PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT2020Als ein unsichtbarer Feind die ganze Welt lahmlegteStand: 08:49 UhrLesedauer: 5 MinutenCoronatest in der Garage einer Arztpraxis in Berlin-Kreuzberg im Jahr 2020Quelle: picture alliance/dpa/Michael KappelerEin Virus brachte 2020 das öffentliche Leben zum Erliegen und trieb die Gesellschaft in den Ausnahmezustand. Durch Corona entstand ein Stresstest für Politik, Wissenschaft und den inneren Zusammenhalt Deutschlands. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Nichts fürchten Menschen mehr als einen Feind, der sich ihren Sinnen entzieht. Was man selbst sehen, hören, riechen, schmecken oder anfassen kann, das kann man bekämpfen, alles andere nicht. Im Krieg macht dies die Guerilla-Taktik so effektiv. Aber es nährt auch die Angst vor Krankheiten. Zwar können Menschen durch Mikroskope die Erreger vieler Leiden sehen, aber was genau da zu betrachten ist, erschließt sich nur wenigen Experten – und die sind selten einer Meinung. So wird verständlich, warum es dem neuartigen Corona-Virus ab dem Frühjahr 2020 gelang, die ganze Welt über viele Monate lahmzulegen, inklusive der westlichen Industriestaaten mit all ihrem Wissen um medizinische Methoden: Nichts an diesem Gegner war greifbar oder anschaulich. So geriet die Pandemie zu einem Beispiel, wie sich Menschen in Momenten höchster Unsicherheit verhalten. Im Falle Deutschlands und der anderen Industrieländer erschwerte die Situation, dass niemand damit gerechnet hatte, eine Pandemie dieses Ausmaßes zu erleben. Dieses Defizit formte die Maßnahmen der Regierung von Beginn an. Als Anfang Januar 2020 erste Meldungen über ein gefährliches Virus in der chinesischen Stadt Wuhan aufkamen, reagierten Experten und Medien verhalten. Der erste bestätigte Fall in Deutschland datierte auf Ende Januar. Ein Mann aus Bayern infizierte sich bei einer Mitarbeiterin aus China. Das Robert-Koch-Institut (RKI) beschrieb später 14 deutsche Fälle in diesem Cluster – typische Symptome waren Fieber, Schnupfen und Husten. Lesen Sie auchIm Februar spitzte sich die Lage in Europa zuerst in der Lombardei zu, und hier vor allem in Mailand. Die zahlreichen schweren Covid-Verläufe, häufig mit tödlichem Ende, zogen ein Ausgehverbot nach sich. Die Lage in Deutschland blieb dagegen überschaubar. Am 26. Februar meldete das RKI insgesamt 21 bestätigte Infektionen, darunter neue Fälle in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Als aus einzelnen Clustern ein wachsendes Infektionsgeschehen hervorging, veränderte dies die Wahrnehmung. Am 9. März wurden die ersten beiden Corona-Todesfälle bestätigt. Am 15. März kündigte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) Grenzkontrollen an mehreren deutschen Grenzen an. Am 16. März beschlossen Bund und Länder, Geschäfte und Spielplätze zu schließen, auch Zusammenkünfte in Vereinen und Gottesdienste waren nun untersagt.Bundeskanzlerin Angela Merkel meldete sich am 18. März in einer Fernsehansprache zu Wort. Der Schlüsselsatz lautete: „Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“ Die Worte kamen aus dem Mund einer Politikerin, die große Worte eher mied. Ab dem 22. März mussten die Bürger Kontakte außerhalb des eigenen Hausstands auf ein absolut nötiges Minimum reduzieren. In der Öffentlichkeit waren nur noch Aufenthalte allein, mit Angehörigen des eigenen Hausstands oder mit einer weiteren Person erlaubt. WELT berichtete unter der Schlagzeile „Offen sollen nur Läden für Lebensnotwendiges bleiben“.In dieser Phase hatten die Maßnahmen die Unterstützung einer großen Mehrheit in der Bevölkerung. Von SARS-CoV-2 