GastkommentarWenn Gulliver schrumpft – der Brexit war das letzte Zucken Britanniens im Kampf gegen den Verlust der WeltmachtpositionVor zehn Jahren entschieden sich die Briten, aus der EU auszutreten. Man versprach sich davon, die Kontrolle über Wirtschaft, Bürokratie und Migration zurückzugewinnen. Die Bilanz des Brexits fällt schmerzlich aus. Er war ein nicht wiedergutzumachender Fehler.Rudolf G. Adam06.06.2026, 05.25 Uhr6 LeseminutenAm 23. Juni 2016 fand in Grossbritannien das Referendum über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union statt. Für einen EU-Austritt stimmten 51,9 Prozent der Wähler, für einen Verbleib in der EU 48,1 Prozent.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aus zehn Jahren Abstand lässt sich sagen: Der Brexit war ein Fehler. Er bleibt ein abschreckendes Beispiel, wie man eine Volksabstimmung unter keinen Umständen durchführen sollte. Er hat nicht den apokalyptischen Absturz ausgelöst, vor dem das «Remain»-Lager damals warnte, aber auch nicht eines der Versprechen erfüllt, von denen die «Leave»-Befürworter damals schwärmten.Der Brexit hätte die Konservative Partei einen und stärken sollen. Heute ist sie schwächer denn je, eine Spaltung wird wahrscheinlicher. Vierundzwanzig prominente Tories sind zu Farages Reform-Partei übergelaufen. Diese führt mit knapp 30 Prozent Zustimmung jede Meinungsumfrage an. Nigel Farage könnte der nächste Premierminister werden. Die Konservative Partei muss kämpfen, um nicht auf den vierten Platz abzugleiten.Die Bevölkerung des Landes ist zutiefst gespalten. Der Brexit hat das Verhältnis zur EU zu einem kontroversen Dauerthema gemacht. Er war eine Revolte, die die eigenen Kinder frisst.Wunsch und WirklichkeitDer Brexit hätte die Abhängigkeit von der EU reduzieren sollen. Zurückgegangen sind Exporte in die EU. Das Volumen der Importe ist fast gleich geblieben. Grossbritannien hat auf seinem nächstliegenden und kaufkraftstärksten Markt an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Zugleich hat der Brexit den Wettbewerbsdruck auf dem heimischen Markt reduziert und schützt so die strukturellen Defizite der britischen Wirtschaft.Der Brexit hätte die Bürokratie reduzieren sollen. Er hat sie nur von Brüssel ins eigene Land verlagert. Er hätte den Staatshaushalt entlasten und den Nationalen Gesundheitsdienst finanziell gesunden lassen sollen. Das Haushaltsdefizit ist seither rasant gewachsen, die öffentliche Verschuldung macht fast 100 Prozent des BIP aus. Der Gesundheitsdienst hat zu seinen chronischen Finanzproblemen ein gewaltiges Personalproblem hinzubekommen.Die Wähler, die für «leave» stimmten, wussten nicht, worauf sie sich einliessen.Der Brexit hätte die Migration eindämmen sollen. 2016 kamen etwa 300 000 Migranten ins Land. 2023 explodierte diese Zahl auf über 900 000. Inzwischen ist sie wieder auf 200 000 gesunken – immer noch weit entfernt von den Zielgrössen, die 2016 herumgeisterten. Verändert hat sich die Zusammensetzung der Migration: Dominierten bis 2020 noch Europäer, sind es heute überwiegend Menschen aus Pakistan, Indien und Nigeria.Die britischen Fischer konnten ihre Fänge von 650 000 Tonnen (2020) auf 720 000 Tonnen (2025) steigern. Diese Zahlen verbergen jedoch qualitative Verluste bei hochwertigen Speisefischen. Die Exportchancen der britischen maritimen Farmer sind geschrumpft.Der Brexit hat die Bevölkerung in zwei Gruppen gespalten, die einander mit geradezu religiöser Inbrunst bekämpfen. Sogar das Gespenst eines Bürgerkriegs wird beschworen. Eine