GastkommentarKurt SchiltknechtWar der Brexit wirklich ein Fehler?Grossbritannien mag seit dem Brexit nicht stets die richtigen politischen Entscheidungen getroffen haben. Das Land hat aber wieder die Möglichkeit, seine Rahmenbedingungen weitgehend selbst zu bestimmen, indem es die verantwortlichen Politiker abwählen kann. Eine Replik.19.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenAusgelassene Stimmung: Brexit-Party 2020 in London.Jeff J Mitchell / GettyIn einem Gastkommentar will der ehemalige deutsche Diplomat Rudolf G. Adam den Lesern der NZZ weismachen, dass der Brexit ein fundamentaler Fehler gewesen sei (NZZ 6. 6. 26). Seine These versucht er zu untermauern, indem er alle negativen Entwicklungen in Grossbritannien seit dem Brexit aufzählt: den Zerfall der Konservativen Partei, das Aufkommen von Farages Reformpartei, die zunehmende Bürokratie, die Verschlechterung der Staatsfinanzen, das schwache Wirtschaftswachstum, die Zuwanderung, die ungünstige Entwicklung des Freihandels, das Risiko einer Koalitionsregierung, die Stärkung der Unabhängigkeitsbewegung in Schottland und Irland und so weiter.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Aufzählung solcher Ereignisse schafft jedoch noch keine Kausalität. Die Analyse ist vergleichbar mit derjenigen der Kommunisten, die für alle schlechten Entwicklungen in der Gesellschaft und der Wirtschaft den Kapitalismus verantwortlich machen. Es reicht nicht aus, Ereignisse zu beobachten und sie dann diesem oder jenem ideologisch gewünschten Faktor zuzuschreiben.Hätte der Autor die Entwicklung in Deutschland und Frankreich seit dem Zeitpunkt des Brexits angeschaut, dann hätte er festgestellt, dass sich das Parteigefüge dort drastisch verschoben hat und die beiden Länder kaum mehr regierbar sind. Der deutsche Diplomat sollte sich auch mit den deutschen Unternehmern über die Entwicklung der Bürokratie in der EU oder mit den Leuten auf den deutschen und französischen Strassen über die Zuwanderung unterhalten.Wenn er sich dann auch noch über die Entwicklung der öffentlichen Finanzen in den beiden Ländern orientieren würde und den Zustand der Infrastruktur (Brücken, Strassen, Spitäler oder Eisenbahn) zur Kenntnis nähme, käme er, wenn er die gleiche Methodik wie bei seinem Artikel über den Brexit anwenden würde, zu dem Schluss, dass ein Austritt von Frankreich und Deutschland aus der EU unausweichlich ist, weil sonst der wirtschaftliche Absturz weiterginge. Es sind vor allem Politiker und schlechte Wissenschafter, die solche Schlussfolgerungen ziehen. Zu mehr Erkenntnis tragen solche oberflächlichen Analysen aber nicht bei.Dass der Autor dann noch schreibt, dass die Wähler, die für «leave» gestimmt hätten, nicht gewusst hätten, worauf sie sich einliessen (die Ablehnenden dagegen schon?), zeigt das elitäre Denken, das leider immer mehr überhandnimmt. Die Idee, dass nur eine Elite in der Lage sei, ein Land erfolgreich zu führen, und das Volk bei Abstimmungen überfordert sei, verbreitet sich immer mehr.Bei der Abstimmung über den Brexit ging es im Wesentlichen um die Frage, inwieweit ein Land seine politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen selbst bestimmen soll. Bei vielen Politikern, Eliten und Wirtschaftsführern herrscht – nicht nur in der EU – die irrige Meinung vor, dass eine europaweite Harmonisierung der Rahmenbedingungen für jedes Land von Vorteil sei.Das wäre richtig, wenn die Standortfaktoren überall die gleichen und die gesetzten Rahmenbedingungen perfekt wären. Weder das eine noch das andere trifft zu. Deshalb ist es wichtig, dass die Länder und ihre Regionen zum Ausgleich der Standortunterschiede einen möglichst grossen wirtschaftspolitischen Spielraum haben. Die EU-Politik geht in die entgegengesetzte Richtung. Als Folge verarmen und entleeren sich die standortschwachen Regionen, und die standortstarken Regionen quellen über.Die Möglichkeit, dass ein Land seine Rahmenbedingungen weitgehend selbst bestimmen kann, bedeutet nicht, dass seine Regierung die erfolgversprechendsten Wege wählt. Es bedeutet nur, dass letztlich die Bürger die verantwortlichen Politiker abwählen können und damit die Chance auf bessere Rahmenbedingungen besteht.Diesen Vorteil hat Grossbritannien nach dem Brexit zurückgewonnen. In Deutschland und Frankreich kann man zwar auch neue Regierungen wählen, doch die wirtschaftlichen und monetären Rahmenbedingungen werden dennoch weitgehend in Brüssel und bei der EZB festgelegt.Kurt Schiltknecht war Chefökonom der Schweizerischen Nationalbank und Professor für Ökonomie an der Universität Basel.Passend zum Artikel