ging vorwiegend für ältere Menschen eine ernste Bedrohung aus, und die Einschränkungen waren milder als in Ländern wie Italien, Frankreich und Spanien. Die Bundesregierung stellte milliardenschwere Hilfsprogramme in Aussicht. Gleichzeitig aber suchten die Menschen in einer Situation nach Orientierung, in der niemand Gewissheiten liefern konnte. Vor allem an die Virologen Christian Drosten und Hendrik Streeck knüpften sich die Erwartungen. Drosten, der in den Medien durch einen Podcast sehr präsent war, warnte stets vor zu großen Hoffnungen, Streecks Ausführungen erregten beim Publikum weniger Besorgnis. Als zum Sommer die Infektionszahlen rapide sanken, hob die Regierung die Beschränkungen auf. Doch zum Herbst stieg die Zahl der Infektionen wieder stark an, sodass die Bundesbürger mit einem weiteren, wesentlich längeren Lockdown leben mussten. Im Spätherbst war die Geduld eines erheblichen Anteils der Deutschen erschöpft. Die Kanzlerin, Drosten und das RKI sahen sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert, die von der Prämisse ausgingen, das Virus sei weniger gefährlich, als sie behaupteten. Lesen Sie auchVertreter dieser Richtung beriefen sich auf Mediziner wie Sucharit Bhakdi, der die Maßnahmen von Beginn an für überflüssig bis schädlich erklärt hatte. Von dort aus verbreiteten sich Aussagen wie die, dass die Regierenden die Einschränkungen des öffentlichen Lebens nur verfügten, weil sie den Bürgern ihre Macht zeigen wollten. Christian Drosten wurde zur Hassfigur, die persönliche Angriffe erlebte – und in den Medien befanden Journalisten über die Gefahren, die über keinerlei wissenschaftliche Expertise verfügten.Dem gegenüber standen jene, die die Politik mittrugen und sich zunehmend Sorgen darüber machten, wie Institutionen wie das Parlament oder das RKI durch die Anwürfe Schaden nahmen. Als Ende des Jahres die ersten Impfstoffe auf den Markt kamen, verlagerte sich die Debatte erneut: Das eine Lager begrüßte die Vakzine als große wissenschaftliche Leistung, die schwere Verläufe milderte. Das andere Lager sagte, Impfungen seien nicht nötig, die Impfstoffe seien nicht gut genug erforscht und die Nebenwirkungen überwögen die Vorteile. Diese Debatten zogen sich über das ganze Jahr 2021 und darüber hinaus hin. Streng genommen handelte es sich kaum noch um eine Debatte, es fehlte die Bereitschaft, Argumente der Gegenseite überhaupt noch als solche anzuerkennen.Damit hat das Virus als unsichtbarer Feind nicht nur schwere Erkrankungen hervorgerufen, sondern eine Vertrauenskrise ausgelöst, deren Folgen für Wissenschaft, Politik und Gesellschaft noch nicht absehbar sind. Klar sind dagegen die Zahlen: Seit Beginn der Pandemie sind in Deutschland mehr als 189.000 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben; mehr als vier Fünftel davon waren älter als 75 und rund zwei Drittel älter als 80 Jahre. Mehr als 1,5 Millionen Menschen kämpfen schätzungsweise mit Long Covid oder dem chronischen Fatigue-Syndrom, das die Erkrankung nach sich ziehen kann.Philip Cassier lebt in Berlin-Prenzlauer Berg. Am ersten Tag des ersten Lockdowns 2020 dachte er: Mein Gott, Restaurants, Bars, Clubs – alles zu, eine ganze Infrastruktur über Nacht wertlos. Dann mal los, Covid. Gucken wir, wer länger durchhält.
2020: Als ein unsichtbarer Feind die ganze Welt lahmlegte - WELT
Ein Virus brachte 2020 das öffentliche Leben zum Erliegen und trieb die Gesellschaft in den Ausnahmezustand. Durch Corona entstand ein Stresstest für Politik, Wissenschaft und den inneren Zusammenhalt Deutschlands. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.








