Die englische Nationalelf hat bei dieser Weltmeisterschaft die klimatischen Bedingungen als zusätzlichen Widersacher ausgemacht. Im Gegensatz zu vielen anderen Teilnehmern erlebt England zu Hause vergleichsweise milde Sommer. Entsprechend schwer fällt es den Spielern, sich an die Hitze und Luftfeuchtigkeit an jenen WM-Standorten in den USA zu gewöhnen, die nicht über klimatisierte Hallenarenen verfügen. Der Verdacht lag daher nahe, dass die Engländer im Stadion des NFL-Teams New England Patriots, das zwar mit einem Leuchtturm samt Panoramablick aufwartet, aber ohne Überdachung, einen Hitzeschlag erleiden könnten.Die Pointe lieferte allerdings ein markanter Wetterumschwung, der für ungemütliches britisches Inselwetter sorgte. Und auch sportlich folgte für die Three Lions auf den starken Auftakterfolg gegen Kroatien (4:2) am zweiten Spieltag eine Abkühlung: ein 0:0 im Bostoner Dauerregen gegen Ghana, den Weltranglisten-73.Harry Kane im Hotel:"Er war einer der bodenständigsten Gäste, die wir je hatten"Seit seinem Wechsel zum FC Bayern im August bis kurz vor Weihnachten hat Harry Kane in München im Hotel gelebt. Dominik Reiner, General Manager im luxuriösen Mandarin Oriental, spricht über die Zeit mit seinem besonderen Gast.Trainer Thomas Tuchel zog sich zu Beginn der zweiten Halbzeit sinnbildlich eine Jacke über den Pullover. Erst in der Schlussphase erreichten seine Engländer wieder Betriebstemperatur, als Tuchel mit zahlreichen Einwechslungen die Offensive belebte. Die beste Torchance ergab sich in der 86. Minute, als Nico O’Reilly zunächst eine Flanke an die Latte köpfelte und der Abpraller vor den Füßen von Harry Kane landete. Doch der Torjäger drosch den Ball fulminant – zu seinem eigenen Erstaunen und zum Entsetzen des sich abdrehenden Trainers – aus fünf Metern weit über das Tor. „Harry macht den normalerweise“, zumindest „99 von hundertmal“, haderte Tuchel später mit dem vergebenen Matchball.In seiner Analyse versuchte er, die zu starken Ausschlägen neigenden englischen Medien einzufangen. Es sei wichtig, dass „die Höhen nicht zu hoch und die Tiefen nicht zu tief werden“, sagte der Deutsche – wobei er die Leistung gegen Ghana ausdrücklich nicht als „Tief“ verstanden wissen wollte. Tuchels Nachsatz erschien allerdings kaum notwendig, denn für das Mutterland des Fußballs war die Nullnummer wenig mehr als Routine. Zum vierten Mal in Serie starteten die Three Lions bei einer EM oder WM mit einem Sieg und danach einem torlosen Remis im zweiten Spiel. Jude Bellingham, der bei all diesen Turnieren dabei war, sprach von einem „Zweiten-Spiel-Fieber“, das jedoch keinen Anlass zur Panik gebe. Es sei „nicht das Ende der Welt“, sagte der Mann von Real Madrid.Unter Tuchels Vorgänger Gareth Southgate lagen die unansehnlichen zweiten Turnierspiele vor allem in der Vorsicht des Trainers begründet, der nach früheren Blamagen in erster Linie das Weiterkommen absichern wollte. Tuchel hingegen erklärte das 0:0 nicht mit der nun ebenfalls de facto garantierten Qualifikation für das Sechzehntelfinale, sondern mit vorsätzlichem taktischem Kalkül. So klang es zumindest, als er nebulös andeutete, er habe „einige Ideen“ gehabt, wie seine Mannschaft „stärker durch das Zentrum“ hätte spielen können. Er sei sich allerdings „nicht ganz sicher“ gewesen, berichtete er. Den Gedanken wollte er auf Nachfrage nicht weiter ausführen. Schließlich werde er „möglicherweise später im Turnier“ noch darauf zurückgreifen. Bei den Gedanken könnte es sich um die potenzielle Einwechslung eines zweiten Stürmers handeln, nachdem Tuchel gegen Ghana bereits die Spielmacher und Flügelspieler ausgetauscht hatte.Dem Auftritt der Engländer fehlten diesmal Esprit, Spielwitz