Der Vitra Campus ist eines der ungewöhnlichsten Architektur-Ensembles Europas – und das Lebenswerk des Design-Unternehmers Rolf Fehlbaum. Jetzt kommt ein Wassergarten hinzu. Ein Gespräch über Design, Zufälle und ein Lebenswerk, das weiter wächst.Einen besseren Ort, als Frank Gehrys Vitra-Fabrikgebäude gibt es nicht, um Rolf Fehlbaum zu treffen. Es ist einer der ersten Bauten auf dem Vitra Campus, jenem Firmengelände des Schweizer Möbelherstellers im baden-württembergischen Weil am Rhein, auf dem in den vergangenen 40 Jahren Stararchitekten wie Zaha Hadid, Tadao Ando, Herzog & de Meuron und SANAA bauten. Mit dem „Water Garden“ kommt jetzt ein neues Projekt hinzu. Grund genug, auf die Geschichte des Campus zurückzublicken – und darauf, wie der 85-Jährige Chairman Emeritus das Unternehmen, das unter anderem die legendären Entwürfe von Charles und Ray Eames produziert, prägte.Welt am Sonntag: Am 17. Juni eröffnet mit dem „Water Garden“ des Landschaftsarchitekten Bas Smets das neueste Projekt auf dem Vitra Campus. Was ist seine Hintergrundgeschichte?Rolf Fehlbaum: Vor einiger Zeit veranstalteten wir einen Workshop mit dem Titel „Campus 2070“. Smets war einer der Teilnehmer. Thema war die Entwicklung des Campus über die nächsten 50 Jahre und eine Kernfrage lautete: Wie gehen wir mit dem Klimawandel um? Neben der allgemeinen Erwärmung ist ein wichtiger Aspekt, dass die Regenfälle intensiver ausfallen als früher und das Wasser teilweise in die Gebäude fließt. So kam die Idee eines Teichs auf. Er hat mehrere Funktionen: Er nimmt das Wasser von den Dächern auf, kühlt das Klima ab, fördert die Biodiversität und ist eine einladende neue Erscheinung auf dem Gelände.WAMS: Der „Water Garden“ ist das Ergebnis einer Entwicklung, die seit vier Dekaden andauert. Sie haben den Weg der Marke und des Campus maßgeblich geprägt. Wenn Sie zurückblicken: Wann entwickelte Vitra die Identität, die das Unternehmen heute ausmacht?Fehlbaum: Ein wichtiges Element der Identitätsbildung von Vitra wurde 1981 durch einen Großbrand auf dem Betriebsgelände ausgelöst: Wir mussten einen Neubau errichten. Die bisherigen Gebäude von Vitra waren solide, aber architektonisch unbedeutend. Kurz zuvor hatten mein Bruder und ich den englischen Architekten Nicholas Grimshaw kennengelernt und beauftragten ihn mit dem Entwurf des neuen Gebäudes. Dies war ein Neuanfang.Lesen Sie auchWAMS: Warum?Fehlbaum: Bauen ist immer eine Projektion dessen, was man werden will – man baut für die Zukunft und gleicht sich dem Bau mit der Zeit an. 1984 kam ein weiteres, die Entwicklung des Campus prägendes Element dazu: Mein Vater wurde 70; wir Brüder wollten etwas Besonderes tun, und ich konnte Claes Oldenburg dafür gewinnen, eine Skulptur für den Campus zu schaffen. Dies war die erste Manifestation einer Öffentlichkeit. Die Skulptur stand außerhalb des Fabrikzauns. Dann folgten die Gebäude von Gehry, Ando und Zaha Hadid, die viel Aufsehen erregten.WAMS: Das klingt so, als ob die von selbst gekommen wären …Fehlbaum: Es war eine Kette von Zufällen und Begegnungen. Wir waren sehr glücklich mit Grimshaw, er hatte einen Generalplan für das ganze Areal entwickelt, mit Gebäuden wie Spaceships, verteilt über das ganze Gelände. Aber dann lernte ich über Oldenburg Frank Gehry kennen. Gehry machte damals seine Kartonmöbel, die mich schon länger interessierten. 1987 gestaltete er für eine Vitra-Edition den Stuhl „Little Beaver“. Wichtiger aber war, dass die Zusammenarbeit den Wunsch auslöste, mit ihm zu bauen. Damit verließen wir den Generalplan, der eine nach dem Vorbild von Corporate Identity einheitliche Überbauung vorsah. Im Grunde war diese Entwicklung symptomatisch: Die Geschichte des Campus ist nicht geprägt von einer großen Strategie, sondern von Begegnungen, Kooperationen und Freundschaften.WAMS: Frank Gehry baute dann nicht nur ein Fabrikgebäude, sondern auch das Vitra Design Museum.Fehlbaum: 1977 trat ich eher halbherzig in das Familienunternehmen ein. Da sagte ich mir: Wenn ich schon mit