Der Youtube-Kanal, den Regisseur Curry Barker gemeinsam mit Kumpel Cooper Tomlinson betreibt, heißt ironisch „that’s a bad idea“. Das könnte man wohl auch vom Protagonisten seines Films „Obsession“ behaupten. Das Schlamassel nimmt seinen Lauf, als der zaghafte „Bear“, gespielt von Michael Johnston, sich nicht traut, seiner Arbeitskollegin Nikki zu gestehen, dass er in sie verliebt ist. Stattdessen belegt er sie mit einem Fluch aus einem merkwürdigen Spielzeugzauberstab: „Ich wünsche mir, dass Nikki Freeman mich mehr liebt als jeden anderen auf der ganzen Welt.“Dass das tatsächlich funktionieren würde, hätte der tollpatschig durch die Handlung stolpernde Mittzwanziger wohl kaum erwartet, das Ergebnis nimmt er allerdings billigend in Kauf. Immerhin ist er im siebten Beziehungshimmel, und das ganz ohne das Risiko einer Abfuhr. Es wird allerdings zunehmend schwerer zu leugnen, dass diese „Nikki“ überhaupt nicht diejenige ist, in die er sich verliebt hat. Stattdessen entwickelt sie immer schrägere Marotten und Eifersuchtsanfälle, die sich auch vor dem Freundeskreis nicht verbergen lassen: Sie erträgt es kaum noch, allein zu bleiben, beobachtet „Bear“ beim Schlafen und wird immer kontrollierender.Die Handlung gewinnt an Dramatik, als sich herausstellt, dass Nikki so lange verflucht bleibt, wie „Bear“ am Leben ist. Wird er sie erlösen? Doch so romantisch ist dieser Film nicht. Stattdessen zeigt er einen unperfekten und letztlich ganz schön egoistischen männlichen Hauptcharakter. Zunächst subtil, steigert Barker den Wahnsinn seiner Frauenfigur immer drastischer, genauso wie die Verzweiflung ihres Gegenübers. Es wirkt fast ein bisschen sadistisch, wie knallhart und abgebrüht die Regie hier die Schrauben anzieht. Man sitzt mit offenem Mund im Kino, während die beiden so unaufhaltsam aufeinanderprallen, dass einem trotz aller Komik das Lachen im Hals stecken bleibt.Das liegt auch daran, dass „Bear“ und Nikki unter anderen Umständen tatsächlich ein rührendes Paar abgeben würden. Man hätte gern noch etwas mehr über ihr vorheriges Leben erfahren.Eifersucht, Unsicherheit und AbhängigkeitNun könnte man behaupten, dass die „Pass auf, was du dir wünschst“-Idee schon tausendmal durchgespielt worden und das alles ganz schön billig ist. Doch viele gute Horrorfilme tun genau das: ein gängiges Thema so verfremden, dass nur noch die emotionale Dimension in ihrer vollen Wucht spürbar bleibt. So wie Ari Asters merkwürdiger Kult-Film „Midsommar“ (2019) letztlich die Geschichte einer Trennung erzählt, macht „Obsession“ Vergleichbares mit den Themen Eifersucht, Unsicherheit und Abhängigkeit: Denn wer hat sich innerlich nicht schon einmal gewünscht, die Konkurrenz mit einem Ziegelstein zu erschlagen oder bei einem fluffigen Spieleabend mit Freunden auszurasten, weil das Verhalten des Partners verunsichernd ist?Herzzerreißend ist, wenn „Bear“ Nikki fragt, was denn so schlimm daran sei, mit ihm zusammen zu sein. „Ich war nie mit dir zusammen, Bear“, antwortet die in einem Anflug von Klarheit.Barkers erster Kinofilm stellt in den USA gerade Rekorde an den Kassen auf und hat bisher über 333 Millionen Dollar eingespielt. Dabei ist der Regisseur erst 26 Jahre alt und hat das Projekt mit einem Budget von nur 750.000 Dollar umgesetzt. „Obsession“ nutzt die Genre-Spielräume auf kreative Weise: „Die Idee, eine Geschichte darüber zu erzählen, wie weit Ko-Abhängigkeit gehen kann, fand ich einfach faszinierend“, erzählt Regisseur Barker in einem Interview.Rekorde an den KinokassenEr habe kein wütendes, besessenes Wesen mit dunklen Augen erschaffen wollen, sondern etwas zutiefst Menschliches: „Was würde eine Person tun, wenn sie nur dich will und mit dir zusammen sein möchte?“ Dabei gehe es um das Weinerliche, das Manipulative, das Taktische. Es stellt sich heraus, dass diese Dinge mitunter viel beängstigender sein können.Nikki-Schauspielerin Inde Navarrette muss letztlich nicht nur eine, sondern mindestens zwei Rollen spielen. Denn hinter der eifersüchtigen Besessenen schlummert die wirkliche Nikki, die merkt, dass sie gerade wahnsinnig wird. Der Wechsel geschieht teils in Sekundenschnelle, und es ist Navarrettes genialer Mimik geschuldet, dass das gelingt.Der Film schlägt auch deshalb so ein, weil er als Lehrstück über die sogenannte Incel-Kultur betrachtet werden kann: junge Männer, die in einem imaginären Anspruchsdenken verhaftet bleiben und Frauen nicht als eigenständige Subjekte anerkennen.Das ist ein kluger Schachzug des Regisseurs. Natürlich spielt der Film mit Geschlechterrollen, wenn er das Klischee der eifersüchtigen Freundin ins Absurde treibt. Allerdings hätte er leicht verändert auch mit vertauschten Rollen funktionieren können – genau das macht ihn so beeindruckend.
Horrorfilm „Obsession“: Das Meisterwerk einer neuen Kino-Generation?
Der mit winzigem Budget produzierte Horrorfilm „Obsession – Du sollst mich lieben“ feiert gigantische Erfolge. Ist er das Meisterwerk einer neuen Kino-Generation?










