An der Wiesbadener Goldgasse war bis Mitte der Fünfzigerjahre einer der bedeutendsten Designer des 20. Jahrhunderts anzutreffen, Christian Dell. Er hatte dort 1948 ein Geschäft für „Gerätekunst und Schmuck“ eröffnet. Der internationale Ruf des 1893 in Offenbach geborenen Dell wurde lange zuvor begründet. Grundlage war eine Ausbildung zum Silberschmied in Hanau zwischen 1907 und 1912. Seine Arbeit als Werkmeister der Metallklasse des Bauhauses in Weimar, später als Leiter der Metallklasse der Frankfurter Kunstschule und schließlich seine Tätigkeit für die „Leuchtenfabrik Gebr. Kaiser“ lassen ihn zu einer der prägenden Figuren des modernen Designs überhaupt werden.Der am ehesten auch nicht designaffinen Menschen bekannte Entwurf Dells dürfte die „Kommissarleuchte“ sein, die aus Dells Zusammenarbeit mit Kaiser hervorging. Die Leuchte mit der Modellbezeichnung „Kaiser-Idell 6631“ war über Jahrzehnte in Büros und auch auf den Schreibtischen mancher Film- und Fernseh-Ermittler zu sehen. Letzteres führte zum Spitznamen des Modells 6631. Im Katalog der Kaiser Idell-Arbeitslampen von 1936/1937 ist die Leuchte mit einem Preis von 24 Reichsmark gelistet. Das Modell wurde von Kaiser bis 1980 gefertigt. Heute stellt die dänische Lampenfabrik Fritz Hansen den Designklassiker in Lizenz noch immer her. Der Preis liegt zwischen 600 und 700 Euro.Die Weinkanne aus Neusilber und Ebenholz gilt als eines seiner bekanntesten Werke abseits der Leuchten.Frank RöthDiese und etliche weitere Arbeiten aus verschiedenen Schaffensperioden Dells von Leuchten, Silberwaren bis zu damals innovativem Geschirr aus Kunststoff hat Kuratorin Vera Klewitz von der Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden zu der Sonderausstellung „Christian Dell — von der Silberkanne zur Goldgasse“ im Stadtmuseum zusammengestellt. Die Exponate sind noch bis zum 15. November dieses Jahres im Stadtmuseum zu sehen. Anhand dieser Arbeiten lässt sich Dells Entwicklung als Gestalter genau nachvollziehen.„Form folgt der Funktion“Die Gestalt von Dells Leuchten orientiert sich an der berühmten Kernbotschaft des Bauhauses „Die Form folgt der Funktion“. Das Design eines Objekts bestimmt sich vor allem durch seinen Nutzen und seine Funktion in der Praxis. Wichtig war auch, Dinge wie Arbeitsleuchten nicht nur funktional und robust zu gestalten. Sie sollten auch industriell in großen Stückzahlen gefertigt werden können — zu bezahlbaren Preisen.Vera Klewitz hat die Sonderausstellung am Markt kuratiert und ist Mitautorin des wissenschaftlichen Begleitbuches.Frank RöthDie Arbeitslampen in Zusammenarbeit mit Kaiser sind zwar zwangsläufig die am weitesten verbreiteten Entwürfe Dells. Dennoch begründen gerade die Silberarbeiten aus seiner Hanauer Zeit und den darauffolgenden Jahren in Weimar seinen Ruf als einer der vielseitigsten Gestalter der Moderne. So gehört zu den im Wiesbadener Museum ausgestellten Stücken eine Weinkanne aus dem Jahr 1922. Sie zählt zu den bekanntesten Werken Dells abseits der Leuchten und markiert seine Abkehr von den „gefälligeren Formen des Jugendstils“, wie Christianne Weber-Stöber, langjährige Leiterin des Deutschen Goldschmiedehauses in Hanau, in einem Beitrag zum wissenschaftlichen Begleitbuch der Ausstellung schreibt.Die schmucklose Kanne spielt mit Dreieck, Kreis und Kugel. In dieser Arbeit greift Dell Weber-Stöber zufolge bereits deutlich die Formensprache des Weimarer Bauhauses auf. Dort wird Dell denn auch zum Sommersemester 1922 als Werkmeister der Metallklasse in Weimar angenommen. Zu den Schülerinnen und Schülern in Weimar gehören unter anderem Wilhelm Wagenfeld und Marianne Brandt, von beiden sind in der Ausstellung ebenfalls Werke zu sehen. Deren Namen werden im Zusammenhang mit wegweisendem Design heute oft eher genannt als der Name ihres Lehrers.Neustart mit dem „Neuen Frankfurt“ Ernst MaysVon 1926 bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 hatte Dell die Leitung der Metallklasse der Frankfurter Kunstschule (Städelschule) inne. Dell war 1925 nicht mit dem Bauhaus von Weimar nach Dessau gezogen. Nach jüngsten Erkenntnissen entschied er sich wohl dagegen, weil seine aus Wiesbaden stammende Frau Helene Wenzlau wieder in die Nähe ihrer Heimatstadt ziehen wollte.Aber Dell traf auch in Frankfurt auf eine moderne Reformbewegung, die unter der Überschrift „Neues Frankfurt“ eine neue Architektur und ein neues Design realisieren wollte, auch für Menschen mit geringerem Einkommen. Federführend hierbei war Stadtbaurat