Als die Journalisten das «Ich» entdeckten: Der Pop-Journalismus vereinte Glanz und GrössenwahnAutoren wie Maxim Biller, Moritz von Uslar oder Tom Kummer begründeten den deutschen Pop-Journalismus, der Subjektivität ins Zentrum stellte. Zeitschriften wie «Tempo» oder «Spex» gingen früh pleite, sie sind aber bis heute prägend. Ein Buch blickt zurück.Timo Posselt29.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie Schreibideen kamen ihnen bei nächtlichen Sauftouren. Die Zeitschrift «Tempo» hatte Kultstatus.Hans NieswandtEinen Text über den Pop-Journalismus müsste man eigentlich programmatisch beginnen: persönlich, indem der Journalist «ich» sagt. Doch das sei den Wegbereitern des deutschsprachigen Pop-Journalismus überlassen, die Erika Thomalla für ihr Buch «Gegenwart machen» zum Gespräch getroffen hat. Das generische Maskulinum ist angebracht, denn unter ihnen gab es kaum Frauen. Und manche wie beispielsweise Sibylle Berg waren für diese «Oral History», wie das Buch im Untertitel heisst, nicht zu sprechen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Thomalla, Germanistin mit Jahrgang 1986, lässt knapp hundert bekannte und weniger bekannte Autoren von der Vergangenheit erzählen. Sie tun damit genau das, was sie einst mit aller nur erdenklichen Verve verachtet haben: nämlich zurückzublicken, statt über das Jetzt zu berichten. Schliesslich war die Autorität des Neuen über das Etablierte eine der Maximen des Pop-Journalismus.Vorbild New Journalism von Tom WolfeDie Geschichte des Pop-Journalismus beginnt in den 1970er Jahren. Im Umfeld der deutschen Stadtmagazine entstanden Musikhefte wie «Spex», die eine hohe Theorie-Affinität hatten. Deren Autoren schrieben nach dem Vorbild des New Journalism eines Tom Wolfe selbstverständlich «ich», statt verklemmte, aber bis heute gängige Stellvertreter wie «der Reporter» oder «man» zu verwenden. «Was zählte, war die subjektive Meinung, das Ich», sagt die «Spex»-Autorin Clara Drechsler. Heute ist kaum mehr vorstellbar, gegen was für eine Übermacht an stilistischen Neutralitätsgesten bei «Spiegel», «Stern», und «Zeit» sie damit anschrieben.Musikmagazine wie «Spex» eiferten dem amerikanischen Reportagestil nach: statt strikte Objektivität war nun ein literarisierter Stil angesagt.Thomas Elsner und Michael ReinbothDie anderen Blätter müssen knochentrocken gewesen sein. Nur so lässt sich erklären, weshalb der subjektive Zugang zur Welt als jene Pop-journalistische Revolution wahrgenommen wurde – sowohl von den Beteiligten selbst als auch vom mitlesenden Nachwuchs wie beispielsweise Benjamin von Stuckrad-Barre.Die Veränderung im Stil verschränkte sich mit einer des Blicks: «Wir lehnten den Inhaltismus der 1970er Jahre ab. Die Form wurde für uns das Wichtige. Es ging um das Lob der Oberfläche, weil wir überzeugt waren, dass sich darin das Eigentliche zeigt», sagt Thomas Palzer, der für die Zeitschrift «Mode & Verzweiflung» schrieb. Auf diesen frühen Umbruch folgte programmatisch bis in die 2000er Jahre wenig Neues. Unternehmerisch dagegen schon.Sie fühlten sich als Reporter von WeltDas 1979 gegründete Satiremagazin «Titanic» existiert bis heute, obwohl in den sozialen Netzwerken täglich mehr satirische Memes über das Weltgeschehen entstehen, als in ein einzelnes Printmagazin passen würden. Das Jugendmagazin «Jetzt» der «Süddeutschen Zeitung» dagegen überlebte lediglich bis 2002. Das Magazin «Neon» des Verlags Gruner + Jahr war zwar kurzzeitig sehr erfolgreich – es richtete sich an alle, die sich irgendwie noch jung fühlten, aber auf bestem Weg dazu waren, es nicht mehr zu sein. 2018 wurde es ebenfalls eingestellt.In den frühen 2000er Jahren gab es weiterhin ein Budget für Experimente. Zwei Jahre lang finanzierte der Springer-Verlag die Zeitschrift «Der Freund», die von den Schriftstellern Christian Kracht und Eckhart Nickel in Kathmandu, Nepal, produziert wurde, was genauso aufregend gewesen sein muss, wie es klingt. Womöglich hat keine andere Zeitschrift die kosmopolitische Sehnsucht des Pop-Journalismus so sehr verkörpert. Zu Hause in Deutschland war für