Auf den «Putin-Peak» folgt die Ernüchterung: Hausbesitzer installieren immer weniger SolaranlagenDie Schweiz braucht deutlich mehr Photovoltaik, wenn sie ihre Energieziele erreichen will. Doch ausgerechnet bei Hausbesitzern nimmt das Interesse laufend ab. Die Branche sieht die Schuld auch bei Bundesrat Rösti.24.06.2026, 05.29 Uhr5 LeseminutenDer Ausbau der Photovoltaik verliert in der Schweiz zusehends an Schwung: Seit dem Höhepunkt im Jahr 2024 sinkt die Zahl der installierten Anlagen kontinuierlich.Martin Ruetschi / KeystoneVor kurzem vermeldete Jürg Grossen, GLP-Chef und oberster Lobbyist der Solarbranche, einen «erfreulichen Meilenstein»: Noch nie sei so viel Strom aus Sonnenenergie erzeugt worden wie im Mai – und erstmals sei die Photovoltaik die wichtigste Stromquelle des Landes. Die Anlagen hätten auf Dächern und Fassaden mehr Strom produziert als die vier verbliebenen Atomreaktoren. «Die Energiewende ist nicht Theorie. Sie passiert – messbar, sichtbar und mit hoher Dynamik», jubelte der umtriebige Politiker aus Frutigen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch hinter der Rekordmeldung des Swissolar-Präsidenten zeigt sich ein anderes, weniger rosiges Bild. In der Schweiz hat der Ausbau der Photovoltaik deutlich an Schwung verloren. Und der Abwärtstrend dauert nicht erst seit ein paar Monaten an, sondern seit bald zwei Jahren.Schon 2025 sank die neu installierte Leistung der Solaranlagen schweizweit von 1,8 auf 1,5 Gigawatt (GW). Im laufenden Jahr setzt sich der Abwärtstrend nun unvermindert fort. Im Mai lag die neu angemeldete monatliche Leistung nur noch etwa halb so hoch wie auf dem Höhepunkt des Booms 2024. Dies geht aus den Zahlen von Pronovo hervor, der Vollzugsstelle für die Fördergesuche für Photovoltaikanlagen. Zur Einordnung: Um wie vom Bund vorgesehen bis 2050 auf rund 50 Gigawatt Solarleistung zu kommen, braucht die Schweiz jährlich etwa 1,6 Gigawatt Zubau.Besonders zurückhaltend sind Privathaushalte und Besitzer von Einfamilienhäusern. Im Jahr 2024 wurden schweizweit monatlich konstant zwischen 5000 und 6000 Gesuche für einen Installationszuschuss gestellt. Doch seit Anfang 2025 sinkt die Zahl der Gesuche kontinuierlich. In den letzten beiden Monaten wurden gemäss der Abwicklungsstelle Pronovo jeweils noch gut 2600 Anträge gestellt – was einer Verringerung von mehr als 50 Prozent entspricht.Für die erfolgsverwöhnte Schweizer Solarbranche ist diese Abkühlung eine schmerzhafte Erfahrung. Bis vor kurzem kannte der Markt nur eine Richtung: nach oben. Vor allem nach dem russischen Überfall auf die Ukraine und der folgenden Energiekrise erlebte die Photovoltaik einen beispiellosen Höhenflug. Doch nach dem «Putin-Peak» geriet der Absatz von Solaranlagen mehr und mehr ins Stocken. Installateure mussten im vergangenen Jahr Personal abbauen, einzelne grössere Firmen gar Konkurs anmelden. Die in der Branche verbreitete Hoffnung, die Schwächephase sei nur von kurzer Dauer, entpuppt sich inzwischen zunehmend als Wunschdenken.Opfer des eigenen ErfolgsFür Urs Martin Springer, CEO und Gründer der Blockstrom AG, ist die Solarbranche Opfer ihres eigenen Erfolges geworden: «Der starke Anstieg in den Jahren 2022 und 2023 war eine Übertreibung, ausgelöst durch die Energiekrise und den Wunsch, unabhängiger von Stromimporten zu werden.» Damals hätten viele Haushalte und Firmen Projekte vorgezogen, über die sie schon länger nachgedacht hätten. Inzwischen sei der Markt wieder zu einem normaleren Wachstum zurückgekehrt.Der Abwärtstrend hat auch mit tieferen und volatileren Einspeisevergütungen zu tun, die die Investitionsbereitschaft hemmen. Während der Energiekrise 2022 wurden bis zu 40 Rappen je Kilowattstunde gezahlt. Inzwischen können es weniger als 10 Rappen sein. Dabei sollen künftig auch negative Marktpreise, wie sie besonders an sonnigen Tagen im Sommer vorkommen, direkt an die Produzenten weitergegeben werden. «Im Grundsatz ist das richtig, da die Solarbranche mittlerweile den Kinderschuhen entwachsen ist», sagt Springer. Zugleich aber verschrecke die Entwicklung gewisse Investoren. «Manche fragen sich, ob sie wirklich noch das ganze Dach mit Solarpanels belegen sollen.»Enttäuscht zeigt sich Springer von der bisherigen Entwicklung der lokalen Elektrizitätsgemeinschaften, kurz LEG, die seit Anfang Jahr gebildet werden