Einfach verschwinden – das fasziniert gerade eine offenbar nicht unerhebliche Anzahl an Menschen. Der Horrorfilm „Backrooms“ ist Ende Mai direkt auf Platz eins in die US-amerikanischen Kinocharts eingestiegen und hat unglaubliche 262 Millionen Dollar eingespielt. In Deutschland geht es etwas verspätet am 18. Juni los. Der Film handelt von einer abgründigen Parallelwelt im Keller eines Möbeldiscounters. Seinen beiden Protagonisten erleben darin eine Art brutal-therapeutischen Selbsterfahrungstrip, der nicht für alle Beteiligten gut ausgeht.„Backrooms“ ist die Verfilmung einer seit Jahren kursierenden Internetlegende. Auslöser war ein einzelner Beitrag im Imageboard 4chan aus dem Jahr 2019: Ein anonymer Nutzer hatte damals das Foto eines langweiligen, blassgelben Raums gepostet. Schon vorher waren diese Bilder durchs Internet gegeistert: Von verlassenen Büroräumen, leeren Parkhäusern, einsamen Hotelgängen und nächtlichen Einkaufszentren, bei denen egal ist, ob sie in Dubai sind oder in Albanien stehen. „Liminal spaces“ nennt man diese Nichtorte.Erfolgreicher als „The Mandalorian“Wenn man nicht aufpasse und an der falschen Stelle aus der Realität falle, schrieb der Nutzer damals, dann lande man in den „Backrooms“ – „einem Ort, der nur aus dem Gestank alten, feuchten Teppichbodens, dem Wahnsinn eines monotonen Gelbtons, dem endlosen Summen und Brummen von Leuchtstoffröhren und rund sechshundert Millionen Quadratmeilen willkürlich unterteilter, leerer Räume besteht“. Wer etwas in der Nähe herumstreifen höre, dem gnade Gott – „denn es hat dich mit ziemlicher Sicherheit längst bemerkt“.Dieser Weltschmerzhorror zieht aktuell vor allem beim jüngeren Publikum. Für die Regie hat man den ebenfalls erst zwanzigjährigen Kane Parsons auserkoren. Auf Parsons aufmerksam geworden war das Studio, weil er auf seinem Youtube-Kanal eine virale Webserie über die „Backrooms“-Saga veröffentlicht hatte. „Ich glaube, es ist im Moment sehr schwer, sich zu orientieren“, antwortete der Regisseur in der CBS-Morgenshow auf die Frage, weshalb der Film junge Menschen so sehr fasziniere. Das Konzept sei eine Reaktion auf das Unbehagen vor Monokulturen. Er als Zwanzigjähriger habe das Gefühl, in einer Welt zu leben, die immer atomisierter sei und sich ein Kostüm aus der Vergangenheit überstreife, um das zu überdecken.„Backrooms“ wird bejubelt als eine innovative Art von Kino, nicht so starr und langweilig, wie das hundertste Sequel oder Remake der immergleichen Blockbusterproduktionen. Tatsächlich sind zeitgleich gestartete Filme wie „Masters of the Universe“ und „The Mandalorian“ bei Weitem nicht so erfolgreich. Eine Ausnahme ist ein mit noch geringerem Budget produzierter Horrorfilm namens „Obsession“, ebenfalls von einem jungen Regisseur.Kleiderhaufen, hinter denen jederzeit ein Monster lauern kannWarum diese Horrorbegeisterung? Und ist der Film wirklich so innovativ, wie das fanatische „Backrooms“-Jünger mit voller Inbrunst ins Internet schreien? Der Film ist sicherlich kreativer als vieles, was man sonst so zu sehen bekommt. Durch die finanziellen Mittel konnte Parsons seine Visualisierungen auf ein völlig neues Level heben. In den „Backrooms“ werden wir mit allem „Abjekten“ der Gesellschaft konfrontiert; die offen genug gelassene Umsetzung ermöglicht mehrere Deutungen: Das Obsoletwerden des Menschen durch Künstliche Intelligenz zum Beispiel, wenn die Räume seltsam verfremdete Kopien der sie betretenden Personen ausspucken, die wie frühe KI-Halluzinationen wirken.Außerdem spürt man das Entsetzen, wenn der Mensch feststellt, dass er für vieles nicht mehr gebraucht wird und dass er deshalb allein ist in den ausgestorbenen Büroräumen. Wir sehen ihrem Sinn entzogene Alltagsgegenstände: aufgestapelte oder halb im Boden versinkende Möbelstücke, Markenschilder ohne Kontext und abgestoßene Kleiderhaufen, hinter denen jederzeit ein unbekanntes Monster lauern kann. Das wirkt bisweilen, als würde man einen Rundgang durch eine örtliche Kunsthochschule machen, ist jedoch eindrucksvoll gemacht. Auch der Soundtrack des Films kann sich hören lassen.Unausgereift wirkt der Film allerdings bei seinen Figuren und dem Plot, denn er versucht, das Konzept der „Backrooms“ über die persönlichen Dramen seiner beiden Hauptfiguren zu erzählen. Plötzlich geht es um den Alkoholismus eines möglicherweise gewalttätigen Hauptcharakters und das Trauma der Therapeutin, die mit ihrem Beruf eine nicht aufgearbeitete Kindheit mit einer psychisch kranken Mutter kompensieren will. Das Drehbuch verantwortet der deutlich ältere Screenwriter Will Soodik, der zuvor für Mainstreamserien wie „Westworld“ oder „Homeland“ geschrieben hat. Leider wirken seine Figuren so, wie sie in schlechten Horrorfilmen häufig daherkommen: pseudotiefgründig und stumpf.Fraglich ist, ob die Internetfangemeinde in allen Fällen die Ironie versteht, wenn sie sie nun auch noch euphorisch feiert, die „Wiederkehr des Immergleichen“: Es gibt jetzt DJ-Sets im „Backroom“, und Marken wie Ikea oder Lidl machen auf Instagram damit Werbung. Schade, denn ursprünglich ging es hier mal um ein bedenkenswertes Thema: Den Dauerstress, der heute herrscht, und die Tatsache, dass viele junge Menschen vor ihm lieber in eine dumpfe Parallelwelt hinter der Wand flüchten würden.