Personen mit niedrigen Einkommen gehen häufiger zum Arzt – einen grossen Teil davon bezahlen die ReichenIn der Schweiz beziehen Arme deutlich mehr Gesundheitsleistungen als Reiche. Das zeigt eine Helsana-Studie anhand der Daten von rund einer Million Versicherten. Im Gesundheitswesen wird viel umverteilt.23.06.2026, 16.47 Uhr3 LeseminutenWer zum Arzt geht, hängt auch vom Einkommen ab.Gaëtan Bally / KeystoneGesundheit ist keine Laune des Schicksals. Vielmehr hängt sie stark mit dem Einkommen zusammen. Das belegt eine gross angelegte Studie des Krankenversicherers Helsana. In seinem Auftrag haben die Forscher Stefan Felder, Stefan Meyer und Kurt Schmidheiny von der Universität Basel Gesundheitsdaten von rund einer Million Helsana-Versicherten ausgewertet. Diese wurden anonymisiert verknüpft mit amtlichen Daten zur Einkommenssituation.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Arme öfter depressivLaut der Studie verursachen Personen mit niedrigen Einkommen deutlich höhere Gesundheitskosten. Sie haben häufiger chronische Krankheiten als Reiche, gehen häufiger zum Arzt und bleiben länger im Spital. Die Unterschiede sind gross. So ist etwa bei Depressionen der Anteil in der tiefsten Einkommenskategorie rund dreimal so hoch wie in der höchsten. Er beträgt rund 9 Prozent gegenüber 3 Prozent.Die Unterschiede liegen allerdings nicht allein daran, dass ärmere Personen an sich einen schlechteren Gesundheitszustand haben. Selbst wenn man gesundheitliche Voraussetzungen herausfiltert – was die Studie anhand von Daten aus dem Risikoausgleich macht –, verursachen einkommensschwache Personen höhere Kosten. Laut den Resultaten sind es bei der tiefsten Einkommenskategorie rund 4760 Franken pro Person und Jahr, gegenüber 3275 Franken in der höchsten Einkommenskategorie.Diese Differenzen sind schwer erklärbar, wie die Studienautoren einräumen. Hinter dem Einkommen dürften sich andere Faktoren verbergen, wie Unterschiede in der Gesundheitskompetenz oder in der Informiertheit der Menschen. Ein Beispiel dafür ist, dass Ärmere deutlich seltener Vorsorgeangebote nutzen, selbst wenn diese gratis sind wie in manchen Kantonen. So stellt die Studie fest, dass Personen mit geringem Einkommen seltener eine Darmspiegelung zur Früherkennung von Darmkrebs machen lassen. Das kann später zu grösseren gesundheitlichen Problemen führen.Forderung nach Erhöhung der MindestfranchiseDie Helsana fordert auf Basis der Studie, dass die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung gefördert wird. Eine Gesetzesanpassung erlaubt es den Krankenkassen ab dem 1. Juli, ihre Versicherten direkt anzuschreiben und sie beispielsweise auf eine Darmspiegelung aufmerksam zu machen.Die Helsana spricht sich auch dafür aus, die Mindestfranchise von derzeit 300 Franken zu erhöhen. Der Bundesrat hat im März eine solche Vorlage in die Vernehmlassung geschickt. Unter den Personen mit niedrigen Einkommen haben laut der Studie besonders viele die Mindestfranchise von 300 Franken. Viele dieser Personen erhalten ohnehin eine Prämienverbilligung und müssen daher die höheren Monatsprämien, die eine 300-Franken-Franchise mit sich bringt, nicht selbst bezahlen. Hinzu kommt: Ist die Franchise von 300 Franken einmal überschritten, gibt es für sie kaum mehr einen Anreiz, auf einen Arztbesuch zu verzichten.Starke UmverteilungDie Studie verdeutlicht, dass im Schweizer Gesundheitswesen relativ viel umverteilt wird. Erstmals wird auf einer so breiten Datenbasis sichtbar, dass die Allgemeinheit für einkommensschwache Personen pro Kopf deutlich mehr ausgibt als für reichere.Ähnliches hat ein Monitoringbericht zu den Prämienverbilligungen im Auftrag des Bundes festgestellt. Laut dem Bericht beziehen einkommensschwache Personen deutlich mehr Leistungen aus dem Gesundheitswesen, als sie selbst über Prämien, Kostenbeteiligungen und Steuern bezahlen. Bei den ärmsten 10 Prozent beträgt der Positivsaldo im Durchschnitt 5200 Franken pro Person und Jahr.Die reichsten Personen zahlen hingegen vor allem über die Steuern markant mehr in das Gesundheitswesen ein, als sie selbst an Leistungen beziehen. Bei den reichsten 3 Prozent beträgt der Negativsaldo im Durchschnitt 10 300 Franken. Das Schweizer Gesundheitssystem verteilt also relativ stark von reicheren zu ärmeren Haushalten um.Passend zum Artikel