Seit 2021 werden jedes Jahr im Juni in Nationalpark Berchtesgaden zwei Bartgeier ausgewildert. Die bisherigen Aktionen waren alle große Spektakel mit einem Riesenpublikum. Der Höhepunkt war jedes Mal die öffentliche Präsentation der noch recht jungen und noch flugunfähigen Greifvögel.Dabei konnten nicht nur Artenschützer und Naturliebhaber aus nah und fern die jungen Greifvögel aus nächster Nähe bewundern. Sondern auch Einheimische, Urlauber und andere Zaungäste. Der Andrang war jedes Jahr immens. Die Veranstaltungen nahmen bisweilen fast Volksfest-Charakter an.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Dieses Jahr war es ganz anders. Die Auswilderung von „Alosa“ und „Zierli“, wie die beiden drei Monate jungen Bartgeier heißen, die am Mittwoch in die speziell hergerichtete Felsnische hoch über dem Klausbachtal gebracht wurden, fand praktisch fernab der Öffentlichkeit statt. Es gab nur einen kleinen Festakt im Nationalpark-Infohaus im Klausbachtal mit geladenen Gästen, unter ihnen Umweltminister Thorsten Glauber (FW). Der Minister würdigte das Projekt als „große Erfolgsgeschichte des Artenschutzes“. In den bayerischen Alpen waren die Bartgeier, die mit ihren drei Metern Flügelspannweite zu den mächtigsten Greifvögeln weltweit zählen, vor ungefähr 140 Jahren ausgerottet worden.Für den Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) und den Nationalpark Berchtesgaden ist die neuerliche Auswilderung trotz ihres bescheidenen Rahmens eine große Freude. „Wir sind auf einem guten Weg, den Bartgeier, der ja ein wichtiger Aasfresser ist, endgültig in unsere heimische Gebirgswelt zurückzubringen“, sagte Nationalpark-Chef Roland Baier. LBV-Chef Norbert Schäffer zeigte sich sehr zuversichtlich, dass auch Alosa und Zierli, die aus speziellen Zuchtstationen in Frankreich und Belgien stammen, sich in ihrer neuen Heimat nicht nur schnell an aneinander gewöhnen, sondern außerdem – wie ihre zehn Vorgänger und Vorgängerinnen – gut entwickeln werden.Nach dem Festakt transportierten Toni Wegscheider, der Biologe und Leiter des auf zehn Jahre angelegten Auswilderungsprojekts, und sein Team die noch ein wenig zerzaust wirkenden Alosa und Zierli in die Felsnische auf 1300 Metern Höhe, wo sie die nächsten Wochen verbringen werden. Wegen der aktuellen Hitze, die auch in den Bergen herrscht, legten sie den ersten Abschnitt mit Geländewagen zurück. Bis zu den Autos wurden beiden Greifvögel von Minister Glauber und LBV-Chef Schäffer getragen. Den zweiten Abschnitt transportierten Wegscheider und sein Team die Bartgeier, die in speziellen Kästen untergebracht waren, auf Tragegestellen auf dem Rücken zu der Nische hinauf – zuletzt über einen steilen Abhang, mitten in der Sonne.Ausgewilderte Bartgeier:Wally und Bavaria sind beliebt wie PopstarsDie Auswilderung der beiden Bartgeier-Weibchen Wally und Bavaria ist ein Riesenerfolg für den Naturschutz. Ein Gespräch mit Norbert Schäffer vom Landesbund für Vogelschutz, der das Wiederansiedlungsprojekt verantwortet.Alosa ist ein Bartgeier-Weibchen und nach der Alosa-Stiftung benannt. Das ist eine private Naturschutzstiftung, die bis 2024 unter dem Namen HIT Umwelt- und Naturschutzstiftung firmiert hat und seit gut zwanzig Jahren bundesweit schier unzählige lokale Artenhilfsmaßnahmen, aber auch große Wiederansiedlungsprojekte zum