Er kostete 750 000 Dollar und spielte mehr als 300 Millionen ein: warum «Obsession» zu Recht der erfolgreichste Horrorfilm des Jahres istMit minimalen Mitteln und maximaler Wirkung erzählt «Obsession» von einer Liebe, die niemals eine war. Ein weiteres Beispiel dafür, dass junge Regisseure wie Curry Barker derzeit kreativer sind als viele ihrer Kollegen aus Hollywood.26.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenWie schnell Inde Navarrette als Nikki die Gesichtszüge entgleisen können, ist sensationell.Focus FeaturesÜberraschend positive Nachrichten fürs Kino: Social-Media-Stars drängen auf die grosse Leinwand und bescheren dem Horror-Genre neuen Schwung – und Zuschauer. Zuerst feuerten die australischen Zwillinge Danny und Michael Philippou, die erfolgreich den provokanten Kanal RackaRacka betreiben, eine doppelte Salve ab: «Talk to Me» (2022) und «Bring Her Back» (2025) wurden beide zu Überraschungshits.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Daran schloss sich der 21-jährige Youtuber Kane Parsons an, der mit «Backrooms» seine Clips von albtraumartigen Büro-Labyrinthen auf Spielfilmlänge ausweitete. Mehr als 300 Millionen Dollar spielte der Horrorfilm in den letzten Wochen ein und liefert sich damit an den Kassen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit «Obsession». Dessen Regisseur Curry Barker machte mit seinem Sketch-Kanal «That’s a bad idea» von sich reden – eine schlechte Idee treibt nun auch sein Kinodebüt an.Eine männliche ProjektionBaron, genannt Bear (Michael Johnston), ist ein unsicherer junger Mann Mitte zwanzig, in dessen Leben nicht viel Spektakuläres passiert. Seit Schultagen ist er in Nikki (Inde Navarrette) verliebt, hat sich jedoch nie getraut, ihr seine Gefühle zu gestehen. Sie arbeitet zusammen mit ihm in einem Musikladen, ebenso wie Ian (Cooper Tomlinson, Co-Schöpfer von «That’s a bad idea») und Sarah (Megan Lawless), die wiederum heimlich in Bear verknallt ist.Als Bear für Nikki ein Geschenk sucht, stösst er in einem Esoterik-Shop auf eine «one wish willow», ein Weidenhölzchen, das man zerbrechen kann, um einen Wunsch frei zu haben. Dies sei keineswegs ein Spielzeug, mahnen Packung und Verkäuferin eindringlich. Denn man hat nur einen einzigen Wunsch, der weder rückgängig zu machen noch zu ändern ist.Es kommt, wie es in einem wahnwitzigen Märchen über Liebe und Wahnsinn kommen muss: Der von Nikki unwiderruflich in die Friend-Zone verbannte Bear wünscht sich, dass sie niemanden auf der Welt mehr lieben möge als ihn. Doch wie bereits die heilige Teresa von Ávila feststellte: Über erhörte Gebete werden mehr Tränen vergossen als über unerhörte.Was der vermeintlichen Wunscherfüllung folgt, ist ein Albtraum aus Manipulation, Stalking und emotionaler Erpressung – die gesamte Palette des Psychoterrors einer toxischen Beziehung. Immer unter der Prämisse, dass diese Nikki eine unter Zwang agierende, wandelnde männliche Projektion ist und nicht mehr diejenige, in die sich Bear verliebt hatte. Und mit dem fatalen Schluss, dass Liebe womöglich ohnehin ein unmögliches Vorhaben sein könnte.Zwar durchdringt der Film all diese Themen nicht vollständig, und auch die Erzählung hat ihre Lücken. Doch in der Auf- und Vorbereitung seiner fiesen Schocks wirkt «Obsession» unfassbar effizient. Was der Regisseur Curry aus dem Minimalsetting herausholt, ist beeindruckend. Selbst am helllichten Tag scheint hier Nacht zu herrschen. Eine heruntergedimmte, vereinsamte Welt; ein Nichtort in den amerikanischen Suburbs.Ein Schock jagt den nächsten: nicht nur für Bear (Michael Johnston), sondern auch für die Zuschauer.Focus FeaturesWie sein Kollege Osgood Perkins («Longlegs») spielt Curry mühelos mit Hintergründen, Tiefenschärfen, Soundeffekten und Spiegelungen, was – trotz dem eingestreuten Humor – konstantes Unwohlsein hervorrufen kann. Menschen mit einer lebendigen Imagination brauchen gute Nerven. Besonders wer in seiner Kindheit befürchtete, im schattigen Zwielicht verberge sich im jemand im Schlafzimmer. Perkins ist übrigens der Sohn von Anthony Perkins, der den Killer in Hitchcocks «Psycho» spielte, einem Klassiker, den «Obsession» ebenso zitiert wie «The Exorcist» und zahlreiche andere.Riesenerfolg mit Mini-BudgetHerausragend ist Inde Navarrette, die bisher vor allem durch eine Nebenrolle in der Netflix-Serie «13 Reasons Why» in Erscheinung getreten ist. Sie changiert zwischen fürsorglich und furios, zwischen hilfsbedürftig und dämonisch. Wie dieser jungen Frau plötzlich die Gesichtszüge entgleisen, wie sie mit starren Augen und einem verzogenen Lächeln einfach nur dasteht, lässt einem kalte Schauer über den Rücken laufen.Mit gerade einmal 750 000 Dollar war das Budget von «Obsession» unglaublich gering. Zum Vergleich: Ein SRF-«Tatort» kostet rund 2 Millionen Franken. Geschafft hat das Curry durch seine praktische Youtube-Erfahrung, den Dreh in Innenräumen und den Gagenverzicht beteiligter Freunde.Im Horrorgenre ist das kein Makel, sondern geradezu Tradition: «The Texas Chainsaw Massacre», «The Blair Witch Project» oder «Get Out» entstanden allesamt mit bescheidenen Mitteln. Der parallele Sensationserfolg von «Backrooms» und «Obsession» sollte Hollywood zu denken geben: Während die grossen Studios weiterhin auf bewährte Formeln und kalkulierte Franchises setzen, sehnt sich ein junges Publikum nach originellen Stoffen mit eigener Handschrift.Obsession: Im Kino (109 Minuten).Passend zum Artikel