Das berühmte italienische Dreirad Ape kehrt als Stromer zurück und heisst nun Tris: So will Fiat die Erfolgsgeschichte fortschreibenDie Ape war Symbol des Wirtschaftswunders, der Tris ist ein modularer Kunststoffbaukasten aus Marokko. Ist er ein würdiger Nachfolger – oder nur ein Retromobil für sonnige Tage?Thomas Geiger25.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer elektrische Fiat Tris will als moderner Nachkomme der Piaggio Ape von Casablanca aus den Nahen Osten und bald auch Europa erobern.Manuel HollenbachSie war der Motor des italienischen Wiederaufbaus und gehört zu unserer Vorstellung von Bella Italia wie die Vespa und der Cinquecento. Denn egal wo man südlich der Alpen unterwegs war – immer und überall knatterte eine Ape (italienisch für Biene) durchs Bild, jener zum Dreirad aufgestiegene Roller, ohne den weder Land- noch Gastwirtschaft auf dem Stiefel denkbar gewesen wären. Nicht umsonst wurde das fleissige Bienchen zu seinem Namensgeber, als Piaggio den Tausendsassa als treibende Kraft der Nachkriegszeit 1947 enthüllte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Über 75 Jahre, zwei Millionen Exemplare und noch mehr Erinnerungen später ist es allerdings still geworden in den Altstadtgassen, auf den Weinbergen und an den Strandpromenaden Italiens, das Knattern ist verstummt und die Ape bald aus dem Strassenbild verschwunden. Die EU und ihre Normen haben ihr den Garaus gemacht. Anstatt sie technisch weiterzuentwickeln und mit umweltfreundlichem Antrieb auszustatten, hat Piaggio klein beigegeben und lässt die Ape nur noch auf den ohnehin viel lukrativeren Märkten in Südostasien knattern.Fiat hat Erfahrung mit RetrofahrzeugenAllerdings springt jetzt Fiat in die Bresche und nimmt sich der italienischen Legende von Piaggio an. Nachdem die Stellantis-Konzerntochter schon den Cinquecento in die neue Zeit führte und zuletzt auch den Kleinwagen Panda, will sie auch die Ape retten und hat daraus den Tris gemacht: Mit einem modernen Elektroantrieb eignet sich das schmale Dreirad für den sauberen Stadtverkehr der Zukunft.Der Fiat Tris ist technisch eng verwandt mit den Kleinstwagen-Drillingen Fiat Topolino, Citroën Ami und Opel Rocks und wird im gleichen Werk in Marokko aus wenigen durchgefärbten Kunststoffteilen und einem Metallrahmen zusammengebaut. Damit wird deutlich, dass das Dreirad ganz im Geist des Originals als Nutzfahrzeug entwickelt wurde, das an Simplizität kaum zu überbieten ist.Vorne gibt es eine schmale Bank für zwei Personen, die entweder sehr schlank oder ganz arg verliebt sein müssen. Der Fahrer hat vor sich einen Mofalenker und ein Cockpit, das kleiner als ein Smartphone ist. Darum herum gibt es eine offene Kabine und dahinter eine Pritsche, gross genug für eine Europalette und hinreichend stabil für eine Nutzlast von 540 Kilogramm – zehn Prozent mehr als das Leergewicht der Ape. Mehr braucht es nicht, um nach der italienischen jetzt die marokkanische Wirtschaft anzukurbeln. Das neue E-Dreirad gibt es zu einem besonders attraktiven Preis. Und der ist mit umgerechnet nicht einmal 5000 Euro schier unschlagbar.Der Lenker ist mittig platziert, aber auf der Sitzbank finden notfalls zwei schmale Erwachsene Platz.Manuel HollenbachDen Antrieb übernimmt eine 12 PS starke E-Maschine an der Hinterachse, die von einem 7 kWh grossen Akku gespeist wird. Der reicht für bestenfalls 90 Kilometer oder ungefähr einen Arbeitstag im Stadtverkehr. Zum Nachladen zieht man wie beim Staubsauger das 4,5 Meter lange Kabel unter der Sitzbank hervor und schliesst den Tris für rund fünf Stunden an einer herkömmlichen Haushaltsteckdose an.Zwar kann der Tris beim