Möbeln zu tun habe, dann will ich tief einsteigen und ihr Wesen verstehen. Um diesen Lernprozess zu fördern, erwarb ich Möbel, die ich großartig fand: Entwürfe von Aalto, Jean Prouvé und frühe Arbeiten von Charles und Ray Eames, die nicht mehr in Produktion waren. Und so standen nach einer Weile viele Stühle in meinem Büro im Grimshaw-Gebäude. Händler, die vorbeikamen, waren verwirrt und fragten, was diese Stühle mit Vitra zu tun hätten. Und eines Tages war ein Paimio-Sessel von Aalto gebrochen, weil sich jemand unglücklich draufgesetzt hatte. Jetzt musste ein Ort für die Stühle gefunden werden. Ich dachte an einen Shed und Frank Gehry.WAMS: Shed bedeutet Schuppen.Fehlbaum: Ich war begeistert von Architektur, die etwas Improvisiertes hatte. In der Schweiz war alles gute Qualität, alles seriös. In Los Angeles hatte ich Arbeiten von Gehry gesehen: Gebäude aus unterschiedlichen Materialien zusammengesetzt, wie zusammengenagelt. Das fand ich faszinierend. Also fragte ich Gehry, ob er einen Shed für die kleine Möbelsammlung entwerfen könnte. Er sagte: „Unmöglich – viel zu teuer“. Das wäre sein erstes Projekt in Europa gewesen. Damals konnte er nicht wegen eines kleinen Gebäudes mehrfach rüberkommen. Als dann der nächste Fabrikbau anstand, sagte ich: „Frank, wir machen die Fabrik zusammen und den Shed davor.“ Er sagte: „Jetzt geht’s.“ Der Shed wurde dann das Vitra Design Museum.WAMS: Der Vitra Campus war von Anfang an architektonisch sehr progressiv. Das ist er geblieben, aber gleichzeitig wurde er zu einem offenen Ort …Fehlbaum: Der eigentliche Durchbruch kam mit dem Vitra-Haus 2010.WAMS: Der Bau von Herzog & de Meuron ist heute mit einer großen Ausstellung, einem Shop und einem Restaurant so etwas wie die Visitenkarte der Marke.Fehlbaum: Der Campus hat sich in zwei Richtungen entwickelt. Einerseits bildet er einen Teil der Welt ab mit Bauten von Architekten aus Europa. Amerika und Asien. Andererseits wird er thematisch erweitert von der Fabrik hin zu Lernen, Ausstellen, Sammeln, dann Konsumieren. Vor fünf Jahren legten wir den Oudolf-Garten an. Zuletzt kam mit dem Doshi-Retreat ein Ort der Kontemplation dazu. Und jetzt der Water Garden. Das Themenspektrum wurde immer weiter ausgedehnt.Lesen Sie auchWAMS: Gibt es Architekten, mit denen Sie gerne gebaut hätten?Fehlbaum: Das habe ich mir nie abstrakt überlegt. Die Frage war immer nur: Was gibt es als Nächstes zu tun, und wer würde passen? Eine Architektursammlung anlegen wollten wir nie. Rem Koolhaas etwa wäre eine wichtige Figur, aber es ergab sich nie ein passendes Projekt.WAMS: Bevor Sie 1977 in die elterliche Firma einstiegen, studierten Sie Soziologie und Ökonomie. Anschließend übten Sie erst einmal ganz andere Berufe aus …Fehlbaum: Im Laufe der 70er Jahre wurde die Frage, was mit dem Unternehmen geschehen sollte, immer dringlicher. Meine Eltern hatten kein Management aufgebaut und wollten sich zurückziehen. Ich hatte dort bereits 1968 kurz gearbeitet, kam aber mit meinem Vater nicht klar und war gegangen – zuerst zur Bavaria Film, dann zur Bayerischen Architektenkammer. Dort war ich eigentlich sehr glücklich. Aber als Referent für Aus- und Fortbildung wollte ich nicht in Pension gehen. Also dachte ich: Gut, ich steige mit meinem Bruder ein. Vielleicht für ein paar Jahre. Es war nicht leicht.WAMS: Was waren die Herausforderungen?Fehlbaum: Erstens hatte ich linke Tendenzen und wurde nun Unternehmer. Zweitens kam ich rein, ohne mich bewährt zu haben, was mir ungerecht vorkam. Und ich hatte Zweifel, ob ich der Aufgabe gewachsen sei.WAMS: Was sagte Ihnen an der Arbeit zu?Fehlbaum: Ich hatte ein gutes Auge für Gestaltung. Und ich dachte: Als Vermittler zwischen den Kreativen und der wirtschaftlichen Realität bin ich vielleicht nicht schlecht. Das hat sich bestätigt: Diese Rolle zwischen Kreation und den Umständen des Betriebs – Technik, Produktion, Verkauf – ist auch später meine Stärke geblieben.WAMS: Ihr Vater übernahm 1957 die Eames-Lizenz für Europa. Bald flogen Sie selbst in