KommentarSträfliche Nachlässigkeit: Chinas Regierung tut nicht genug, um neue Arbeitsplätze zu schaffenWeil Chinas Konsumenten streiken, sinken die Saläre und die Zahl der Jobangebote. Die Folge: Die Bürger schnallen die Gürtel noch enger. Das Reich der Mitte steckt in einem selbst verursachten Teufelskreis.24.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenFür junge Chinesinnen und Chinesen wird es immer schwieriger, einen ihrer Qualifikation entsprechenden Job zu finden.Alex Plaveski / EPAIm Mai verzeichnete Chinas Wirtschaft einen Negativrekord, wie es ihn letztmals während der Schlussmonate der Corona-Pandemie mit ihren ständigen Lockdowns, Massenquarantänen und Fabrikschliessungen gegeben hatte: Die Umsätze im Detailhandel schrumpften im Jahresvergleich um 0,6 Prozent.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Einbruch hat einen einfachen Grund. Unternehmen zahlreicher Branchen erhöhen die Saläre ihrer Mitarbeiter kaum noch; viele Firmen kürzen die Löhne sogar. Dienstleister wie Wirtschaftsprüfer, Werbeagenturen, Personalvermittler und Beratungsunternehmen etwa zahlten ihren Mitarbeitern 2025 zum Teil deutlich weniger als im Vorjahr. Auch Unternehmen im Immobiliensektor kürzten im vergangenen Jahr die Gehälter ihrer Arbeiter und Angestellten.Gleichzeitig bauen viele Firmen Arbeitsplätze ab. In der Bauindustrie zum Beispiel fielen 2025 mehr als 8,5 Millionen Jobs weg. Auch Dienstleistungsunternehmen stellen kaum noch neue Mitarbeiter ein. Kürzlich machten ausserdem Berichte die Runde, nach denen erste Technologiefirmen Angestellte entlassen und diese durch KI ersetzen. Mittelmässige Anwaltskanzleien bekommen inzwischen Bewerbungen von Absolventen der Eliteuniversitäten Tsinghua und Peking University, ein absolutes Novum.Fallende Erträge und GewinneHinter der Zurückhaltung der Firmen bei Neueinstellungen steckt, dass viele Chinesen aus Verunsicherung über ihre wirtschaftliche Zukunft ihr Geld zusammenhalten. Das reduziert die Erträge und Gewinne vieler Firmen, und sie bauen Arbeitsplätze ab.China ist gefangen in einem Teufelskreis aus sinkenden Löhnen, steigender Arbeitslosigkeit, schrumpfenden Konsumausgaben und fallenden Unternehmensgewinnen. Das Irritierende ist, dass die Regierung kaum etwas zu unternehmen scheint, um den Abwärtstrend zu stoppen.Natürlich beteuern die Spitzenpolitiker der Kommunistischen Partei an ihren regelmässigen Politbüro-Sitzungen stets, es gelte den Arbeitsmarkt zu stabilisieren. Auch hat die Regierung eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die die Folgen von KI auf die Beschäftigung ergründen soll. Vor entschiedenen Massnahmen zur Ankurbelung der Inlandsnachfrage wie etwa einem grundsätzlichen Ausbau der sozialen Sicherungssysteme schrecken die Machthaber in Peking aber zurück.Es fehlt nicht am Angebot, sondern an der NachfrageStattdessen entstehen in grossen Städten wie Peking immer neue Märkte, um die Menschen in Kauflaune zu bringen. Die bunten Stände mit ihrem Krimskrams wie Modeschmuck, kleinen Pferden aus Holz oder Naschereien könnten so auch auf dem Zürcher Weihnachtsmarkt stehen. Dabei fehlt es in China nicht an einem üppigen Angebot – in den meisten Städten reiht sich eine Shopping-Mall an die andere. Chinas Wirtschaft leidet unter einer schwachen Nachfrage.Dabei sollten die Verwerfungen am Arbeitsmarkt, wie China sie seit langem nicht mehr gesehen hat, der Regierung in Peking ernsthaft zu denken geben. Erstmals seit Jahrzehnten zogen sich in jüngster Zeit viele städtische Arbeitslose aufs Land zurück. Dort suchen sie Beschäftigung in der bisher stark zerstückelten und wenig produktiven Landwirtschaft. Im vergangenen Jahr beschleunigte sich der Trend noch.«Chinas Umbau von einem Agrarstaat zu einem Industrieland ist zum Stillstand gekommen», resümiert Ernan Cui, China-Analystin bei Gavekal Dragonomics. Dies sei eine direkte Folge des «negativen Arbeitsmarkt-Schocks». Cui hat die jüngsten Arbeitsmarktdaten der chinesischen Behörden in einer ausführlichen Analyse ausgewertet.China profitiert vom weltweiten KI-BoomAm chinesischen Arbeitsmarkt gab es zuletzt lediglich einen Lichtblick. Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes schufen im vergangenen Jahr rund 1,5 Millionen neue Arbeitsplätze. Wesentlicher Treiber des Trends war – dank weltweit starker Nachfrage nach Green-Tech-Produkten wie Elektroautos, Batterien und Solarmodulen – der boomende Export. Ausserdem stiegen die Ausfuhren von Speicherchips und Maschinen für deren Herstellung rasant. Der Grund dafür ist der globale KI-Boom.Zu einem spürbaren und nachhaltigen Anziehen des Arbeitsmarktes dürfte dies aber nicht führen. Zyklen wie der jetzige KI-Boom sind eben genau dies: Zyklen. Sie schwächen sich irgendwann wieder ab. Zudem führt der Exportboom der Chinesen bereits zu protektionistischen Reflexen in den Zielmärkten.Statt sämtliche Ressourcen auf das Rennen mit den USA um die globale Technologieführerschaft zu verwenden, sollte die Regierung Programme zur Stimulierung des privaten Verbrauchs und zur Modernisierung der unterentwickelten Kranken- und Rentenversicherung auflegen.Doch Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping setzt andere Prioritäten. Er will, dass China den Rivalen östlich des Pazifiks eines Tages als Weltmacht Nummer eins ablöst. Ob dies auf lange Sicht allerdings ohne eine wohlhabende, konsumfreudige und zuversichtliche Mittelschicht gelingen kann, ist zunehmend fraglich.7 KommentareNoel Zumofen 24.06.20261 EmpfehlungChina od. Deutschland, überall das gleiche Elend. Die Chinesen bringen das sogar ohne eine SP zusammen.Urs Alois Sprenger 24.06.202616 EmpfehlungenDer Befund ist so schlicht wie unbequem: Auch in China wachsen die Bäume nicht in den Himmel. Das vermeintlich unerschöpfliche Wachstumsmodell, das jahrzehntelang auf Investitionen, Exporten, Immobilien und politisch gelenkter Mobilisierung beruhte, stösst an seine inneren Grenzen. Wo Löhne sinken, Stellenangebote verschwinden und junge Akademiker keine ihrer Ausbildung entsprechende Arbeit mehr finden, verliert selbst ein autoritärer Staat die wichtigste wirtschaftliche Ressource: Zuversicht.
Arbeitsmarkt in der Krise: Warum Chinas Bürger zunehmend sparen müssen
Weil Chinas Konsumenten streiken, sinken die Saläre und die Zahl der Jobangebote. Die Folge: Die Bürger schnallen die Gürtel noch enger. Das Reich der Mitte steckt in einem selbst verursachten Teufelskreis.








