Klar, in der Popmusik geht es meistens um große Gefühle, häufig um die Liebe und das Gegenteil von ihr. Und da irgendjemand all das erleben muss, braucht ein Song zwingend Personalpronomen: „All you need is love“, sangen deshalb die Beatles erstmals am 25. Juni 1967. Etwas anders klang es auf dem 2003 von Beyoncé veröffentlichten Album „Dangerously in love“. Dort bekundete die US-amerikanische Sängerin: „Me, myself and I, That’s all I got in the end, that’s what I found out“, in Deutsch: „Ich, ich selbst und ich, das ist alles, was mir geblieben ist, das ist, was ich herausgefunden habe.“ Der Unterschied ist bemerkenswert.Und er ist kein Zufall, erklärt jetzt ein Forscherteam um den Psychologen Marius Golubickis von der United Arab Emirates University in einer Studie im Fachmagazin Plos One: Ihre Analyse der erfolgreichsten Popsongs der vergangenen 50 Jahre habe gezeigt, dass die Texte der Songs zumindest in westlichen Ländern tatsächlich immer selbstbezogener und egozentrischer werden. Und ja, Rückschlüsse auf die psychische Verfasstheit der Gesellschaften seien erlaubt.Die Methode an sich ist nicht neu. Viele Psychologen und Soziologen vermuten seit Jahren und in manchen Studien, dass sich durch die Analyse des Wortschatzes in Büchern, Filmskripten und Songtexten Rückschlüsse auf einen Kulturwandel im weitesten Sinne nachvollziehen lässt. Dabei würde es manchmal schon reichen, wenn man belegt, dass Wörter wie „ich“, „mich“, „mein“ sich häufen. Und zwar auf Kosten von Begriffen wie „wir“ und „uns“. So ähnlich argumentierte bereits die Psychologin Jean Twenge von der San Diego State University, die einen allgemeinen Trend zum Narzissmus in der Kultur zu belegen versucht hat. Sie hatte unter anderem in einer Studie einen Wandel hin zu individualisierenden Wörtern und Sätzen in US-amerikanischen Büchern gefunden, die zwischen 1960 und 2008 erschienen waren. Ihre Arbeit erschien ebenfalls im Fachblatt Plos One.In der Statistik spiegelt sich das stärkere Gemeinschaftsgefühl asiatischer GesellschaftenDie neue Studie von Golubickis und seinem Team hat nun den Zeitraum von 1970 bis 2019 erfasst und sich dabei jedoch nicht auf die USA beschränkt, sondern zudem Deutschland, Hongkong und Japan berücksichtigt. In jedem dieser Länder nutzten die Forscher die nationalen Charts, um die zehn beliebtesten Popsongs pro Jahr im Untersuchungszeitraum zu bestimmen. So war das Untersuchungsmaterial zwar nicht ganz so umfangreich wie in der Twenge-Studie, andererseits wurden diese Songtexte von sehr vielen Menschen gemocht und gehört, sodass man eher davon ausgehen kann, dass sie tatsächlich repräsentativ für eine bestimmte psychische Verfasstheit stehen.Mit ihrer Analyse bestätigten die Wissenschaftler, dass in den eher als individualistisch gesehenen Ländern wie den USA tatsächlich auch in den Songtexten eine zunehmende Selbstbezogenheit zu finden war, die sich in dem Gebrauch der ersten Person widerspiegelte. Zugleich zeigte sich aber ein deutlicher Unterschied zu den eher kollektivistischen Kulturen Hongkongs und Japans. „Das zeigt, dass der Wandel im Selbstausdruck nicht einfach ein globaler Trend ist; er ist vielmehr vom kulturellen Umfeld bestimmt, in dem die Musik populär wurde“, schreiben die Autoren in einer Mitteilung von Plos One zu der Studie. Trotz einer globalisierten Popkultur unterscheiden sich westliche und asiatische Gesellschaften zumindest hier immer noch erkennbar.Hinweis der Redaktion. In einer ersten Version des Textes war das Song-Zitat der Sängerin Beyoncé falsch zitiert. Wir haben dieses korrigiert.