Ernst May. Ein Plakat aus dem Jahr 1929 warb für eine Ausstellung in Frankfurt mit dem Slogan „Die Wohnung für das Existenzminimum“.Spektakulär: Das Wein-Service von Dell aus Silber und Elfenbein um 1928.Frank RöthAuch in der Frankfurter Zeit entstehen feinste Silberwaren in der Formensprache des Bauhauses, etwa die berühmte Weinkanne mit Bechern von 1928. Für die Heilig-Geist-Kirche in Frankfurt-Riederwald entwarf Dell sechs Leuchter. Da die Kunstschule aber mit der Ausstattung einer Mustersiedlung des „Neuen Frankfurt“ beauftragt worden war, konzentrierte sich Dell mit seiner Metallklasse bald ganz darauf, mechanisch gleichermaßen flexible wie robuste Arbeitsleuchten mit maximaler Lichtausbeute zu entwickeln. Als Bestandteil dieser Reformbewegung erlangten Dells Leuchten auch international große Beachtung.Gleichschaltung: Dells Arbeitsvertrag in Frankfurt wird gekündigtIm Zuge der Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten wurde die Frankfurter Kunstschule aber dann schrittweise zerschlagen. Das avantgardistische Profil sollte verschwinden. Lehrer wie Max Beckmann mussten die Schule verlassen. Auch die Metallklasse wurde 1933 aufgelöst, Dells Arbeitsvertrag gekündigt. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass er zuvor — „wider Willen“ wie er später sagte — in die NSDAP eingetreten war. Dazu hatte ihn der parteitreue Interimschef der Schule Karl Berthold aufgefordert, wie der Historiker und Bauhaus-Experte Frank Werner im Begleitbuch zur Ausstellung erläutert. Schüler der Kunstschule schilderten Dell als Kritiker des NS-Regimes, der es abgelehnt haben soll, weiterhin im NS-Bildungssystem zu arbeiten.Eine Kaiser-Idell-Tischleuchte aus aktueller Produktion, die auf einem Dell Design aus den Dreißigerjahren basiert.Frank Röth1934 gelang es Dell dann, eine Zusammenarbeit mit der Leuchtenfabrik Kaiser zu vereinbaren. Er entwickelte für diese ein Zweckleuchten-Segment nach dem Baukastenprinzip. Die Leuchten mit der kreisförmigen Marke „Original-Kaiser-Idell“ wurden zum Verkaufserfolg, die „Kaiser-Idell 6556 Super“ zum Inbegriff der Arbeitsleuchte.Die „Wunderkanne“ und andere Kunststoff-StückeDaneben beschäftigt sich Dell auch mit neuen Materialien wie Kunststoff. So entsteht etwa 1931 die „Wunderkanne“ aus Resopal, die auch in der Ausstellung zu sehen ist. Wundersam ist das Sechs-Personen-Service deshalb, weil alle Teile gestapelt und in der Kanne untergebracht werden können. Dell nutzt die neuen Werkstoffe aber auch für noble Tischgegenstände. So kombiniert er feine Silberbeschläge mit verschieden eingefärbtem Kunststoff.Die „Wunderkanne“, eine patentierte Kunststoffarbeit von Chritian Dell von 1931. Teil der Sonderausstellung "Christian Dell – Von der Silberkanne zur Goldgasse" im Stadtmuseum am Markt (SAM) in Wiesbaden.Frank RöthAbgesehen von der Arbeit für Kaiser hat Dell, der mehrfach wegen eines Lungenleidens Kuren hat antreten müssen, offenbar von Mitte der Dreißigerjahre an nicht mehr kontinuierlich im Kunsthandwerk gearbeitet. Jedenfalls wurde er 1944 mit eben dieser Begründung aus der Reichskulturkammer abgemeldet. Genaues lässt sich aber über diese Jahre nicht sagen, weil die Quellenlage zu schlecht ist.Die Goldgasse als letzte Station des GestaltersAuch nach Ende des Zweiten Weltkriegs gelingt es Dell nicht, noch einmal an die früheren Erfolge anzuknüpfen. Zudem belastet ihn weiterhin sein Lungenleiden. So widmet er sich wieder seinem ursprünglichen Metier, der Silberschmiedekunst und eröffnet 1948 das Geschäft für „Gerätekunst und Schmuck“ in Wiesbaden, das er bis 1954 mit seinem Sohn Sandor führt. Danach zieht sich Dell ganz ins Privatleben zurück.In Wiesbaden wohnte Dell mit Frau und Sohn Sandor Mitte der Dreißigerjahre im Haus Emserstraße 49, später im Haus Aarstraße 40a, danach im ehemaligen Gasthaus „Stollen“ westlich der Fasanerie. Nach dem Tod seiner Frau 1949 wohnte Dell zwischen 1951 und 1973 im Haus Kaiser-Friedrich-Ring 80.Das letzte Jahr vor seinem Tod am 18. Juli 1974 im Wiesbadener St. Josefs-Hospital verbringt Dell in der Pflegeeinrichtung Simeonhaus in Wiesbaden Dotzheim. Auch diese Stationen Dells in Wiesbaden sind in der ausführlichen Broschüre zur Ausstellung zu entnehmen, die Sabine Philipp, Direktorin der Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden, genauso herausgegeben hat wie das opulente wissenschaftliche Begleitbuch.„Christian Dell. Von der Silberkanne zur Goldgasse“ bis 15. November 2026 im Stadtmuseum Wiesbaden am Markt.