Manche Revolutionen beginnen mit Entdeckungen, andere damit, dass man lernt, etwas zu bauen: Was das kalifornische Unternehmen GENYRO auf seiner Website ankündigt, ist in der Tat nicht weniger als eine Revolution. Denn gebaut werden sollen Gene, Genome und ganze Organismen, neue Wesen mit neuen Eigenschaften. Nach Jahren der Entdeckungen im Bereich der Genetik sei es für die Biologie nun an der Zeit, den Schritt zu einer Ingenieurswissenschaft zu tun. Bislang bietet GENYRO die Synthese komplexer DNA-Sequenzen an. Adrian Woolfson, Mitgründer und CEO des Unternehmens, denkt aber längst weiter. Seine Vision einer Zukunft, in der Organismen programmiert werden wie heute Apps, kann man nun in seinem neuen Buch nachlesen.Die längste Zeit hat der Mensch die genetische Ausstattung von Tieren und Pflanzen indirekt verändert, durch Züchtung. Doch spätestens mit der Entwicklung von Methoden wie der „Genschere“ CRISPR/Cas9, die 2015 im Wissenschaftsmagazin „Science“ als Durchbruch des Jahres gefeiert wurde, ist es möglich, Gene direkt zu verändern. Noch geht es dabei meist um kleinere Schritte: um die Korrektur einfacher Mutationen oder darum, Bakterien dazu zu bringen, Schadstoffe abzubauen. Woolfson stellt eine Zukunft in Aussicht, in der komplexe Lebewesen nach Wunsch erzeugt werden können, von Fabelwesen bis zu biologischen Superintelligenzen.Von der Dekodierung der menschlichen DNA bis zur GegenwartTrotz aller Fortschritte der Genetik ist das Bauen ganzer Genome allerdings alles andere als einfach. Woolfson ist vom Fach, er verschweigt die riesigen Herausforderungen des Vorhabens nicht, im Gegenteil: Sorgfältig legt er dar, dass die Idee, man könne aus den Genen vorhersagen, wie ein Lebewesen aussehen und sich verhalten wird, eine Illusion ist; dass es Unfug ist, Einstein klonen zu wollen; dass man an den Genen, in denen sich Menschen und Schimpansen unterscheiden, nicht ablesen kann, was den Menschen zum Menschen macht. In der Biologie ist alles immer viel komplizierter und komplexer.Adrian Woolfson: „On the Future of Species“BloomsburyAusführlich erklärt der Autor, was es mit der nicht kodierenden DNA auf sich hat, mit den komplexen Prozessen, die die Aktivität der Gene in den Körperzellen regeln, mit dem Einfluss von Ernährung, Kindheit und Lebensweise. Eigentlich gehe es nicht darum, das Genom eines Menschen zu verstehen, sondern das der ganzen Menschheit, nicht um eine einzelne Melodie, sondern um eine Symphonie. Bei der Lektüre bekommt man bisweilen den Eindruck, der Autor lege dar, warum sein Projekt eigentlich gar nicht gelingen kann.Woolfson führt den Leser durch die Geschichte der Genetik, von den ersten Vermutungen über eine Erbsubstanz im 19. Jahrhundert über das Rennen um die Dekodierung der menschlichen DNA und die erste synthetisch erzeugte Zelle bis zum Synthetic Human Genome Project, in dem Werkzeuge und Methoden entwickelt werden sollen, um Genome zu synthetisieren. Das Ergebnis bislang: Die Forschung macht Fortschritte, einen nach dem anderen, doch komplexere Organismen nach Wunsch zu „bauen“, ist bislang ein Wunschtraum, die Rolle der Gene in den komplexen Regelkreisen der Zelle noch lange nicht genau genug verstanden. Schon die Behandlung genetisch bedingter Erkrankungen findet ihre Grenze in Veränderungen, die mehr als ein Gen betreffen.Eine Künstliche Biologische Intelligenz?Doch dann bringt Woolfson die Künstliche Intelligenz ins Spiel. Immerhin wurde Alpha Fold, ein Programm des KI-Konzerns Open AI, das in der Lage ist, die dreidimensionale Struktur von Proteinen aus der Abfolge von