiens sechs U-Boote der «Collins»-Klasse sind zwischen 23 und 30 Jahre alt. Ob sie noch so lange einsatzfähig sein werden, bis die Atom-U-Boote verfügbar sind, muss bezweifelt werden.Australien will weit vor seiner Küste abschrecken könnenAls Zwischenschritt soll Australien den USA in den 2030er Jahren drei gebrauchte U-Boote der «Virginia»-Klasse abkaufen. Diese sind erprobt und zählen zum Modernsten, was es an U-Booten gibt. Allerdings gibt es einen Haken: Die US-Navy hat selber zu wenig Boote. Darum kommt in Australien immer wieder die Frage auf: Was, wenn Washington den Verkauf trotz wiederholten Versprechen stoppt? Steht die Royal Australian Navy dann auf einmal ohne U-Boote da?Die strategische Begründung für die Beschaffung der Atom-U-Boote lautet so: Die Verteidigung Australiens beginnt nicht erst an der Küste des Landes. Sie beginnt bei den Seewegen, die für die Wirtschaft Australiens von existenzieller Wichtigkeit sind. Atom-U-Boote, die wochenlang, ohne aufzutauchen, unter Wasser riesige Distanzen zurücklegen können, sind eine mögliche Antwort auf eine militärische Blockade der indonesischen Meerengen.Bei den vielen Wenn und Aber wird immer wieder der Ruf laut, dass es einen Plan B brauche, eine Alternative, falls es mit Aukus nicht klappe. Eine Möglichkeit wären Boote mit konventionellem Antrieb. Der Schattenverteidigungsminister James Paterson argumentierte im Mai an einer Sicherheitskonferenz in Perth zugunsten einer weiteren Alternative: Australien solle B-21-Tarnkappenbomber beschaffen. Auch diese könnten über weite Distanzen Ziele angreifen und dienten so der Abschreckung.Australien muss sich an seinen Plan haltenVerteidigungsminister Richard Marles widerspricht dem entschlossen. Er mahnt: Aukus sei nicht der Plan A – sondern bereits der Plan C. Wer einen weiteren Plan vorschlage, fordere eigentlich, dass man die Ablösung der «Collins»-Klasse aufgeben solle. «Wir müssen uns für einmal an einen Plan halten», sagte er an der gleichen Konferenz in Perth, «wenn wir ständig Änderungen machen, kommen wir nie ans Ziel.»Marles spielt auf die Saga an, welche das australische U-Boot-Programm bereits durchlaufen hat. 2016 galt es als ausgemacht, dass japanische U-Boote beschafft würden – doch dann gab die nächste Regierung plötzlich bekannt, dass man sich für ein französisches Modell entschieden habe. Fünf Jahre später machte Aukus diese Typenwahl dann ebenso überraschend wieder hinfällig.Die gegenwärtige Diskussion um eine Alternative sei schädlich, sagt Jennifer Parker, eine australische Sicherheitsexpertin, die zwanzig Jahre in der Marine gedient hat. Sie absorbiere Energie, die besser darauf verwendet würde, das Projekt umzusetzen. «Aukus läuft über fünfzig Jahre – wir haben bisher nur gerade 10 Prozent dieses Wegs zurückgelegt.» Ihrer Meinung nach läuft Aukus grösstenteils nach Plan.Der nächste grosse Schritt für Aukus kommt 2027. Ab dann werden amerikanische und britische U-Boote von der australischen Marinebasis HMAS Stirling aus Patrouillen im Indischen Ozean fahren. Die sogenannte Submarine Rotation Force West füllt zum einen die strategische Lücke, die mit dem zunehmenden Alter der «Collins»-Klasse entsteht. Gleichzeitig dient sie den Australiern dazu, sich mit dem Betrieb von Atom-U-Booten vertraut zu machen.Von konventionellen auf ein Atom-U-Boot umzusteigen, sei ein Kulturwandel, sagt Brent Sadler. Der Experte für maritime Kriegsführung bei der amerikanischen Denkfabrik Heritage Foundation leistete seinen Dienst bei der US-Navy jahrelang auf Atom-U-Booten: «Um auf einem Kriegsschiff gefahrlos einen Atomreaktor zu betreiben, braucht es absolute Professionalität.» Die US-Navy betreibe seit den 1950er Jahren Atom-U-Boote unfallfrei, das könnten die Australier nun lernen.Bisher ist nicht festgelegt worden, welche drei U-Boote der «Virginia»-Klasse Australien erhalten wird. Sadler sieht einen graduellen Prozess: Zuerst würden einige Australier auf einem amerikanischen U-Boot mitfahren, dann werde ein immer grösserer Teil der Crew australisch, und später gehe das Kommando an einen australischen Offizier über – das U-Boot wird Teil der Royal Australian Navy.«Mit diesem graduellen Ansatz haben sich die beiden Länder praktisch dazu verpflichtet, dass die U-Boote am Schluss an Australien verkauft werden», sagt Sadler. Die in Australien immer wieder geäusserte Befürchtung, dass Washington noch einen Rückzieher machen könnte, hält er für unbegründet. Darum brauche es auch keinen Back-up-Plan.Indem die Amerikaner mit ihren U-Booten von der australischen Westküste aus operieren können, sparen sie sich lange Anfahrtswege. «Weil man näher am Einsatzgebiet ist, erreicht man mit weniger Einheiten eine höhere Bereitschaft», sagt Sadler von der amerikanischen Heritage Foundation. Und man verbrauche weniger schnell den atomaren Brennstoff eines U-Bootes. Der Reaktor eines «Virginia»-Bootes wird beim Bau mit hochangereichertem Uran befüllt. Ist dieses abgebrannt, wird das Boot ausser Betrieb gestellt.Die amerikanischen U-Boote werden auf der australischen Marinebasis HMAS Stirling stationiert.Kirsty Needham / ReutersDamit die amerikanischen Boote über lange Zeit von Australien aus eingesetzt werden können, müssen sie dort gewartet werden. Dazu braucht es grosse Investitionen auf der Basis Stirling und im nahe gelegenen Industriegebiet Henderson. So ist ein Trockendock geplant, das die riesigen U-Boote aufnehmen kann.Hunderte von amerikanischen Militärangehörigen – aber keine amerikanische BasisDie amerikanischen Crews werden auf oder in der Nähe der Basis Stirling leben. Zu den rund 700 Seeleuten kommt weiteres technisches Personal. Ein Teil der Belegschaft wird mit den Familien nach Western Australia ziehen, womit sich die Zahl der Amerikaner auf rund 3000 belaufen könnte. Die Wohnungen für sie sind im Bau.Dennoch entstehe keine amerikanische Militärbasis, sagt die australische Sicherheitsexpertin Parker: «Die Souveränität bleibt bei Australien.» Das letzte Wort habe Canberra. Das gelte auch für die künftigen australischen U-Boote. «Wenn wir unsere eigenen U-Boote haben, können wir auch Nein sagen.» Ob Australien in einem Krieg die USA unterstützen und allenfalls die U-Boote entsenden werde, werde die zu jenem Zeitpunkt amtierende Regierung entscheiden.Sie widerspricht damit Befürchtungen, dass sich Australien mit der Beschaffung der «Virginia»-Boote praktisch dazu verpflichte, den Amerikanern in einem künftigen Krieg gegen China zu Hilfe zu eilen. Sadler sieht das ähnlich. Es brauche keine Verpflichtungen, beide Seiten müssten vielmehr darauf hinarbeiten, dass ihre nationalen Interessen möglichst deckungsgleich seien. «Dann lassen sich solche Fragen schnell lösen.»Passend zum Artikel