Der andere BlickNicht reden, sondern umsetzen: Die Rentenreform liefert die Chance, die Stimmung im Land zu drehenDie Gremium hat geliefert, woran Vorgängerregierungen jahrzehntelang gescheitert sind. Kanzler Friedrich Merz könnte sich nun als echter Reformer profilieren – wenn er die nötige Durchsetzungskraft besitzt.23.06.2026, 17.50 Uhr4 LeseminutenDie Zeit drängt. Es kommt jetzt auf Bundeskanzler Friedrich Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas an.Andreas Gora / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Susann Kreutzmann, Redaktorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bundeskanzler Friedrich Merz gab sich entschlossen, als die Rentenkommission der Bundesregierung an diesem Dienstag ihre Reformvorschläge übergab. «Scheitern ist keine Option», sagte er. Damit gab der Christlichdemokrat nicht nur ein Versprechen ab, er setzte den Massstab.Denn die zehn Experten und drei Bundestagsabgeordneten haben trotz unterschiedlicher politischer Ausrichtung ein einstimmig beschlossenes Gesamtkonzept überreicht. Die Bundesregierung muss es dem Gremium jetzt gleichtun. Alles andere wäre nicht nur eine Versündigung an den Beitragszahlern und künftigen Rentnern. Die Regierung würde damit auch ihre letzte noch verbliebene Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen.Die Kommission hat geliefert, woran Vorgängerregierungen jahrzehntelang scheiterten. Über ideologische Gräben hinweg hat sie sich von der dringenden Reformnotwendigkeit leiten lassen und politisch machbare Vorschläge erarbeitet. Das ist weit mehr, als zu erwarten war.Die Einsetzung der Kommission stand eigentlich unter schlechten Vorzeichen. Gerade hatte sich die schwarz-rote Koalition im Rentenstreit dermassen verhakt, dass Kanzler Merz sogar mit der Vertrauensfrage drohen musste. Vielen galt die Rentenkommission daher bloss als Beruhigungspille für die Rentenrebellen aus der Unionsfraktion. Man genehmigte den Rentnern steigende Bezüge und setzte eine Kommission ein, die alle beruhigen sollte.Merz kann sich als Reformkanzler beweisenDoch das Gremium befreite sich aus dem kurzfristigen politisch geprägten Denken und nahm das gesamte Rentensystem in den Blick. Es hat auch seine Zumutungen gerecht verteilt. Die SPD muss das Ende der Frühverrentung hinnehmen. Die Union muss sich mit dem Ende der Sonderstellung von Abgeordneten, Selbständigen und Beamten abfinden, die nach dem Willen der Kommission perspektivisch ebenfalls in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen sollen.So entstand das, was Arbeitsministerin Bärbel Bas etwas pathetisch ein «Gesamtkunstwerk» nannte. Es ermutigt, dass sie vor einer Rosinenpickerei gewarnt hat. Denn es waren ja bisher die Sozialdemokraten, die im Rentenstreit jegliche Kompromissbereitschaft vermissen liessen.Die Rentenreform birgt jedoch weit grösseres Potenzial: Merz kann sich nun als echter Reformkanzler profilieren und die getrübte Stimmung im Land drehen. Es könnte sein politischer Befreiungsschlag werden. Dafür muss er jetzt Durchsetzungskraft beweisen und zügig einen konkreten Zeitplan für die Umsetzung vorlegen.Und auch die vielen Kritiker, allen voran die Gewerkschaften, sollten sich mässigen. Die Chancen, eine wirkliche Reform zur Stabilisierung der gesetzlichen Renten auf den Weg zu bringen, stehen so gut wie lange nicht mehr.An der Aktienrente führt kein Weg vorbeiEs geht aber auch darum, den Menschen die Wahrheit zu sagen. Schon jetzt ist absehbar, dass der Rentenbeitrag steigen wird. Das ist in erster Linie die Quittung für jahrzehntelange politische Tatenlosigkeit. Deshalb ist es umso wichtiger, deutlich zu machen, dass an einer kapitalgedeckten Komponente kein Weg vorbeiführt.Es ist ebenso wichtig, auszusprechen, dass sich die Renditeerwartungen erst nach einer langen Übergangsphase positiv niederschlagen. In dieser Zwischenzeit werden die Beitragszahler zunächst höher belastet. Sie erhalten dafür im Gegenzug aber eine aussichtsreiche Perspektive.Die verpflichtende Aktienrente hat das Potenzial, Deutschlands Rentenpolitik grundlegend zu verändern. Denn sie geht weiter als alle bisherigen Vorschläge. Private Vorsorge wurde bislang als dritte Säule nach der gesetzlichen und der betrieblichen Vorsorge definiert. Jetzt soll sie als Teil in die gesetzliche Rentenversicherung aufgenommen werden. Das wäre der grösste Gewinn dieser Reform.Um sich dieser durchaus historischen Dimension bewusst zu werden, sei an Bundeskanzler Gerhard Schröder erinnert. Der Sozialdemokrat wollte den Bundesbürgern die private Vorsorge mit der sogenannten Riester-Rente, benannt nach seinem Arbeitsminister Walter Riester, schmackhaft machen.Bundesregierung darf sich keine Zeit lassenUrsprünglich sollte diese 2002 eingeführte staatlich geförderte Vorsorge verpflichtend sein. Doch nach einem öffentlichen Aufschrei wurde das richtige Ansinnen zu einer freiwilligen, bürokratisch überfrachteten Zusatzversicherung verstümmelt, die die Regierung jetzt auslaufen lässt.Vor etwa acht Jahren gab es dann unter Angela Merkel einen neuen Aufschlag. Sie setzte eine Rentenkommission ein, die unter dem Etikett «Kommission Verlässlicher Generationenvertrag» firmierte. Das ging nicht gut aus: Das mit Wissenschaftern und Verbandsvertretern besetzte Gremium zerstritt sich. Das Ergebnis enttäuschte. Umgesetzt wurden die Vorschläge nie.Nach all diesen Rückschlägen sind die jetzt einig vorgelegten Reformvorschläge umso bemerkenswerter. Das Zeitfenster ist knapp. Jetzt muss der von Kanzler Merz ausgerufene Herbst der Reformen kommen. Sollte das gelingen, wird es auch keine Rolle mehr spielen, dass er sich um ein Jahr verspätet hat.Passend zum Artikel