PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2000Als die Y2K-Apokalypse ausblieb, war rund um den Globus die Erleichterung großStand: 07:25 UhrLesedauer: 5 MinutenStoßgebete am Jahreswechsel 1999/2000: zeitgenössisches SymbolbildQuelle: picture-alliance/ZB/Matthias_HiekelKollektives Aufatmen zu Beginn des Jahres 2000: Der weltweite Crash von Computern blieb aus. Die Ursache des „Jahr-2000-Problems“, das eine derartige Katastrophe befürchten ließ, lag Jahrzehnte zurück. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Das Jahr 2000 begann mit allgemeiner Erleichterung. WELT meldete am 3. Januar auf der Titelseite, Deutschland habe den Datumswechsel gut überstanden, so die Leiter des Jahr-2000-Stabes der Regierung. Es sei alles im „grünen Bereich“. Der Jahr-2000-Beauftragte der Banken habe bestätigt, auch Überweisungstests zwischen den Banken seien „reibungslos“ verlaufen. Zu Fehlbuchungen sei es nur in einzelnen Fällen gekommen: „Ein Kölner Journalistenbüro fand auf seinem Online-Konto am Neujahrstag eine Gutschrift von 3,9 Milliarden vor. Einem 43-jährigen Handelsvertreter wurden vorübergehend auf seinem Konto fast 13 Millionen gutgeschrieben. Laut Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen handelt es sich aber um Ausnahmefälle.“Auch im Ausland wurde demnach zunächst ein positives Fazit gezogen. 133 von 170 Ländern erklärten, dass die zentralen Wirtschaftssektoren „normal arbeiteten“, hieß es im internationalen „Y2K“-Kooperationszentrum in Washington. Der größte Störfall wurde aus dem Pentagon gemeldet: Für zwei bis drei Stunden sei die Datenübertragung über US-Spionagesatelliten gestoppt worden – das wurde dann auch die Schlagzeile der WELT‑Titelseite. Die Satelliten sollen aber zu keinem Zeitpunkt außer Kontrolle gewesen sein. Ein Reservesystem habe den Betrieb übernommen. Nun gelte es, die kommenden Tage und Wochen abzuwarten, ob es doch noch zu gravierenden Störungen kommen würde.Lesen Sie auchAber worum ging es in dieser WELT‑Meldung eigentlich? Warum hatte es zu Silvester 1999 so große Sorgen gegeben? Was war das „Jahr-2000-Problem“, der „Y2K-Bug“ (Abkürzung für „Year-2000-Bug“)? Die Antwort: ein nicht weniger als geradezu apokalyptisches Szenario. Nämlich, dass weltweit ein Großteil der Computersysteme zum selben Zeitpunkt schlagartig ihren Geist aufgeben würde: zum Jahreswechsel von 1999 zu 2000. Die Folgen wären verheerend gewesen, denn schon damals ging ohne Computer im Großen wie im Kleinen rund um den Globus kaum mehr etwas. Ob Großrechner in Behörden, Militärbasen, Flughäfen, Banken und Wirtschaftsunternehmen oder kleinere Systeme in Schulen, Läden und privaten Haushalten – Computer waren allgegenwärtig, oft unverzichtbar.Die Ursache des „Jahr-2000-Problems“ lag Jahrzehnte zurück. Als Computer in den 1960er-, 70er- und 80er-Jahren immer mehr an Bedeutung gewannen, war Speicherplatz allerorten noch sehr knapp bemessen und teuer. Selbst der Navigationscomputer an Bord der Apollo 11 musste 1969 auf dem Weg zum Mond und zurück mit nur 32 Kilobyte RAM auskommen. In heutigen Zeiten, in denen in jedem Smartphone mehrere Gigabyte RAM stecken, schier unvorstellbar.Lesen Sie auchProgrammierer waren damals daher bemüht, mit so wenig Speicherplatz wie möglich auszukommen. Für das Speichern und Verarbeiten von Jahreszahlen wurden deshalb in etlichen Betriebssystemen, Datenbanken und Applikationen statt vier Ziffern nur zwei verwendet: für Jahrzehnt und Jahr. Jahrhundert und Jahrtausend waren nicht abgespeichert. Kaum jemand rechnete damit, dass dies einmal problematisch sein würde – denn vor Beginn des noch vergleichsweise fernen 21. Jahrhunderts hätte die jeweilige Software sicher längst ausgedient.Die Urversionen der entsprechenden Programme waren Ende der 1990er tatsächlich in der Regel nicht mehr im Betrieb. Aber die Crux war, dass