«Backrooms»: wie ein Youtube-Hype zum Horror-Kinohit des Jahres wurdeWas als verstörendes Internetphänomen begann, lockt nun Millionen ins Kino: Mit «Backrooms» hat der 21-jährige Youtube-Star Kane Parsons einen viralen Albtraum über endlose Büroräume und diffuse Ängste auf die Leinwand gebracht.Pamela Jahn24.06.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten«Backrooms» ist der bisher grösste finanzielle Erfolg für das angesagte Studio A24 .Constantin FilmManchmal braucht es nicht viel, um von einer Dimension zur nächsten zu gelangen. Wie Alice, die nach ihrem Sturz in den Kaninchenbau Hals über Kopf ins Wunderland fällt. Oder die kleine Lucy in den «Chroniken von Narnia», der sich beim Versteckspiel im Kleiderschrank plötzlich eine verwunschene Winterwelt offenbart. Die erfolgreichsten Märchenerzähler wussten: Um einen nahtlosen Übergang zwischen Wirklichkeit und Phantasie zu gewährleisten, kommt es auf das richtige Portal an.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch Clark (Chiwetel Ejiofor) findet in Kane Parsons «Backrooms» durch eine vermeintlich harmlose Öffnung Zugang zum surrealen Hinterreich seiner Vorstellungskraft. Als er im Untergeschoss des schlecht laufenden Möbelgeschäfts, das er betreibt, eine durchlässige Wand entdeckt, zögert er nicht lange. Ein Schritt genügt, um dem tristen Alltag zu entfliehen.Ein Labyrinth ohne AusgangZu verlieren hat der gescheiterte Architekt ohnehin nicht mehr viel im Leben, seit sich auch noch seine Frau von ihm getrennt hat. Er ertränkt seinen Jähzorn im Alkohol und spielt emotional aufwühlende Rollenspiele mit seiner Therapeutin Mary (Renate Reinsve). Bis ihn seine seltsame Entdeckung gänzlich einnimmt und auf bisweilen erschreckende Gedanken bringt.Es ist nicht die narrative Dichte, die «Backrooms» zu einem speziellen Kinoerlebnis macht. Der Reiz des Films liegt in seiner Entstehungsgeschichte und dem besonderen Schauplatz: eine verschachtelte Parallelwelt aus gelb tapezierten, grell ausgeleuchteten Gängen und verwinkelten Räumen mit scheinbar beliebig angeordneten Trennwänden, die an leer stehende Bürokomplexe aus den 1990er Jahren erinnern.Der Vergleich kommt nicht von ungefähr: Inspiriert wurde Parsons von einem Foto aus den frühen nuller Jahren, das einen ehemaligen Verkaufsraum in der amerikanischen Einöde von Wisconsin zeigt. Auf dem Bild sind die gleichen ockerfarbenen Wände samt muffliger Auslegware und Neonlicht zu erkennen. Lange Zeit kursierte die Aufnahme auf einem «message board» im Internet als Beispiel dafür, wie sich mit einfachsten Mitteln äusserst beunruhigende Stimmungen erzeugen lassen. Ein Labyrinth ohne Ausgang, verlassen und bedrohlich.Youtuber Kane ParsonsGettyAb 2022 schuf Parsons (alias Kane Pixels) darauf aufbauend eine Reihe von «Backrooms»-Kurzfilmen, die auf Youtube veröffentlicht wurden und bald viral gingen. Fast 300 Millionen Aufrufe sprechen für sich. Der damals 16-jährige Teenager animierte seine Zuschauer dazu, dieses variable Universum mit eigenen Clips zu ergänzen. Das Ziel der Videos war es, durch immersive Texturen, klaustrophobische Sinneseindrücke und ein beängstigendes Sounddesign zunehmend Unbehagen im Betrachter hervorzurufen. Echter Grusel, reale Angst, ohne gross Geschichten zu erzählen.Der Hype, den Parsons damit in den sozialen Netzwerken auslöste, reichte aus, um das derzeit angesagteste amerikanische Produktionsstudio A24 hellhörig