Übergriff oder «Moment der Verwirrung»? Es gibt erneut Vorwürfe gegen den Dirigenten John Eliot GardinerDer britische Musiker soll eine Mitarbeiterin des Leipziger Bachfests tätlich angegangen sein. Sie hat Anzeige erstattet.24.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer britische Dirigent Sir John Eliot Gardiner, hier im Jahr 2018 bei einem Auftritt in Bologna.Getty Images EuropeEs ist nicht das erste Mal bei diesem Künstler, deswegen macht der jüngste Vorfall weite Teile der Musikwelt fassungslos: Dem britischen Dirigenten John Eliot Gardiner wird erneut ein Übergriff vorgeworfen. Gardiner, der zu den herausragenden Interpreten unserer Zeit, zumal im Bereich der Barockmusik, gehört, war bereits im August 2023 in die Schlagzeilen geraten. Damals hatte er nach einem Auftritt in Frankreich einen Sänger geohrfeigt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der neue Vorfall ereignete sich nach Angaben des Bach-Archivs Leipzig am 16. Juni bei einem Konzert im Rahmen des Bachfests, das in der Thomaskirche stattfand. Laut den Veranstaltern des Festivals hat eine Mitarbeiterin dem Dirigenten nach dem Konzert eine Schriftrolle überreichen wollen. Dies hat am Bachfest Tradition; es ist eine Form des Dankeschöns anstelle von Blumen. Der davon offenbar überraschte Gardiner habe die Rolle zunächst entgegengenommen, habe dann aber versucht, die Rolle in den Ausschnitt des T-Shirts der Mitarbeiterin zu schieben oder – nach einer anderslautenden Darstellung – unter die Halskette der Frau zu klemmen.«Rüpelhaftes Verhalten»Die Betroffene wehrte das Ansinnen Gardiners ab und wertete dessen Handlung als Übergriff. Sie hat unterdessen Strafanzeige erstattet, wie eine Sprecherin der Polizei bestätigte. Auch das Bach-Archiv Leipzig sprach in einem Statement von einem «grenzüberschreitenden Verhalten». Michael Maul, der Intendant des Bachfestes, nannte es «rüpelhaft». Die Festivalleitung hat den Vorfall, der teilweise auf einem Video festgehalten wurde, umgehend verurteilt und der betroffenen Mitarbeiterin psychologische Unterstützung angeboten.John Eliot Gardiner hat den Vorwurf eines tätlichen oder gar sexualisierten Übergriffs mit Nachdruck zurückgewiesen. Der 83 Jahre alte Künstler sprach von einem «bedauerlichen Missverständnis». Nach seiner Darstellung sei er während des Applauses von einem Antippen an der Schulter durch die Mitarbeiterin überrascht worden. Da er vorab nicht über die geplante Übergabe der Schriftrolle informiert gewesen sei, habe ihn die Situation verwirrt.Er habe die Rolle lediglich kurzzeitig, so wörtlich, «unter die Kette» der Mitarbeiterin stecken wollen. Dies sei, wie sein Sprecher gegenüber dem Mitteldeutschen Rundfunk betonte, «in einem Moment aufrichtiger Verwirrung» geschehen. Laut Michael Maul hat Gardiner ein Fehlverhalten eingeräumt und für den entstandenen Unmut um Entschuldigung gebeten.Fordernd und aufbrausendDass sie Gardiner gewährt wird und er bei der Betroffenen wie auch im internationalen Musikbetrieb auf Nachsicht hoffen kann, erscheint dieses Mal jedoch fraglich. Schon nach dem Vorfall im Jahr 2023 hatte er eine Pause angekündigt, um seine Impulskontrolle mit therapeutischer Hilfe in den Griff zu bekommen. Trotzdem war 2024 die Zusammenarbeit zwischen Gardiner und seinen Ensembles, den von ihm zu Weltruhm geführten English Baroque Soloists und dem Monteverdi Choir, beendet worden – angeblich im Einvernehmen.Gardiner hatte danach mit der Gründung von The Constellation Choir & Orchestra noch einmal von vorne angefangen. Er war auch wieder von Festivals und Konzertveranstaltern eingeladen worden, Anfang 2025 auch von der Tonhalle Zürich. Im Umfeld des damaligen Gastauftritts sagte deren Intendantin Ilona Schmiel, natürlich wisse Gardiner, dass er seit dem Vorfall 2023 unter verschärfter Beobachtung stehe. Dass ihm, der in Musikerkreisen immer schon den Ruf hatte, extrem fordernd und gelegentlich aufbrausend zu sein, die Kontrolle nun offenbar ein weiteres Mal entglitten ist, könnte das Ende seiner glanzvollen Musikerkarriere bedeuten.Passend zum Artikel