nüchterne Analyse der Brexit-Folgen wird immer drängender, auch wenn externe Faktoren (Covid-19, Kriege in der Ukraine und Iran) verzerrend wirken.Der Brexit hätte das Tor zu globalem Freihandel aufstossen sollen. Der war damals bereits im Niedergang, die WTO nur noch ein Schatten ihrer selbst. Wirtschaftssanktionen waren verbreiteter als Freihandel. Trumps Zoll-Zorn verschonte auch Grossbritannien nicht. Neue Freihandelsabkommen sind ausgeblieben. Mit einigen Staaten hat man die Konditionen der alten EU-Verträge übernommen. Nur mit Indien wurde ein neues Handelsabkommen unterzeichnet. Mit den USA wurde der Economic Prosperity Deal abgeschlossen, der jedoch keinen Freihandel eröffnet. Mit China, das 2016 schlief, aber inzwischen erwacht ist, gibt es kein derartiges Abkommen.Freies Spiel für DemagogenDas traditionelle Zweiparteiensystem, dem die britische Demokratie Stabilität und Kontinuität verdankt, ist am Ende. Der Brexit hat die britische Verfassungsrealität verschoben. Künftig werden Koalitionsregierungen häufiger, der Druck, das bestehende Wahlrecht im Sinne stärkerer Proportionalität zu reformieren, wird steigen. Damit wäre das binäre Wechselspiel zwischen Regierung und Opposition dahin.Die jüngsten Lokal- und Regionalwahlen haben diesen Trend bestätigt: Farages Reform UK gewann doppelt so viele Sitze wie die Konservativen. Die Liberaldemokraten lagen vor den Tories. Die schottische Nationalpartei wurde fünfmal so stark wie die Tories. In Wales gewann Labour nur 9 von 98 Sitzen im Regionalparlament und liegt damit knapp vor den Tories (7 Sitze). Auch hier dominiert die walisische Nationalpartei Plaid Cymru (43 Sitze).Das Brexit-Referendum hätte die Einheit des Vereinigten Königreichs festigen sollen. Gestärkt wurden separatistische Kräfte. In Belfast ist Sinn Fein stärkste Partei und fordert den Anschluss an die Republik Irland. Der scheint mittelfristig realistisch. Die Unabhängigkeitsbestrebungen Schottlands werden stärker. Die schottischen Abgeordneten könnten in einem zersplitterten Parlament ein einflussreicher und umworbener Koalitionspartner werden. Selbst in Wales werden Rufe nach mehr Autonomie laut. Die Reform-Partei ist letztlich eine Nationalpartei Englands.Fehler und Versäumnisse haben das Brexit-Referendum von Anfang an belastet. Am schwerwiegendsten waren die Unklarheit, wohin der Brexit führen sollte, und das Zugeständnis von Premierminister Cameron, seinen Kabinettskollegen die Positionierung in der Kampagne freizustellen. Cameron hatte die EU für dringend reformbedürftig erklärt. Nachdem seine Verhandlungen ein substanzloses Ergebnis geliefert hatten – die Presse spottete: «Der Premierminister forderte ein Brot, bettelte um einen Kanten und kam heim mit Krümeln» –, musste er die EU, die er eben noch madig gemacht hatte, als Zukunftshoffnung preisen.Die Wähler, die am 23. Juni für «leave» stimmten, wussten nicht, worauf sie sich einliessen. Der Streit darüber, wohin man eigentlich wollte – die Optionen reichten vom Norwegen-Modell bis zu einem «no deal» –, setzte erst nach der Abstimmung ein. Das gab Demagogen auf beiden Seiten freies Spiel, die Wähler mit überzogenen Versprechungen bzw. Warnungen zu umgarnen.Cameron verlor die Kontrolle über die Entwicklung. Er verbot, Eventualpläne für einen negativen Ausgang des Referendums zu erarbeiten. Es gab keine Klarheit, wie Verhandlungen mit der EU zu führen seien, es gab keine Prioritätenliste der Verhandlungsziele. Unterdessen war die EU bestens vorbereitet. In Brüssel weiss