und Durchschlagskraft rund ums gegnerische TorDem Auftritt der Engländer fehlten diesmal Esprit, Spielwitz und Durchschlagskraft rund ums gegnerische Tor. Mehr als unzählige Ballstafetten und Spielverlagerungen waren kaum zu sehen. Man müsse „mehr flanken“, hielt Tuchel seinem Team hinterher vor – wobei die Spieler womöglich aus ebenjenem Grund darauf verzichtet hatten: weil mit Kane häufig nur ein einziger Angreifer im Strafraum stand. Trotz 78,8 Prozent Ballbesitz, einem Höchstwert für ein Team ohne eigenen Torerfolg in der WM-Geschichte seit 1966, entstand im Spiel nie wirkliche Torgefahr. Wenn, dann entstand sie eher vor dem eigenen Tor.Bei zwei aussichtsreichen Kontern der Ghanaer rannte Prince Kwabena Adu jeweils mit Vorsprung auf das Tor zu. Beim ersten Mal wurde er außerhalb des Strafraums vom englischen Torwart Jordan Pickford umgerannt, was kurioserweise als Foul von Adu abgehandelt wurde, obwohl es Freistoß und die gelbe Karte für Pickford hätte geben können. Beim zweiten Mal grätschte Verteidiger Ezri Konsa den Ghanaer im Strafraum riskant ab, erwischte ihn dabei am Fuß und hielt ihn zugleich am Trikot fest – es gab jedoch keinen Elfmeter.Weltmeisterschaft in Mexiko, Kanada und den USA:Spielplan der Fußball-WM 2026: Alle Gruppen, Spiele und TermineDie Fußball-WM 2026 läuft, Deutschland gewinnt den Auftakt klar gegen Curaçao, Lionel Messi und Harry Kane zeigen sich in Top-Form. Der Spielplan mit allen Spielen, Terminen und Gruppen.Ghanas Trainer Carlos Queiroz haderte in seinen Einschätzungen zu Recht mit dem Schiedsrichtergespann und machte eine Reihe an Scherzen über den ausbleibenden Eingriff des Videoassistenten. „Gibt es den überhaupt noch?“, fragte er sarkastisch. Dass die Proteste nicht bissiger ausfielen, könnte daran gelegen haben, dass die Ghanaer das 0:0 nach dem Schlusspfiff wie einen Sieg feierten. Mit nun vier Punkten können sie quasi ebenfalls für die nächste Runde planen. Ghana habe eine „der physisch stärksten Defensivleistungen gezeigt, die ich je von einer Mannschaft gesehen habe“, lobte Tuchel den Gegner, der auch neun englische Ecken locker verteidigte.Die Intensität der Partie führte zu 38 Fouls, im Schnitt lag der Wert bis dahin bei dieser WM bei 22. Die ständigen Unterbrechungen störten den Rhythmus der Engländer, die zunehmend entnervt wirkten. Declan Rice und Bellingham ließen sich kurz vor der Halbzeit zu gelbwürdigen Fouls hinreißen. Dabei führte die ausbleibende Verwarnung für Bellingham zu einem derben Wortgefecht zwischen dem Mittelfeldspieler und dem ghanaischen Trainerteam. Als Bellingham nach seiner unauffälligen Leistung im 50. Länderspiel die Trophäe für den besten Spieler der Partie erhielt, sagte er, die Auszeichnung verdiene er nicht; sie sollte einem ghanaischen Spieler überreicht werden, fand er.Für seinem WM-Kader bevorzugte Tuchel athletische Spieler gegenüber technisch feinsinnigen. Die bislang sehr physisch geführten WM-Partien bestätigten die Annahme des Trainers. Gegen Ghana jedoch konnte man den Eindruck gewinnen, als fehle den Engländern ein Akteur, dessen Stärken im Auflösen offensiver Situationen auf engstem Raum liegt. Durch das Remis geht es für England im letzten Spiel gegen Panama noch um den Gruppensieg. Daher muss Tuchel abwägen, inwieweit er Spielern wie Kane vor der K.-o.-Phase eine Pause gewährt. Als die Engländer vom Stadion losfuhren, erschien am Horizont immerhin ein Regenbogen.
Nach Remis gegen Ghana bei der WM 2026: England hat „Zweites-Spiel-Fieber“
Auf Englands furiosen Turnier-Auftakt folgt ein 0:0 ohne Spielwitz gegen defensive Ghanaer. Schon muss Trainer Tuchel Debatten einfangen – und hadert mit einer Szene von Harry Kane.












