Cambridge-Historiker Robert Tombs: Weshalb der Brexit auch aus heutiger Sicht richtig warWer die Fakten kenne, wolle nicht zurück in die EU, schreibt Robert Tombs, einer der führenden intellektuellen Befürworter des Brexits.Robert Tombs24.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenBrexit-Protest in London, 29. März 2019.Neil Hall / EPAIch erinnere mich, dass ich bis kurz vor der Abstimmung unschlüssig war, bis mir der Wirtschafts-Nobelpreisträger Kenneth Arrow versicherte, der Brexit würde zwar einige Anpassungen, aber keine wirtschaftliche Katastrophe mit sich bringen. So tat ich die Panikmache des damaligen Schatzkanzlers George Osborne als Unsinn ab, der Massenarbeitslosigkeit, fallende Immobilienpreise, Steuererhöhungen und einen Zusammenbruch des Welthandels vorhersagte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Ergebnis der Abstimmung überraschte mich nicht, trotz Gerüchten, die Regierung habe in letzter Minute eine Umfrage durchführen lassen, die einen Erdrutschsieg für den Verbleib vorausgesagt habe. Ich gewann sogar eine Flasche ziemlich guten deutschen Wein, weil ich als Einziger auf einer Party am Abstimmungsabend in Cambridge auf ein Ja gewettet hatte. Völlig falsch lag ich hingegen mit meiner Annahme, dass die Debatte mit der Abstimmung beendet und das Resultat allgemein akzeptiert werde.Gegner sabotierten das ErgebnisWofür hatten wir abgestimmt? Für einen weichen oder harten Brexit? Für den «norwegischen Weg»? Die Unnachgiebigkeit unserer «europäischen Verbündeten» verhinderte einen einfachen Kompromiss. Unsere irischen Nachbarn trugen ihren Teil dazu bei, die Situation zu verkomplizieren. Ein beträchtlicher Teil der Brexit-Gegner weigerte sich, die Mehrheitsentscheidung zu akzeptieren. Unsere eigenen Politiker und Beamten, allen voran die Premierministerin Theresa May und ihr Gefolge, machten ein Zugeständnis nach dem anderen, in der vergeblichen Hoffnung, dies werde die Gegenseite zu einem Entgegenkommen bewegen. Dem setzte die Europawahl 2019 ein Ende, bei der die Konservativen eine vernichtende Niederlage erlitten.Erst als Premierminister Boris Johnson und sein Chefunterhändler David Frost im Sommer 2019 Entschlossenheit bewiesen, wurden Fortschritte erzielt. Doch dann tauchte eine Gruppe parlamentarischer Verschwörer auf, die bereit waren, grundlegende Verfassungsregeln mit Füssen zu treten, um die Exekutivgewalt an sich zu reissen. Ihr Ziel war es, weitere Zugeständnisse an die EU zu erzwingen oder den Brexit auf unbestimmte Zeit zu verzögern. Unterstützt wurden sie dabei vom Obersten Gerichtshof, dessen Entscheidung ein angesehener Rechtsgelehrter aus Oxford als «Missbrauch richterlicher Gewalt» beschrieb, der von allen vorherigen Richtergenerationen seit der Bill of Rights von 1689 ohne Zögern zurückgewiesen worden wäre.Im Dezember 2019 kam es zu Neuwahlen, die unter dem Motto standen: «Get Brexit done», schliessen wir den Brexit ab. Die Konservativen gewannen 43,6 Prozent der Stimmen – das höchste Ergebnis, das eine Partei seit 40 Jahren erzielt hatte. Die Konservativen waren die beliebteste Partei bei allen Altersgruppen über 39. Und sie waren in jeder einzelnen sozioökonomischen Kategorie führend.1317 turbulente TageEin Austrittsabkommen – das bestmögliche angesichts der durch die Regierung in den Weg gelegten Hindernisse – wurde ordnungsgemäss vom Parlament