Aminosäuren zu prognostizieren, 2021 zum wissenschaftlichen Durchbruch des Jahres gewählt.Längst kann sein Nachfolgemodell auch Interaktion mit umgebenden Molekülen vorhersagen, kann das Grundlagenmodell EVO2 nicht nur genetische Sequenzen analysieren, sondern auch neue erstellen. Auf solche Grundlagenmodelle, eine Art ChatGPT für Genetik, setzt auch Woolfson. Sie sollen das Durcheinander in der Zelle entschlüsseln helfen, sollen die Muster finden, die der Forschung fehlen, um zu verstehen, was vor sich geht, und damit die Basis für Eingriffe und Neukonstruktionen liefern.Seine Vision beruht darauf, zwei Technologien zusammenzubringen, die beide auf KI basieren: die Analyse genetischer Daten und die Synthese einfacher Genome. So sollen Lebensformen entstehen, die er Künstliche Biologische Intelligenz, Artificial Biological Intelligence (ABI), nennt. Und nebenbei die Biologie in eine datengetriebene Ingenieurswissenschaft verwandeln, die mithilfe biologischer Grundlagenmodelle nicht nur beobachtet, sondern herstellt: Bau mir das Genom für eine trockenheitsresistente Pflanzen, für eine, die auf dem Weg zum Mars im Raumschiff wächst, für ein Bakterium, das ein Medikament erzeugt, für ein Ersatzorgan, einen lebenden Quantencomputer und, warum nicht, gleich ein ganzes Ökosystem für einen kahlen Planeten. Oder das Genom für einen Menschen, der schlauer ist als eine künstliche Superintelligenz, eine biologische Superintelligenz.Die Gefahren sind ebenso groß wie die ChancenDabei hantiert Woolfson sehr bewusst mit seinen Metaphern und ihren Grenzen, nennt die Zelle mal eine biologische Maschine, mal beschreibt er die Gene als Programme, die die Aktivität in den Körperzellen steuern. Am liebsten ist ihm das Bild einer genetischen Sprache: Könnte man das genetische Geschehen in einem Organismus nicht als eine Art Sprache auffassen, in der es Regeln und eine Grammatik gibt? Und müssten dann nicht die Transformer, die Architekturen hinter den großen Grundlagenmodellen, in der Lage sein, diese Sprache zu lernen? Sie nicht nur zu verstehen, sondern, so wie in der generativen Künstlichen Intelligenz, auch selbst zu sprechen und neuen Text zu erstellen?Eine so große Vision verlangt natürlich, darüber nachzudenken, welches Schindluder man mit solchen Technologien treiben könnte: vom Wunsch nach optimierten Kindern über dysfunktionale Lebewesen und veränderte Gene mit unklaren Auswirkungen, die sich in der Natur ausbreiten, bis zur Manipulation kommender Generationen. Entsprechend schließt der Autor mit einem Manifest, in dem er für den verantwortungsvollen, menschenzentrierten Umgang mit den neuen Superkräften plädiert.Woolfson hat ein merkwürdiges Buch geschrieben: Es bietet alles, was man sich von einem solchen Werk erhoffen kann, und zugleich alles, was zu befürchten war: Sorgfältig legt er die Grundlagen, die Projekte und Herausforderungen eines Forschungsfeldes dar, das immer mehr Möglichkeiten hervorbringt, die Grundlagen des Lebens zu manipulieren, mit allen Chancen und ebenso vielen Risiken. Er liefert eine detaillierte und gut zu lesende Geschichte der Genetik. Zugleich aber beschert er dem Leser mehr als ein Déjà-vu: Hatten wir nicht gerade einen Hype mit ganz ähnlichen Fragen um die Künstliche Intelligenz? Woolfson hat seinen seriösen Überblick über ein faszinierendes und unheimliches Forschungsfeld auf jeden Fall hinreichend dramatisch gerahmt.Adrian Woolfson: „On the Future of Species“. Authoring Life by Means of Artificial Biological Intelligence. Bloomsbury Publishing, Dublin 2026. 480 S., br., 16,99 €.