Houston, wir hatten ein Problem: Cristiano Ronaldo beendet mit historischen Toren vorerst alle Rentendebatten«I'm back», triumphiert der 41-Jährige nach seiner Gala gegen Usbekistan und widerlegt Berichte über Unstimmigkeiten in Portugals Team. Nur das M-Wort mag er partout nicht hören.Florian Haupt. Barcelona24.06.2026, 03.04 Uhr5 LeseminutenCristiano Ronaldo nach dem Spiel gegen Usbekistan.Phil Noble / ReutersHouston, wir haben ein Problem: Der berühmte Satz aus Apollo 13 war in den letzten Tagen in der Presse häufig zu lesen. Er passte ja auch zu gut, wo Portugal doch seine ersten beiden WM-Spiele in der texanischen Metropole auszutragen hatte, an die einst der Funkspruch aus dem Weltall erging. Und wo die Fussballgottheit Cristiano Ronaldo dort aus dem Himmel der Stars zu stürzen drohte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dabei will Portugal an dieser WM eine Art Mission Messi 2.0 machen – also wie die Argentinier vor vier Jahren eine Weltmeisterschaft mit und dank der nationalen Ikone gewinnen. «Nicht nur für Portugal, sondern auch für alles, was Cristiano dem Fussball und der Welt gegeben hat» strebe man den Titel an, erklärte im Vorfeld etwa Bruno Fernandes, einer aus dem hochkarätigen Mittelfeld der «Seleção».Das klang grossartig, doch dann kam ein missratener Auftakt mit einem 1:1 gegen Kongo-Kinshasa, einer rostigen Darbietung des 41-jährigen Ronaldo und allerlei Debatten über das Verhältnis zwischen dem alten Granden und der nächsten Generation. Ronaldos Verdienste seien unbestritten, aber alle Seiten wüssten, dass es nicht mehr wie früher sei, wurde João Neves zitiert, ein weiterer Spielmacher: «Er ist einfach nur ein Spieler wie jeder andere, der hier ist, um seinen Beitrag zu leisten.»Auch die Mehrheit der Experten forderte ein Ende der Vorzugsbehandlung des Captains, insbesondere jenes schon bei der EM vor zwei Jahren bestaunten Privilegs, auch an schlechten Tagen nie ausgewechselt zu werden. Derweil zog die Armee bedingungsloser Fantrolls von Ronaldo los und spamte die Social-Media-Accounts von portugiesischen Nationalspielern voll, die ihrem Idol vermeintlich nicht ergeben genug zuarbeiten. Ronaldos Entourage beteiligte sich höchstselbst an der Kampagne, so wie Schwester Katia – sie likte einen Beitrag, in dem Fernandes kritisiert wurde.Die Alarmglocken standen daher auf Rot in Houston, der Vizechef des Sportblatts «Récord» warnte gar vor der «Gefahr eines Bürgerkriegs im Team». Aber mindestens in Portugal dürfte so schnell niemand mehr die Erweiterung der WM auf 48 Mannschaften kritisieren: Denn wo es Gegner wie den Turnierneuling Usbekistan gibt, da lässt sich noch jede Krise mit einem Torfestival wegschiessen. 5:0 siegte ein entschlossenes Portugal gegen bereitwillig offen verteidigende Asiaten.Ronaldo war dabei unbestritten der Mann des Spiels. Nach einer schwarzen Serie von zehn torlosen EM- und WM-Matches erledigte er alle Debatten mit zwei blitzsauberen Treffern zum 1:0 und 3:0 sowie einer selbstlosen Camouflage vor dem 2:0. Oder mindestens vertagt er die Diskussionen. Wie sein historischer Dauerrivale Lionel Messi (fünf Tore in zwei Matches) sowie die neueren Herausforderer Kylian Mbappé und Erling Haaland (jeweils vier) hat nun auch dieser Star dem Turnier seinen Stempel verpasst.