verabschiedet und unterzeichnet. Es ermöglichte Grossbritannien den Zugang zum EU-Markt ohne Zölle oder Quoten. Das Vereinigte Königreich verliess die Union am 31. Januar 2020 um 23 Uhr (Mitternacht in Brüssel), 1317 turbulente Tage nach der Abstimmung.Es schien, als hätte der Brexit die britische Politik grundlegend verändert. Doch dann kam Covid. Boris lieferte seinen Gegnern den Vorwand, ihn loszuwerden. Er hatte eine beispiellose politische Chance verspielt. Und vor allem liess er zu, dass es zur sogenannten «Boriswave» kam, einer Welle der legalen Einwanderung. Das Versprechen des «levelling up» erwies sich als blosser Slogan. Anstatt britische Jugendliche für den Arbeitsmarkt auszubilden, importierten die Regierungen nach dem Brexit billige Arbeitskräfte und unternahmen nichts Wirksames gegen illegale Einwanderung. Die Brexit-Befürworter fühlten sich verraten.In der Zwischenzeit hatte sich unter den Brexit-Gegnern eine bunte Koalition gebildet, bestehend aus konservativen Politikern aus den Home Counties, die sich Sorgen um die Wirtschaft und die Bequemlichkeit des Reisens auf dem Kontinent machten, aus Wirtschaftsvertretern und Lobbyisten mit Verbindungen zur EU, aus Oppositionspolitikern, für die der Brexit ein Mittel war, die Konservativen zu besiegen, und aus radikalen Aktivisten, die den Brexit mit ihren Kulturkämpfen und ihrer Ablehnung der nationalen Identität verbanden.Abschied von der EU: Entfernung der britischen Fahne aus dem Gebäude des EU-Rats in Brüssel, 31 Januar 2020.Olivier Hoislet / EPAPolitiker scheuten sich, ihre Politik zu verteidigenEine unaufhörliche Flut von Anti-Brexit-Propaganda ergoss sich aus gut finanzierten proeuropäischen Denkfabriken und dem öffentlichen Dienst.Dies hatte Auswirkungen auf die Wähler. Sie änderten (so die Behauptung der Brexit-Gegner) ihre Meinung und bereuten den Brexit. Meinungsumfragen schienen dies zu bestätigen. Die Konservative Partei – deren Abgeordnete mehrheitlich für den Verbleib gestimmt hatten – schien sich zu scheuen, ihre eigene Politik zu verteidigen, wodurch sie ihre Niederlage im Juli 2024 selbst herbeiführte. Die Brexit-Befürworter strömten in Scharen zur Reformpartei. Der eben abgetretene Premierminister Keir Starmer, der quasi kampflos gewählt wurde, machte sich daran, die Beziehungen zur EU neu zu gestalten. Schliesslich war er der Mann, den der EU-Unterhändler Michel Barnier Jahre zuvor als denjenigen auserkoren hatte, der Grossbritannien zurück nach Brüssel führen sollte.War der Brexit also umsonst? Ich habe nie am gesunden Menschenverstand der Wähler gezweifelt, wenn man ihnen die Fakten präsentiert hätte. Ja, vielleicht bezeichnen sie den Brexit als einen Fehler. Aber wollen sie wirklich in die EU zurückkehren? Würden sie die Personenfreizügigkeit erneut befürworten, einschliesslich einer nahezu unbegrenzten Zahl von Nicht-EU-Migranten, deren Status von verschiedenen EU-Staaten legalisiert wurde? Würden sie den Euro begrüssen? Würden sie bereitwillig wieder einen Haushaltsbeitrag an die EU zahlen, der sich mittlerweile auf vielleicht 1000 Pfund pro Familie beläuft? Würden sie der EU erneut erlauben, britische Gesetze zu erlassen und schädliche Beschränkungen für Industrie, Landwirtschaft und Wissenschaft aufzuerlegen?Diesen Fragen weichen die EU-Lobbyisten aus. Aber ich bin mir ziemlich sicher, wie die Öffentlichkeit