PfadnavigationHomeGeschichteArchäologieEffektives Fluchen will gelernt sein – das galt schon in der AntikeVon Antonia KleikampStand: 14:18 UhrLesedauer: 4 MinutenAusgrabungen in Heerlen 1940. Hier waren zufällig römische Thermenanlagen gefunden wordenQuelle: Collectie Spaarnestad/Nationaal Archief/Wikipedia/Public DomainForscher der Universität Heidelberg haben eine Fluch-Tafel entziffert, die im niederländischen Heerlen gefunden wurde. Sie gewährt einen Blick auf eine ganz spezielle Facette antiker Religiosität.Groß ist das Fundstück wahrlich nicht: Es misst nur 9,3 mal 4,8 Zentimeter – weniger als die Hälfte einer Tafel Schokolade. Einige Buchstaben sowie weitere Zeichen sind hineingeritzt, lassen sich allerdings mit bloßem Auge nicht entziffern. Gefunden wurde es bei Ausgrabungen auf dem Rathausplatz des niederländischen Heerlen (in der Antike einer Militärsiedlung namens Coriovallum) an der römischen Straße von Köln (Colonia Claudia Ara Agrippinensium) nach Maastricht (Mosa Traiectum).Jetzt, knapp 1900 Jahre nachdem die kleine Bleiplatte im zweiten nachchristlichen Jahrhundert verscharrt wurde, haben Rodney Ast und seine Kollegen vom Institut für Ägyptologie der Universität Heidelberg die Inschrift gedeutet. Es handelt sich um eine antike Fluch-Tafel, defixio auf Lateinisch genannt und katadesmos auf Griechisch. Auf ihnen wurden oft in geheimnisvollen Schriften bösartige Mächte beschworen, die Gegnern Kraft, Mut und Verstand nehmen sollten.Entziffern konnten die Heidelberger Forscher drei Gruppen von Schriftzeichen: Erstens eine altgriechisch geschriebene Anrufung verschiedener Gottheiten und Dämonen, allerdings im ägyptischen Stil; das ist ungewöhnlich, denn die meisten nördlich der Alpen gefundenen antiken Fluch-Tafeln sind auf Latein verfasst.Zweitens drei magische Symbole, „Characteres“ genannt. Laut Rodney Ast dienten sie wohl dazu, die gewünschte Botschaft an übernatürliche Mächte zu übermitteln. Denn Fluch-Tafeln dienten dazu, mittels geheimnisvoller Botschaften bösartige Mächte zu beschwören, Gegnern im Sport oder Beruf, gern auch persönlichen Feinden, ihre Kraft, ihren Mut oder ihren Verstand zu nehmen.Schließlich finden sich auf der jetzt entschlüsselten Tafel drittens die Namen von zwei Männern und zwei Frauen, die als Mitsklaven bezeichnet werden. „Die Tafel diente entweder als Fluch gegen diese vier Sklaven oder als Fluch in ihrem Namen gegen eine ungenannte Person“, so der Heidelberger Forscher. Die beiden genannten Männer tragen lateinische Namen, die beiden Frauen griechische Namen. Lesen Sie auch„Es ist nicht auszuschließen, dass eine der beiden Frauen die Verfasserin der Inschrift war und die vermeintliche Fähigkeit, über solche Flüche mit göttlichen Mächten zu kommunizieren, aus dem römischen Ägypten mitgebracht hatte“, erklärt Julia Lougovaya, Mitarbeiterin am Heidelberger Institut für Papyrologie.Lesen Sie auchJedenfalls soll es laut Plinius dem Älteren zu seiner Zeit, also im ersten nachchristlichen Jahrhundert, niemanden gegeben haben, der „sich nicht davor fürchtete, Opfer eines Fluches zu werden“. Die bisher gefundenen insgesamt rund 1600 Fluchtafeln aus der griechisch-römischen Antike bestätigen zumindest, dass jede soziale Gruppe von derartigen Verwünschungen getroffen werden konnte. Lesen Sie auch„Jedem antiken Menschen war es möglich, jeden seiner Mitmenschen auch schichtenübergreifend mit Hilfe von Fluch-Tafeln zu verwünschen“, schreibt die Althistorikerin Anna Bohlen in ihrer Doktorarbeit. „Dies bedeutet, dass auch Menschen niedriger sozialer Herkunft mit den Täfelchen zumindest auf magisch-religiöser Ebene ein Instrument zur Schädigung höhergestellter Menschen in der Hand hatten.“Dass dabei häufig Blei als Medium zum Einsatz kam, hatte ebenfalls einen magischen Grund: Dieses wegen seiner hohen Wärme(ab)leitfähigkeit stets kalte Material wurde mit dem dunklen griechischen Gott Kronos in Verbindung gebracht. Von seinem Sohn Zeus gestürzt, galt er als idealer Vermittler zu den Mächten der kalten Unterwelt, die am ehesten in der Lage schienen, Flüche in der Menschenwelt umzusetzen. Überdies ermöglichte das relativ weiche Material Blei, auf kleinem Raum eine große Zahl von Zeichen unterzubringen. Untersucht wurde die Tafel am Institut für Papyrologie mithilfe des Reflectance Transformation Imaging (RTI). Diese erst seit 2001 verfügbare Technik ist eine computergestützte Fotografiermethode, bei der eingeritzte Texte aus verschiedenen Perspektiven ausgeleuchtet und mit unterschiedlichen Filtern aufgenommen werden. Aus den so entstandenen Bilddateien erstellt der Computer ein virtuelles Bild, das selbst kleinste Unterschiede der Oberflächen erkennbar und damit lesbar macht.Die Fluch-Tafel soll künftig im Römischen Museum Heerlen ausgestellt werden, dessen Neueröffnung nach kompletter Umgestaltung für 2028 geplant ist. Es umfasst die Thermen von Coriovallum sowie zahlreiche weitere Funde. Außerdem wird die Entzifferung wissenschaftlich publiziert und steht damit der Forschung für weitere Untersuchungen zur Verfügung.MIt KNA / sfk