die selbstbewussten Autoren alles etwas zu eng.Kracht, heute international gefeiert, begann als Praktikant bei «Tempo». Auch «Tempo» erschien nur zehn Jahre lang, bis 1996. Interessanterweise verkaufte sich die Zeitschrift in der Schweiz besser als in Deutschland. In Sachen Wirkung steht sie bis heute so breitbeinig wie kein anderes Medium in der Pressegeschichte. Das liegt weniger am eher begrenzten wirtschaftlichen Erfolg als vielmehr an dieser neuen Art des Schreibens, in der sich der Autor als Person einbringt, wie es für den Magazinjournalismus charakteristisch geworden ist. Mehr denn je sind Ich-Geschichten bei Journalisten beliebt, und sie werden gelesen.Den Anfang nahm «Tempo» in einem überhöhten Selbstanspruch: Das Heft war als «strahlendes Siegerprojekt» geplant, das «‹Stern› und ‹Zeit› plattmachen» sollte, wie der Autor Moritz von Uslar sagt. Das erinnert an die Selbstüberschätzung der digitalen amerikanischen Medien «Buzzfeed» oder «Vice», die ebenfalls grossmäulig anfingen, schnell wuchsen und heute irrelevant oder bankrott sind.Bereits in den 1970er Jahren begannen Stadtmagazine mit Sprache und Stil zu experimentieren, waren also buchstäblich: Punk.Privatarchiv Erika ThomallaOb eine Geschichte stimmte, war nicht so wichtigDie wichtigste Figur bei «Tempo» war der österreichische Chefredaktor Markus Peichl. Sein rücksichtsloser Redigier-Eifer forderte Journalisten heraus, die sich als Autoren verstanden. Wer Familie hatte, hatte das Nachsehen: Vor elf Uhr war selten jemand im Büro, was tagsüber geschrieben wurde, schrieb Peichl spätabends um, und die wichtigsten Geschichten wurden in nächtlichen Sauftouren angerissen.Inhaltlich dagegen ermöglichte Peichl literarische Reportagen oder Kolumnen wie jene von Maxim Biller, die dieser in der «Zeit» bis heute fortführt. Man gewann Weltstars für Interviews, in denen man sie fragte, welches Deodorant sie benutzen.Was die meisten Geschichten in «Tempo» vereinte, waren nicht nur die ausgeprägte Verwendung der Ich-Form und der damit verbundene subjektive Blick auf die Welt, sondern ebenso eine Neigung zum nicht immer geglückten journalistischen Stunt. Als Tom Kummer durch Deutschland reiste, um über seinen Drogenkonsum zu schreiben, konnte er in München kein Kokain auftreiben, also zog er sich das weisse Pulver in Berlin durch die Nase. Ob die Geschichte stimmte, war unwichtig. Die Redaktion hatte keinen journalistischen Wahrheitsanspruch.Selbstbezogenheit hat überlebtDer journalistische Mainstream sog die Impulse von «Tempo» auf, und auch dessen Personal. Das lässt sich am 1990 gegründeten «SZ-Magazin» und an der deutschen «Vanity Fair» aufzeigen, die beide auch für Kipppunkte des Pop-Journalismus stehen.Das Magazin der «Süddeutschen Zeitung» ist eine Institution.Privatarchiv Erika ThomallaBeim «SZ-Magazin» fälschte Tom Kummer Interviews mit Hollywoodstars – Kummer darf sich in Thomallas Buch noch einmal ausgiebig rechtfertigen. Mit der deutschen «Vanity Fair» bescherte Ulf Poschardt dem amerikanischen Mutterkonzern Condé Nast ein ökonomisches Debakel: Der deutsche Ableger des amerikanischen Magazins wurde nach nur zwei Jahren 2009 eingestellt.Am Ende der Lektüre von 250 Seiten Zeitzeugenzitaten fragt man sich, ob es nicht etwas weniger selbstbeweihräuchernd gegangen wäre. Da die Selbstbezogenheit programmatisch ist für den Pop-Journalismus und dieser seine Spuren bis heute hinterlassen hat, muss man andererseits sagen: Passt.Die erste deutsche Ausgabe von «Vanity Fair» erschien am 7. Februar 2007. Das Magazin wurde nach zwei Jahren bereits wieder eingestellt.Vanity Fair / DPAErika Thomalla: Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus. Schöffling & Co. 2026, 256 S., 47.90 Fr.Passend zum Artikel
Von «Spex» bis «Tempo»: Wie der Pop-Journalismus den Journalismus revolutionierte
Autoren wie Maxim Biller, Moritz von Uslar oder Tom Kummer begründeten den deutschen Pop-Journalismus, der Subjektivität ins Zentrum stellte. Zeitschriften wie «Tempo» oder «Spex» gingen früh pleite, sie sind aber bis heute prägend. Ein Buch blickt zurück.








