Über Wochen hinweg hat es ganz danach ausgesehen, als stünde die Wiederansiedlung der Bartgeier in den bayerischen Alpen dieses Jahr vor einer Zwangspause. Der Grund: Der Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) und der Nationalpark Berchtesgaden haben einfach keine Jungvögel für das Projekt auftreiben können, das sie seit sechs Jahren als Partner betreiben.Zu guter Letzt hat es doch geklappt. Kürzlich haben LBV und Nationalpark die Zusage für zwei Junggeier aus Belgien und Frankreich bekommen. „Die beiden sind zwei Monate jung und noch in ihren Aufzuchtstationen“, sagt der Projektleiter und LBV-Mann, Toni Wegscheider. „Wenn alles klappt, können wir sie Ende Juni auswildern.“SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Die Wiederansiedlung der Bartgeier in den bayerischen Alpen zählt zu den spektakulärsten Artenschutzprojekten nicht nur in Bayern, sondern in Deutschland. Allein schon wegen der Art, um die es geht: Gypaetus Barbatus, wie der wissenschaftliche Name der Bartgeier lautet, gehört zu den weltweit mächtigsten Greifvögeln. Mit bis zu drei Meter Flügelspannweite und dem hakenförmigen Schnabel wirken die Tiere richtig bedrohlich. Zugleich ist es ein majestätischer Anblick, wenn sie vor einer Felskulisse in der Luft segeln. Ihren Namen haben die Bartgeier von den schwarzen Federn, die unter ihrem Schnabel markant nach unten abstehen.Anders als ihr wildes Aussehen vermuten lässt, sind Bartgeier aber harmlos. Sie fressen nur Knochen und Aas. Für Menschen sind sie völlig ungefährlich. Gleichwohl sind die Bartgeier in den Alpen ausgerottet worden. Denn früher waren die Leute überzeugt, dass Bartgeier Schafe von den Weiden holen und sogar kleine Kinder jagen und töten. 1913 wurde im norditalienischen Aostatal der letzte Bartgeier abgeschossen, der damals noch frei in den Alpen lebte. In Bayern, wo sie rund um den Watzmann, aber auch im Karwendel und in den Allgäuer Alpen heimisch waren, waren sie bereits Jahre zuvor ausgerottet worden.Heute leben wieder an die 500 Bartgeier in den Alpen, unter ihnen fast hundert Brutpaare. Die Population wächst langsam, aber stetig an. Und der Ruf der riesigen Greifvögel ist durchwegs positiv. Dass das alles so ist, liegt an einem europäischen Wiederansiedlungsprojekt, das seinen Anfang in den Achtzigerjahren in Österreich nahm, genau gesagt im Alpenzoo in Innsbruck und in den Hohen Tauern. Seit 2021 nehmen der LBV und der Nationalpark Berchtesgaden daran teil. Seither wurden im Nationalpark Berchtesgaden jedes Jahr Ende Mai, Anfang Juni zwei junge Bartgeier ausgewildert. Wie groß der Aufwand für die Wiederansiedlung ist, kann man auch an dem aufwendigen Internetauftritt ablesen, den der LBV dafür betreibt.Ausgewilderte Bartgeier:Wally und Bavaria sind beliebt wie PopstarsDie Auswilderung der beiden Bartgeier-Weibchen Wally und Bavaria ist ein Riesenerfolg für den Naturschutz. Ein Gespräch mit Norbert Schäffer vom Landesbund für Vogelschutz, der das Wiederansiedlungsprojekt verantwortet.Zu seinem Beginn vor fünf Jahren hat die Süddeutsche Zeitung das Projekt mit einer Serie begleitet. In ihrem Rahmen erhielt das Bartgeier-Weibchen Wally von den SZ-Lesern ihren Namen. Sie und Bavaria waren 2021 die ersten Junggeier, die der Biologe Wegscheider und die anderen Projektmitarbeiter in eine abgelegene Felsnische hoch über dem Klausbachtal hinaufschleppten. Dort verbringen die Greifvögel die Wochen, bis sie flügge sind und ihre Kreise erst am Himmel über dem Nationalpark und später dann immer weiter über den Alpen ziehen. 2022 folgten Recka und Dagmar. Nepomuk und Sisi waren 2023 der dritte Jahrgang. 2024 gingen mit Wiggerl und Vinzenz zwei junge Bartgeier-Männchen miteinander an den Start. Vergangenes Jahr waren es abermals zwei Weibchen: Luisa und Generl.In diesem Jahr verschiebt sich die Auswilderung auf Ende Juni. „Wir bekommen unsere Bartgeier-Jungen ja alle über ein spezielles Zuchtprogramm, in dem europaweit ungefähr 40 Zoos und spezialisierte Zuchtstationen zusammenarbeiten“, sagt der LBV-Fachmann Wegscheider. „Für gewöhnlich schlüpfen die Junggeier Anfang März, dann werden uns unsere Tiere zur Auswilderung zugeteilt.