werden zu lassen. Kurzum sollte ein Spielfilm für die Gen Z her, obwohl dem Influencer selbst von vornherein eher eine Fernsehserie vorschwebte. Aber nach dem massiven finanziellen Erfolg von «Backrooms» (weltweites Einspielergebnis: mehr als 270 Millionen Dollar) dürfte zukünftig auch einer lukrativen TV-Auswertung des Stoffs nichts mehr im Wege stehen.Bis dahin erobert der Film den globalen Markt in einem ähnlich rasanten Tempo wie «Obsession», der diese Woche in die deutschsprachigen Kinos kommt. Sein Regisseur, der junge Komiker Curry Barker, ist ebenfalls ein Youtuber mit eingeschworener Fangemeinde. Was beide Filme vereint, sind die befremdlichen Psychoszenarien, die sie jeweils auf ihre Weise entwerfen. Parallelen zu früheren Low-Budget-Box-Office-Phänomenen wie «The Blair Witch Project» (1999) oder «Paranormal Activity» (2007) sind offensichtlich.Ein wesentlicher Unterschied zu jenen Indie-Found-Footage-Horrorfilmen besteht allerdings darin, dass sie die Pop-Kultur nachhaltig prägten, während Parsons und Baker mit ihren Regiedebüts an ihre bereits etablierten Social-Media-Karrieren anknüpfen. Zumindest im Fall von «Backrooms» hat Parsons deshalb auch gut daran getan, sich ganz auf die ursprüngliche Form und die schmale Prämisse seiner Originalvideos zu konzentrieren: eine Art Pseudo-Doku in 3-D-Optik und VHS-Ästhetik.Drama ohne Ausgang: Der Architekt Clark (Chiwetel Ejiofor) verirrt sich in den Labyrinthen der Hinterräume.Constantin FilmAgoraphobie und KlaustrophobieDas eigentliche Drama, Clarks tiefe Verzweiflung, seine Wut auf die Welt und speziell auf Frauen, all das wirkt auf der grossen Leinwand dagegen bedenklich flach und unreflektiert, ähnlich den Tendenzen, die auch in den sozialen Netzwerken existieren. Ohnehin wird die gesamte Handlung des Films zu einer eher frustrierenden Nebensache: Als Clark von seiner Expedition in die Hinterräume des Geschäfts irgendwann nicht mehr zurückkehrt, folgt ihm die Therapeutin in den geheimnisvollen Irrgarten. Dort wird sie sowohl mit der toxischen Männlichkeit ihres Klienten als auch mit den eigenen (Kindheits-)Ängsten konfrontiert.Mit von der Gruselpartie sind ausserdem Clarks Assistentin Kat (Lukita Maxwell) und ihr leichtgläubiger Freund Bobby (Finn Bennett), der sich und seinen Camcorder zur Verfügung stellt, um das Unglaubliche zu filmen. Einige der Räume, die sie anfangs noch gemeinsam erkunden, sind mit Utensilien wie schmutziger Wäsche, Stoppschildern, einem Weihnachtsbaum oder in den Boden eingeschmolzenen Stühlen und Schränken ausgestattet. Beschallt wird diese Ödnis aus Paranoia und Billigmöbeln zudem mit dem beharrlichen Summen der Leuchtstoffröhren über einem penetrant dröhnenden Soundtrack.Diese endlosen Gänge, Mauern und Decken lassen die Unterschiede zwischen Agoraphobie und Klaustrophobie verschwimmen. Doch Clark ist trotz allen potenziellen Gefahren wie besessen davon, die «Backrooms» zu erkunden und zu kartografieren. Dabei wird er gelegentlich von einem anonymen Zuschauer über CCTV beobachtet, der sich später als Mitarbeiter eines «Big Brother»-artigen Unternehmens herausstellt. Die Motive hinter all dem bleiben im Film ungeklärt und lassen – buchstäblich – Raum für jede Menge Interpretation. Wer mehr erfahren will, kann in Parsons Kurzfilmen stöbern oder muss auf eine Fortsetzung warten. Die Tür für mehr steht weit offen.Backrooms: Im Kino (110 Minuten)Passend zum Artikel