«I’m back!» brüllte er nach dem Schlusspfiff in eine Kamera. «Damit man es nicht vergisst», begründete er später den verbalen Ausbruch.Die Erlösung begann schon in der sechsten Minute, als Ronaldo per wuchtiger Direktabnahme eine Flanke von Rechtsverteidiger João Cancelo ins Netz beförderte. Es war ein in vielerlei Hinsicht historisches Tor, denn es machte ihn zum ältesten Spieler mit einem WM-Treffer wie zum ersten, der in sechs verschiedenen Endrunden zum Erfolg gekommen ist. Ronaldo lief in der ersten Reaktion euphorisch auf die Ersatzbank zu, um mit dem Team zu feiern. Eine Demonstration von Geschlossenheit. Erst dann brachte er seinen Markenzeichen-Drehsprung samt «Siuuuu»-Schrei zur Aufführung, akustisch begleitet von einem entzückten Publikum.Die wohl erstaunlichste und sicherlich innovativste Szene ereignete sich aber zehn Minuten später. Es gab Freistoss für Portugal in Strafraumnähe. Ronaldo mass seine Schrittfolge ab, stellte sich breitbeinig auf, prustete tief durch – sein ganzes Ritual, man kennt das ja. Enerviert quittierte er, wie Korrekturen des Schiedsrichters an der usbekischen Mauer die Auszögerung weiter verzögerten.Ronaldos Obsession mit Freistössen ist so legendär wie es sein Anspruch war, sie immer und aus jeder Lage selbst zu schiessen. Ronaldo würde also den Ball mit rechts über die Mauer ins rechte Eck zu heben versuchen, er lief an – doch dann stoppte er plötzlich ab. Die Ausführung übernahm Linksfuss Nuno Mendes, der den Torwart mit einer unerwarteten Schussbahn flach links unten zum 2:0 überrumpelte.Es war einer von mehreren gewieften Standards der Portugiesen an diesem Tag; mit dem Schotten Austin MacPhee, im Kluballtag bei Aston Villa in England beschäftigt, haben sie einen renommierten Spezialtrainer für solche Spielsituationen im Stab.Ronaldo adelte die ungewohnte Geste des Verzichts nicht weniger als sein bald folgendes Tor zum 3:0. Mit wiederhergestelltem Selbstbewusstsein vollstreckte er einen Konter aus schwierigem Winkel zum 3:0. Damit war auch der nächste historische Auftrag erledigt. Nach seinem zehnten WM-Treffer ist Portugals Rekordtorschütze (145 Tore) nun der Landesbeste auch bei WMs, vor dem mythischen Eusébio (der allerdings für seine neun Tore nur ein Turnier benötigte, 1966).Die Woche sei hart gewesen, so Ronaldo in seinen Interviews, «wir haben ordentlich drauf bekommen, vor allem ich und der Trainer». Aber das sei er ja gewohnt. «Es schien, als wäre ich schon in Rente. Aber wie immer habe ich durchgehalten.»Nur einen Namen mag der neue Altersrekordhalter auch mit 41 Jahren nicht allzu oft hören: Bei der ersten Frage nach Messi und der Möglichkeit eines Aufeinandertreffens später im Turnier antwortete Ronaldo kurz, das wäre «top». Als das M-Wort zum zweiten Mal fiel, schnitt er dem Fragesteller das Wort ab und reichte es an einen anderen Kollegen weiter.Ronaldo, das macht auch diese Episode klar, ist im verschärften Wettkampfmodus. Kritiker wie Thierry Henry und Zlatan Ibrahimovic, die ihm eine teamschädigende Interpretation der Mittelstürmerrolle vorhielten, sind fürs erste widerlegt. Aufmüpfige Gegner wie Kongos Mukau («Wir wissen, dass Ronaldo nicht mehr derselbe ist«) werden vielleicht wieder vorsichtiger. Mit Kolumbien folgt nun zwar ein Rivale, der aufzeigen kann, was Portugals Leistungssteigerung gegen Aussenseiter Usbekistan wert war. Doch fürs erste lässt sich Ronaldos Verdikt über die hochtalentierte Seleção schwer widersprechen: «Wenn wir so spielen, ist es sehr schwer, Portugal zu stoppen».Der Film Apollo 13 hat das Originalzitat aus dem Funkverkehr der gleichnamigen Weltraummission damals übrigens abgewandelt. Eigentlich hiess es: Houston, wir hatten ein Problem.Passend zum Artikel