antworten würde. Eine aktuelle Meinungsumfrage bestätigte mein Gefühl: Lediglich 27 Prozent wären bereit, auf ihre Gesetzgebungskompetenzen zu verzichten, um im Gegenzug einen besseren Zugang zum Binnenmarkt zu erhalten.Die Katastrophenprognosen haben sich nicht bewahrheitetViele Menschen haben ein Interesse am Scheitern des Brexits: Nationalisten, die das Vereinigte Königreich spalten wollen, eingefleischte Befürworter eines Wiedereintritts, Aktivisten des Kulturkampfes, die die britische Geschichte als hasserfüllt darstellen, und Labour-Politiker, die mit dem Brexit vom Scheitern ihrer eigenen Energie- und Steuerpolitik ablenken wollen. Möglicherweise gelingt es ihnen damit, das Land an eine zunehmend krisengeschüttelte EU zu binden.Doch in Wirklichkeit verliert die Brexit-Gegnerschaft zunehmend an Glaubwürdigkeit. Keine der von der Panikmache verbreiteten Katastrophenprognosen hat sich bewahrheitet. Auch wenn EU-Befürworter und die Labour-Regierung weiterhin behaupten, die Wirtschaft sei durch den Brexit ruiniert worden, sind ihre Argumente nicht überzeugend.Die meisten europäischen Länder haben ähnliche und manchmal sogar noch schlimmere Probleme. Der Gesamthandel mit der EU (Importe und Exporte) hat sich nach kurzfristigen Störungen wieder weitgehend erholt. Die Einstellung der Beiträge zum EU-Haushalt gleicht etwaige Gesamtverluste aus. Grossbritannien bleibt das beliebteste Ziel für ausländische Investitionen.Unser hochentwickelter Technologiesektor steht weltweit an dritter Stelle (hinter den USA und China). Sein Wert wurde kürzlich mehr als doppelt so hoch geschätzt wie jener Deutschlands und dreimal so hoch wie jener Frankreichs – zwei Märkte, die durch die EU-Regulierungen beeinträchtigt werden. Die Vorhersagen, der Brexit werde das Vereinigte Königreich isolieren und an den Rand drängen, wurden durch seine Hilfe für die Ukraine, durch die rasche Aushandlung von Handelsabkommen im Rahmen der Transpazifischen Partnerschaft (TPP) und durch das Verteidigungsbündnis zwischen Australien, dem Vereinigten Königreich und den USA (Aukus) widerlegt.Vor allem hat uns der Brexit die Macht und die Pflicht zurückgegeben, uns selbst zu regieren, genau wie die Japaner, die Neuseeländer, die Schweizer, die Norweger und die meisten Völker der demokratischen Welt. Dass so viele dies als beängstigende Aussicht empfanden, zeigt, wie sehr die EU-Mitgliedschaft unser Regierungssystem geschwächt hat und wie wenig Vertrauen die Befürworter eines Wiedereintritts in ihr eigenes Volk haben.Der Brexit ist kein politischer Plan und keine Lösung für unsere unbestreitbaren Probleme. Er garantiert nicht, dass wir als Nation die richtigen Entscheidungen treffen. Aber er ermöglicht es uns, dass wir noch entscheiden können, wohingegen eine EU-Mitgliedschaft die demokratischen Wahlmöglichkeiten einschränkt oder gar verhindert. Der Brexit hat bewiesen, dass unser demokratischer Instinkt noch immer lebendig ist. Wir können unsere Regierungen kontrollieren und sie friedlich abwählen. Wir können unsere Fehler erkennen und korrigieren.Wir sollten unsere Entscheidung von 2016 nicht bereuen. Wir sollten sie nutzen.Robert Tombs ist emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Cambridge. 2021 erschien von ihm das Buch «This Sovereign Isle: Britain In and Out of Europe». Dieser Text erschien zuerst im britischen «Telegraph».