Bremsen sogar Energie zurückgewinnen. Aber Aufladen an der Schnellladesäule kennt der kleine Lastenträger genauso wenig wie schnelles Fahren. Genau wie bei den Kleinstwagen-Geschwistern ist bei 45 km/h Schluss. Bis die Höchstgeschwindigkeit erreicht wird, dauert es eine gefühlte Ewigkeit.In engen Gassen ist der Tris ein idealer LieferwagenAuf dem Papier klingt der Tris damit für Automobilisten nach einer schweren Zumutung. Doch wer damit zur Jungfernfahrt eine Stunde westlich des Werkes in Kenitra durch die marokkanische Grossstadt Casablanca startet, sieht die Welt plötzlich mit ganz anderen Augen und lernt schnell, wie relativ Geschwindigkeit ist.Nicht nur, dass der Tris besser beschleunigt als die meisten Taxi-Fahrzeuge. Er schlängelt sich auch auf schmaler Spur munter durch den Stau, mogelt sich an allen anderen Autos vorbei und wird mit einem Wendekreis von kaum mehr als sechs Metern zu einem kleinen Wirbelwind. Und wo die fliegenden Händler bisher am Tor zur Altstadt auf Handkarren umladen oder ihre Waren selber schleppen müssen, findet der Schmalhans auch in den engsten Gassen seinen Weg.Allerdings braucht es ein bisschen Übung, bis man den Tris flott durchs Chaos bugsiert. Wer mit dem Auto gross geworden ist und nicht mit einem Roller, der tut sich anfangs schwer mit der Koordination von Handgas und Fussbremse. Hohes Tempo und enge Kurven führen zum Beispiel im Kreisverkehr vor der grossen Hassan-II.-Moschee schnell zu atemberaubender Schräglage.Auf dem engen Markt in Casablanca kann das italienische E-Dreirad sogar ganze Paletten liefern.Manuel HollenbachDa das Gefährt vorne schmaler ist als hinten, sollte der Fahrer stets die Seitenspiegel im Blick halten, damit man unterwegs nicht an einer Hauskante oder einem anderen Fahrzeug hängen bleibt. Was kompliziert klingt, spielt sich aber schnell ein: Nach ein paar Kilometern hat man sich daran gewöhnt und wird mit dem ausschliesslich in leuchtendem Orange lieferbaren Spielmobil zum König der Kasbah.Zwar gibt es den Tris bis jetzt nur in Marokko und demnächst auch im Nahen Osten. Doch haben die Entscheidungsträger bei Stellantis mittlerweile offenbar erkannt, dass die in Italien ausgemusterte Ape eine profunde Lösung für Lieferungen auf der letzten Meile darstellt. Und weil auch nördlich der Alpen immer mehr smarte Mobilitätskonzepte für emissionsfreien Innenstadtverkehr gefragt sind, gab der Konzern dem Fiat Tris grünes Licht für den Weg nach Europa.In der Schweiz dürfte es das italienische Dreirad allerdings schwer haben. Denn der Platzhirsch Kyburz – gerade an die Beteiligungsgesellschaft SIC verkauft – hat mit seinem ebenfalls dreirädrigen Roller die Lieferlogistik auf der letzten Meile mit der Schweizer Post bereits erobert und erweitert sein Geschäft laufend.Ein Problem müssen die Macher des Fiat Tris bis zum Marktstart nördlich des Mittelmeers noch lösen: Die Ape der Neuzeit hat zwar einen Scheibenwischer, aber sie hat weder Türen noch Heizung. In Palermo, Neapel oder Bologna mag das kein Problem sein. In Bordeaux, Berlin oder Bern allerdings könnte sich die Begeisterung der Kunden für den charmanten Stadtzwerg damit empfindlich abkühlen. Das Beispiel des Renault Twizy zeigt: Manchmal sind Fahrzeuge aus Südeuropa dem Klimawandel zu weit voraus. Der Twizy und sein Nachfolger Mobilize Duo waren in unseren Breitengraden ein Flop.Für den europäischen Winter eignet sich der Fiat Tris bisher nicht: Türen und Heizung fehlen.Manuel HollenbachDie Testfahrt wurde durch Fiat unterstützt.Passend zum Artikel
Die Ape lebt weiter: Fiat Tris bringt Retro-Dreirad in die Zukunft
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