sie über die Jahre nicht durch völlig neue Software ersetzt worden waren, sondern meist durch neue Versionen. Zwar aktualisiert, erweitert und verändert – aber eben auf den alten Fassungen basierend. Manch problematischer Code-Baustein „überlebte“ dabei alle Generationen, und darunter war vielfach die zweistellige Jahreszahl.Bei deren Wechsel zu Neujahr von 99 auf 00 waren mannigfaltige Probleme buchstäblich vorprogrammiert: Weltweit würden sich Rechner im Jahr 1900 wähnen, was gravierende Fehlberechnungen auf vielen Gebieten nach sich gezogen hätte. Egal ob Altersangaben (eine 1959 geborene Person wäre ja plötzlich „minus 59“ statt 40 Jahre alt), Zinsberechnungen oder automatische Mahnungen bei Zahlungsrückständen, EDV-gesteuerte Zeitschaltuhren und etliches mehr – die Computer würden nun alles falsch machen, sollten sie überhaupt noch funktionieren und nicht schlagartig abstürzen.Damit dies nicht eintreten möge, betrieben Behörden und Unternehmen großen Aufwand, um ihre Rechner „Y2K-ready“ zu machen. Ein Rennen gegen die Zeit im doppelten Sinne, denn der 1. Januar 2000 war nun einmal nicht aufschiebbar; bis dahin mussten Lösungen gefunden und die Computer-Zeitrechnungen millenniumstauglich gemacht werden. Die Systeme wurden umprogrammiert oder ausgetauscht, ein Mammutprojekt, das laut Schätzungen weltweit hunderte Milliarden Euro kostete. Doch jetzt war die bange Frage: Würde all das reichen?Mit dem Jahreswechsel kam schließlich das Aufatmen – die Abwendung des IT-Weltuntergangs war im Großen und Ganzen geglückt, nur sporadisch wurde von Pannen berichtet. Viele, die von den aufwendigen Umprogrammierungen wenig Notiz genommen hatten, unkten nun: Bei der Angst vor den Folgen des Y2K-Bugs habe es sich nur um Hysterie gehandelt, denn es sei ja schließlich am Ende kaum etwas passiert. Tatsächlich hatte sich aber der betriebene Aufwand ausgezahlt.Die Erleichterung zum Beginn der 2000er-Jahre währte indes nicht lange. Bereits im Folgejahr kam es zu einer tod- und leidbringenden Katastrophe, welche die Welt veränderte: die schreckliche Zäsur des 11. September 2001. Die verheerenden islamistischen Terroranschläge auf das New Yorker World Trade Center und das Washingtoner Pentagon beantworteten die USA unter George W. Bush mit dem globalen „Krieg gegen den Terror“. Es war das jähe Ende der „Spaßgesellschaft“ der 1990er. Unter diesem Schlagwort war der vorherrschende, lebensfrohe und optimistische Zeitgeist jener Dekade oft beschrieben worden. Der US-Autor Francis Fukuyama spekulierte in dieser Epoche gar, ob nach dem Ende des Kalten Kriegs auch das „Ende der Geschichte“ erreicht sei, ein weltweiter Siegeszug westlicher liberaler Demokratie. In den Nuller- und Zehnerjahren war dieser Traum bald ausgeträumt, was man Anfang 2000 noch nicht wissen konnte. So ging in der Freude über das Ausbleiben der Y2K-Apokalypse eine weitere Meldung fast unter, die sich nach anfänglichen Hoffnungen später als global unheilvoll entpuppen sollte: Am 3. Januar 2000 berichtete WELT auf Seite 1 nicht nur über den „Y2K-Bug“, sondern auch dies: „Der überraschende Machtwechsel im Kreml von Boris Jelzin zu Wladimir Putin hat im Ausland Erwartungen einer Vertiefung der Demokratisierung in Russland und einer zukunftsgerichteten Zusammenarbeit mit der neuen russischen Führung geweckt.“Zu den Themenschwerpunkten von Martin Klemrath bei WELTGeschichte zählen Technikgeschichte, Zeitgeschichte, (Pop-)Kulturgeschichte und die Geschichte der USA.
2000: Als die Y2K-Apokalypse ausblieb, war rund um den Globus die Erleichterung groß - WELT
Kollektives Aufatmen zu Beginn des Jahres 2000: Der weltweite Crash von Computern blieb aus. Die Ursache des „Jahr-2000-Problems“, das eine derartige Katastrophe befürchten ließ, lag Jahrzehnte zurück. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.