können. Die Idee, Solarstrom innerhalb eines Quartiers oder einer Gemeinde gemeinsam zu nutzen, klinge zwar attraktiv. Das Instrument habe die hohen Erwartungen bisher jedoch nicht erfüllt. In der Praxis werde der Mehrwert jeweils rasch aufgezehrt: Ein Teil des Stroms fliesst über das öffentliche Netz, dafür fallen Netzentgelte an, hinzu kommen administrativer Aufwand und Abrechnungskosten. «Unter dem Strich bleibt für viele Projekte zu wenig übrig, um einen echten Investitionsschub auszulösen.» Werde die LEG nicht stark vereinfacht, werde sie keinen Durchbruch für den Solarausbau bringen.Noah Heynen, Chef des Solarbranchen-Primus Helion, sieht in der Abkühlung mehr als eine normale Marktkorrektur: Sie zeigt, dass sich das Geschäftsmodell der Branche verändert. Er sagt: «Früher reichte es, ein Dach möglichst voll mit Modulen zu belegen und den überschüssigen Strom ins Netz abzugeben. Dank einer garantierten, attraktiven Einspeisevergütung brachte das eine sichere Rendite.» Heute brauche es integrierte Energiesysteme: Photovoltaik, Batterie, Wärmepumpe, Elektroauto und ein intelligentes Energiemanagement müssten zusammenspielen. Diese Komplexität verunsichere viele Kunden, was eine gute Beratung erfordere. Zugleich bringe sie Installateure unter Druck, die bisher bloss einfache Anlagen verkauft hätten.Wachsende Skepsis in der politischen MitteVerstärkt wird die Unsicherheit auch, weil in der Politik vermehrt Zweifel an der Photovoltaik lautwerden. So gilt Solarstrom nicht mehr automatisch als unbestrittene Antwort auf jedes Energieproblem, wie sich gerade in der laufenden AKW-Debatte zeigt. Christof Bucher, Professor für Photovoltaiksysteme an der Berner Fachhochschule, stellte insbesondere in der politischen Mitte eine wachsende Skepsis fest: Gibt es inzwischen zu viel Solarstrom? Haben die Netze noch genügend Kapazität? Und will überhaupt noch jemand den Strom abnehmen, der auf Hausdächern produziert wird? «Solche Fragen erreichen inzwischen auch jene Kreise, die sich vorher vorbehaltlos hinter den Solarstrom gestellt haben», sagt der Stromexperte. Dabei würden die Stärken der Photovoltaik nicht ausreichend gewürdigt.Laut Bucher steht nun im Vordergrund, die Photovoltaik besser ins Stromsystem zu integrieren. Früher galt die einfache Formel: Jede zusätzliche Kilowattstunde zählt. Heute reicht das aus Buchers Sicht nicht mehr. Wenn an sonnigen Tagen sehr viel Strom produziert werde, das Netz aber voll sei oder die Nachfrage fehle, könne zusätzlicher Solarstrom mehr Probleme schaffen als lösen. «Wird er zu solchen Zeiten trotzdem subventioniert, kann das der Akzeptanz schaden.» Bucher warnt jedoch davor, die Photovoltaik schlechtzureden: Solarstrom auf Hausdächern sei die mit Abstand am schnellsten wachsende Winterstromquelle der Schweiz. Sie sei am besten dazu geeignet, die Abhängigkeit der Schweiz von Energieimporten zu verringern, eine realistische Alternative dazu gebe es nicht.Der Swissolar-Präsident Jürg Grossen relativiert derweil die rückläufige Entwicklung beim Solarausbau. Die Zahlen von Pronovo würden nur verzögert aufzeigen, was im Markt tatsächlich passiere. Zwischen dem Entscheid für eine Solaranlage und der Anmeldung bei Pronovo lägen oft 12 bis 18 Monate. «Von einem Einbruch zu sprechen, ist deshalb falsch.» Grossen rechnet fürs laufende Jahr mit einem stabilen Zubau in ähnlicher Grössenordnung wie 2025.Für den Rückgang beim Solarstrom macht der GLP-Politiker Bundesrat Albert Rösti mitverantwortlich. «Wenn der Bund mit dem Gegenvorschlag zur Blackout-Initiative den Eindruck erweckt, dass er nicht konsequent auf erneuerbare Energien setzt, wirkt sich das auf die Investitionsstimmung aus – auch wenn die Photovoltaik wirtschaftlich weiterhin sehr attraktiv ist.»Um den Solarausbau wieder anzukurbeln, fordert Grossen höhere Einmalvergütungen und bessere Anreize für die lokale Stromnutzung – etwa in Form von tieferen Gebühren bei lokalen Elektrizitätsgemeinschaften und grosszügigeren Netzkostenrabatten. Der Swissolar-Präsident musste vergangene Woche allerdings einen Rückschlag hinnehmen: Mit der Aufhebung des Neubauverbots stiess das Parlament die Tür auf für neue Kernkraftwerke. Die politische Unsicherheit darüber, wie entschlossen der Bund auf die Photovoltaik setzen wird, sie dürfte damit eher noch grösser werden.Passend zum Artikel