Beispiel für den Maifisch, den Luchs und eben auch den Bartgeier in den Berchtesgadener Alpen maßgeblich unterstützt.Das Geschlecht von „Zierli“ steht bisher nicht fest, das Ergebnis des entsprechenden Bluttests wird erst in ein oder zwei Wochen erwartet. Der Name des jungen Greifvogels leitet sich vom Gründungschef des Nationalparks Berchtesgaden, Hubert Zierl, her, der dieser Tage seinen 90. Geburtstag feierte. Zierl, der sehr rüstig ist, nahm ebenfalls an dem Festakt teil.Die Wiederansiedlung der Bartgeier in den Berchtesgadener Alpen zählt zu den aktuell spektakulärsten Artenschutzprojekten in Deutschland. Der LBV betreibt dafür einen Riesenaufwand, auch im Internet. Zwar sehen die riesigen Greifvögel mit ihrem hakenförmigen Schnabel und den großen schwarzen Federn, die davon nach unten abstehen, richtig wild aus. Und es ist ein imposanter, majestätischer Anblick, wenn sie mit ihren bis zu drei Metern Spannweite vor einer Felskulisse durch die Lüfte segeln. Aber genau genommen sind Bartgeier harmlos und vor allem völlig ungefährlich. Sie fressen nur Aas und Knochen.Früher waren die Leute überzeugt, dass Bartgeier Schafe von den Weiden holen und sogar kleine Kinder jagen und töten. Deshalb wurden die Greifvögel überall in den Alpen abgeschossen, wo immer sie angetroffen wurden. 1913 wurde im norditalienischen Aostatal der letzte frei in den Alpen lebende Bartgeier getötet. Heute ist die Population wieder auf etwa 500 Bartgeier gewachsen. Und ihr Ruf ist durchwegs positiv. Dass das so ist, liegt an einem europäischen Wiederansiedlungsprojekt, das seinen Anfang in den Achtzigerjahren in Österreich nahm, genau gesagt im Alpenzoo in Innsbruck und in den Hohen Tauern. Seit 2021 nehmen der LBV und der Nationalpark Berchtesgaden daran teil.Die nächsten Wochen werden Alosa und Zierli oben in der Felsnische über dem Klausbachtal ohne Kontakt zu Menschen, aber versorgt und rund um die Uhr beobachtet von Wegscheider und seinem Team, weiter aufwachsen. Vor allem werden sie alsbald beginnen, ihre Flugmuskulatur trainieren – indem sie mit den Flügeln schlagen und zwar immer und immer wieder. Erst wenn Bartgeier stabil um die 200 Flügelschläge am Tag schaffen, haben sie ausreichend Ausdauer für ihren Jungfernflug. In der Regel sind sie dann vier Monate alt.Der Grund übrigens, warum die Auswilderung von Alosa und Zierli ohne großes Publikum stattfand, war, dass lange Zeit ungewiss war, ob LBV und Nationalpark dieses Jahr überhaupt junge Bartgeier für ihr Wiederansiedlungsprojekt bekommen. Deshalb wollten sie nicht in die Vorbereitung einer großen Veranstaltung einsteigen. Alosa und Zierli stammen wie ihre Vorgänger aus einem speziellen europaweiten Zuchtprogramm und werden nach einem ganz speziellen Schlüssel auf alle möglichen Wiederansiedlungsprojekte überall in den Alpen verteilt. Dieses Jahr gab es in dem Programm viel weniger junge Bartgeier als in den Vorjahren. Deshalb schien es lange so, als müssten LBV und Nationalpark ein Jahr pausieren. Zu guter Letzt hat sich dann doch noch alles gefügt.
Wiederansiedlung der Bartgeier: Alosa und Zierli leben jetzt im Klausbachtal
Im Nationalpark Berchtesgaden sind die beiden jungen Bartgeier Alosa und Zierli im Klausbachtal ausgesetzt worden. Damit geht das spektakuläre Wiederansiedlungsprojekt in sein sechstes Jahr.









