München, Berlin. Im jüngsten James-Bond-Film „No Time to Die“ heißt die Waffe „Heracles“: ein selbst konstruiertes Virus, der Menschen mit einem bestimmten genetischen Profil töten soll. Das ist Science-Fiction. Doch die dahinterstehende Sorge vor Biowaffen ist real: Biologie kann sich mithilfe der immensen Fortschritte in Künstlicher Intelligenz (KI) und Gentechnik für Krieg und Terror missbrauchen lassen.Biowaffen sind manipulierte Viren und Bakterien, die Menschen schaden können. Manager aus der Pharma- und Tech-Branche sowie Wissenschaftler dringen jetzt auf Abwehr- und Gegenmaßnahmen, beispielsweise auf eine Nachverfolgung von in Laboren gefertigten DNA-Sequenzen, also künstlich hergestellten Bauplänen für Zellen.„Dass Viren oder Bakterien durch Veränderung ansteckender oder sogar tödlich werden, hat bereits stattgefunden“, sagt der Konzernchef des US-Impfstoffherstellers Moderna, Stéphane Bancel, im Interview mit dem Handelsblatt. Viele Labore trieben diese Manipulation zwar nicht bewusst voran, weil sie sich „vor einem Frankenstein-Virus fürchten“, sagt er. „Aber die Welt weiß mittlerweile, wie es geht.“Damit äußert sich ein Pharmamanager erstmals so konkret zu der Bedrohung. Bancel sagt: „Menschen haben mit Physikkenntnissen Atomwaffen bauen können. Diese Möglichkeiten gibt es auch in der Biologie. Das ist erschreckend.“Aktuelles Beispiel: Der Brite Seth Howes, Mediziner und Machine-Learning-Spezialist, hat sein eigenes Genom vor einigen Wochen selbst in seiner Küche sequenziert, also die genaue Abfolge der chemischen Bausteine seiner DNA entschlüsselt. KI hat ihn Schritt für Schritt durch den Prozess geführt. Er brauchte nur eine Maschine. Das Gerät kann man beim Onlinehändler Ebay für knapp 3000 Euro kaufen.Dass die Risiken real sind, belegte erst kürzlich das Treffen der KI-Chefs von Anthropic, OpenAI und Openmind mit Staatschefs beim G7-Gipfel im französischen Évian. In einem Atemzug nannten sie neben Risiken der Cybersicherheit wegen fortschrittlicher KI-Modelle auch die des Bioterrorismus.Anthropic scheint sich nicht nur beim Thema Cybersicherheit der disruptiven Potenziale seiner KI-Modelle bewusst zu sein. Das fortschrittliche Modell Mythos, das Sicherheitslücken in IT-Systemen erkennen und auch missbrauchen kann, ist weiterhin für die breite Öffentlichkeit gesperrt.Beim Thema Biowaffen hat das Unternehmen Mechanismen zum Schutz vor Missbrauch eingebaut. So blockiert etwa das vielfach genutzte Anthropic-Modell Claude spezifische Fragen zu „Biowaffen“.Künstliche Intelligenz Anthropic-Chef – Regierung sollte riskante KI stoppen können Die Hürden zum Bau von Biowaffen sind durch die rasante Entwicklung von KI stark gesunken. „Heutige Technologie ermöglicht es, mit wenigen Ressourcen eine Biowaffe zu erschaffen – man braucht ein oder zwei Personen und ein paar Tausend Euro. Es ist viel billiger als der Bau einer Atombombe“, sagt Bancel.Florian Klumpp vom Berliner Thinktank Global Public Policy Institute (GPPI) sieht die entscheidende Entwicklung in der synthetischen Biologie, also der Fähigkeit, bestehende Gene im Labor schneller, günstiger und präziser neu zu kombinieren, perspektivisch sogar gänzlich neue biologische Organismen zu entwerfen. Diese sogenannte Genomeditierung hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht.Das Kernproblem: Das zugrundeliegende Wissen und die nötigen Materialien sind „Dual-Use“, dienen also einem doppelten Verwendungszweck. Dieselben Fortschritte, die Durchbrüche in Gesundheit, Industrie oder Landwirtschaft ermöglichen sollen, erlauben auch die Entwicklung von biologischen Erregern mit erhöhter Virulenz und Übertragbarkeit.Ein Wissenschaftler arbeitet mit einer Pipette: Erreger können dank moderner Programme gezielt modifiziert werden. Foto: Getty ImagesDer KI-Fortschritt mache genetische Manipulation zunehmend auch für Akteure aus dem staatlichen und nicht staatlichen Bereich ohne erhebliche Ressourcen zugänglich, sagt Klumpp.Hinzu kommt eine Lücke an entscheidender Stelle: Wird DNA in Forschungseinrichtungen synthetisch hergestellt, ist das potenzielle Einsatzgebiet schwer überprüfbar. Durch die Coronapandemie ist das veröffentlichte Wissen bereits groß. „Wissenschaftler haben sehr schnell komplette Sequenzen von Virussträngen während und nach der Pandemie veröffentlicht“, sagt Andreas Schmidt, Biotech-Gründer und Investor.Anders als Atomwaffen sind biologische Bedrohungen meist unsichtbar, ihre Herstellung lässt sich schwerer zurückverfolgen und sie sind billiger zu produzieren. Gleichzeitig lassen sie sich nicht zielgenau einsetzen – und sind gerade deshalb so gefährlich. Niemand kann eingrenzen, wie weit sich die Bedrohung ausbreitet.
Biodefense: Gentechnik und KI schaffen neue Gefahr durch Biowaffen
Manager aus der Pharma- und KI-Branche warnen vor Missbrauch von Technologie für biologische Waffen. So gehen Unternehmen und Politik gegen die Bedrohung vor.