man, wie Verfahrensfragen Ergebnisse prädestinieren können.Der Brexit kam zur Unzeit. Die Abstimmenden gingen davon aus, dass das globale Umfeld gleich bleiben würde. Sie glaubten noch an Freihandel, als dessen Ende absehbar war. Sie glaubten an die «special relationship» mit den USA. Dass ein amerikanischer Präsident Grossbritannien rüde anfahren könnte, konnte sich damals niemand vorstellen.Keir Starmer sucht sich der EU in praktischen Trippelschritten wieder anzunähern, ohne den Brexit selbst infrage zu stellen. Sein Land spürt, dass ökonomische Tatsachen ebenso schmerzhafte Abhängigkeiten bedeuten können wie juristische.Aussichten auf den AbstiegNur ein erneutes Referendum könnte das Brexit-Referendum aus der Welt schaffen. Eine Mehrheit der Briten scheint den Brexit heute für einen Fehler zu halten. Aber niemand will die Unwägbarkeiten einer neuen Kampagne riskieren.Wäre die EU überhaupt bereit, ein «reuiges Grossbritannien» wieder aufzunehmen? Zu welchen Bedingungen? Die EU wird Grossbritannien nicht mehr die gleichen Privilegien zubilligen, die es sich unter Thatcher, Major und Cameron erstritten hatte. Sollten die Beitrittskandidaten (darunter: Albanien, Georgien, die Moldau, Serbien und die Ukraine) EU-Mitglieder werden, dürfte das Interesse Grossbritanniens gering sein, einer derart nach Osten erweiterten EU beizutreten.Die Folgen werden auf Jahre hinaus nachwirken. Der wirtschaftliche und politische Abstieg des Vereinigten Königreichs setzt sich fort. Das Land hat durch törichte Äusserungen prominenter Politiker Ansehen und Respekt verloren.Der Ukraine-Krieg zwingt den Kontinent und das Vereinigte Königreich zu einer eng abgestimmten Sicherheitsstrategie. Ein in seiner Sicherheit autarkes Europa ist nicht ohne das Potenzial und die geopolitische Lage Grossbritanniens vorstellbar.Der Brexit hat gezeigt, dass Volksabstimmungen ein schwer handhabbares Instrument sind, das niemals leichtfertig und schon gar nicht aus parteitaktischen Gründen eingesetzt werden sollte. Wer das Volk zur Abstimmung aufruft, muss es zuvor umfassend über Alternativen aufklären und auf Folgen und Unwägbarkeiten hinweisen. Die Schotten hatten ein Jahr vor ihrem Referendum ein Weissbuch veröffentlicht, in dem die Folgen einer Unabhängigkeit minuziös beschrieben wurden.David Cameron stolperte zwei Jahre später ohne jegliche Vorbereitung in sein Referendum. Er ermöglichte seinem Land, einen Sprung ins Ungewisse zu wagen, ohne die geringste Ahnung zu haben, wohin die Reise gehen könnte. Damit gab er das Feld frei für Agitatoren, die diese Ungewissheit mit sirenenhaften Zukunftsphantasien füllten. Sie appellierten an nostalgische Wunschvorstellungen einer Rückkehr zu den Zeiten, als Britannia die Wellen beherrschte und den Welthandel und die globale Politik bestimmte. Wie Gulliver werde das Land sich wieder zu alter Grösse erheben, sobald es die Fesseln der Brüsseler Gnomen abgestreift habe, tönten die «Leave»-Befürworter. Der Brexit war das letzte Zucken im Kampf gegen den Verlust der Weltmachtposition.Rudolf G. Adam war Leiter der deutschen Botschaft in London. Er hat zwei Bücher über den Brexit verfasst.Passend zum Artikel
Der Brexit war das letzte Zucken im Kampf gegen den Verlust der Weltmachtposition
Vor zehn Jahren entschieden sich die Briten, aus der EU auszutreten. Man versprach sich davon, die Kontrolle über Wirtschaft, Bürokratie und Migration zurückzugewinnen. Die Bilanz des Brexits fällt schmerzlich aus. Er war ein nicht wiedergutzumachender Fehler.