“ Dieses Jahr war es wie verhext. „Einige alte erfahrene Brutpaare sind ausgefallen“, sagt Wegscheider, „anderswo sind unversehens Küken gestorben, und dann waren da noch einige junge unerfahrene Paare, die noch nicht so verlässlich brüten, bei denen sich das Ganze erst einspielen muss.“Wie auch immer, Anfang März waren noch keine Küken geschlüpft, die für den LBV und den Nationalpark infrage kamen. „Im Gegenteil“, sagt Wegscheider. „Wir hatten zwischendurch Signale, dass es womöglich überhaupt nichts wird, dieses Jahr.“ Umso größer ist jetzt die Freude, dass es doch klappt. Und zwar nicht nur beim LBV, sondern auch beim Nationalpark Berchtesgaden. „In den letzten Jahren kamen Jungvögel aus Spanien, Finnland und Österreich zu uns“, sagt Nationalpark-Vize Ulrich Brendel. „Das zeigt, wie grenzüberschreitender, moderner Naturschutz funktioniert. Wir sind sehr zuversichtlich, dass auch die neuen Jungvögel bald souverän durch die Berchtesgadener Alpen segeln werden.“Bis es so weit ist, dauert es freilich noch eine Weile. Noch ist der eine Junggeier in Belgien, der andere in Frankreich. Der in Belgien wird in einem Zoo 45 Kilometer südwestlich von Brüssel von einem Ammenvater aufgezogen. „Das Ei wurde in einem Brutkasten ausgebrütet, der Jungvogel konnte nicht zurück zu seinen Eltern“, berichtet Wegscheider. „Deshalb wurde er, wie in solchen Fällen üblich, einem Ammen-Geierpaar übergeben.“ Wie aus dem Nichts habe die Ammenmutter auf einmal das Küken attackiert, sie musste von ihm getrennt werden. „Nun kümmert sich der Ammenvater allein um den Jungvogel“, sagt Wegscheider. „Er tut das sehr liebevoll.“Von Frankreich nach Bayern: Der junge Bartgeier aus dem Departement Haute Savoie, der in Berchtesgaden ausgewildert werden soll, kurz nach dem Schlupf. Foto: Cen Haute Savoie / LBVDer andere Junggeier wurde in der Zuchtstation des französischen Naturschutzzentrums Asters geschlüpft, dessen Hauptsitz in Annecy ist und das für den Naturschutz im Departement Haute Savoie zuständig ist. „Seine Vorfahren stammen aus Bartgeier-Populationen in den Pyrenäen und auf Korsika“, sagt Wegscheider. Das ist insofern bemerkenswert, als die bisherigen Bartgeier in dem bayerischen Projekt alle aus Zuchtlinien mit asiatischen Vorfahren zum Beispiel aus Afghanistan abstammen. „Wir versprechen uns von dem französischen Bartgeier eine gewisse genetische Vielfalt in unserer Population“, sagt Wegscheider.Wie auch immer, schon jetzt steht fest, dass die Bartgeier-Wiederansiedlung im Nationalpark Berchtesgaden ein Erfolg ist. Das bislang einzige dramatische Ereignis war der jähe Tod von Wally. Das Bartgeier-Weibchen wurde im April 2022 im Wettersteingebirge beim Fressen von einem herabstürzenden Felsen erschlagen. „Die anderen acht Tiere sind im gesamten Alpenraum unterwegs“, sagt Wegscheider. Er muss es wissen. Sieben der acht Bartgeier tragen noch ihre GPS-Sender, die sie umgeschnallt bekommen haben, bevor Wegscheider und sein Team sie in die Felsnische über dem Klausbachtal gebracht haben. Der Biologe kann deshalb alle ihre Flüge minutiös nachvollziehen.Auch bei Bavaria, die als einzige nicht mehr sendet, geht Wegscheider fest davon aus, „dass alles bestens ist“, wie er sagt. „Sie dürfte nur den Sender verloren oder abgestreift haben, so wie das nach einer gewissen Zeit üblich ist.“ Bavaria ist jetzt in dem Alter, in dem Bartgeier geschlechtsreif werden und eine feste Partnerschaft eingehen. So wie Recka, die ein Jahr nach Bavaria ausgewildert worden ist. „Sie ist zwar noch etwas zu jung für Nachwuchs“, sagt Wegscheider. „Aber sie hat sich schon fest verpaart, in den Hohen Tauern mit einem deutlich älteren und erfahrenen Männchen.“ Vom nächsten Jahr an, so rechnet Wegscheider, dürfte es so weit sein, dass Recka Nachwuchs bekommt.