die USA. Was reizte Sie an Amerika?Fehlbaum: Alles. Ich war begeisterter Jazzfan, spielte selbst Posaune. Amerika war für mich ein Traum. Und dann stand da Charles Eames, wie ein Filmstar. Und Ray Eames, wie aus einem Märchen. Fantastisch. In New York nahm mich der Designer George Nelson auf. Er war ein Liberaler und brachte mir bei, dass Design nicht der Produktverschönerung und Verkaufsförderung dient, sondern eine Mission hat. Dann fuhr ich nach Zeeland zur Herman Miller-Fabrik. Mein Vater war mit 23 Unternehmer geworden, aus dem Nichts heraus, mit vielen Ideen, immer ruhelos, immer am Kämpfen. Und jetzt erlebte ich eine geordnete, ethisch geprägte Company mit Sozialplan. Zum Abschluss lernte ich in Santa Fe Alexander Girard in seinem Reich kennen, einem Adobe-Haus, vollgestellt mit Volkskunst. Er war der großartigste Sammler, den ich je kennengelernt habe. Eine fantastische Einführung in diese Welt.Lesen Sie auchWAMS: Der Lounge Chair von Charles und Ray Eames ist immer noch eines der beliebtesten Vitra-Möbel. Warum wurde aus diesem Sessel ein Klassiker?Fehlbaum: Der Eames-Chair verdankte seinen Erfolg nicht nur seiner gestalterischen Qualität, sondern auch dem Umstand, dass Produkte, die ganz am Anfang einer Entwicklung stehen, etwas Neues so grundsätzlich ausdrücken, dass alles, was danach kommt, nebensächlich erscheint und bald vergessen wird. Dieser Stuhl hat das Revolutionäre bewahrt: Die Idee des Clubsessels aus Leder und Holz trifft auf die Moderne. Das Holz ist nun verformt, weil das mit Sperrholz möglich ist, und der Fuß ist der eines Büromöbels. Da steckt so viel Aufbruch drin. Zeitgeist kommt in verschiedenen Formaten. Wenn er in Form von Mode auftritt, ist er kurzlebig. Wenn ein Entwurf den Geist einer ganzen Epoche trifft, hat er Relevanz, solange die Epoche dauert – irgendwann wird auch er zur Antiquität. Wir haben Glück, dass die Epoche der Moderne nicht zu Ende ist.WAMS: Mit den Jahren haben Sie das Portfolio an Designern erweitert. Was macht einen Vitra-Designer aus?Fehlbaum: Wir wollen Persönlichkeiten mit einer Botschaft, einem Anliegen. Jemand wie Jasper Morrison. Jemand wie Hella Jongerius, die aktuell in einer großen Ausstellung im Vitra Design Museum zu sehen ist: Das sind Menschen mit Werten und einem Auftrag. Diese Designer – wir sprechen von Autoren – sind keine Verschönerungsspezialisten zur Verkaufsförderung, die in unseren Diensten stehen. Sie haben ihre eigene Agenda, ihr eigenes Ziel der Selbstverwirklichung. Als Unternehmen müssen wir sehen, ob sich zwischen der Designer-Agenda und unserer eigenen Zielsetzung eine Überschneidung ergibt. Ist ausreichend gemeinsames Interesse vorhanden, arbeiten die Designer gleichzeitig an ihrem eigenen Projekt wie am Vitra-Projekt. Wenn diese Überschneidung zudem ein Interesse der Allgemeinheit, der Gesellschaft trifft, wird es wirklich interessant. Die Suche nach dieser Zone ist der Kern der Design-Company.WAMS: Sie sammeln nicht nur Möbel, sondern haben sich über die Jahre auch mit Micky-Mäusen, Spielzeugrobotern und Volkskunst beschäftigt. Folgten all diese Sammlungen einem ähnlichen Impuls?Fehlbaum: Alles, was ich sammle, ist Populärkultur, und alles ist figürlich. Mich interessiert das Spiel als Ort des Probehandelns, besonders das Spiel des Kindes und das Objekt, das dieses Spiel ermöglicht. Im Spiel ist das Kind, das im Alltag gehorchen muss, selbst Boss, es organisiert spielerisch seine eigene Welt. Das Spiel ist ein Beginn von Selbstständigkeit und Befreiung. Und der Stuhl? Man kann ihn auch der Populärkultur zuordnen. Er dient im Alltag, ist aber auch ein mit Identität versehenes und identitätsstiftendes künstliches Wesen. Die Funktion ist da, aber darüber hinaus ist er ein Ausdruck des Status des Besitzers, des Geschmacks der Epoche, der Technik und Produktionsweise – ein Spiegel der Gesellschaft. Auf ihm nimmt der Zeitgeist Platz.WAMS: Glauben Sie, dass die Tatsache, dass Sie Quereinsteiger sind, der weder aus dem Design kommt noch einen BWL-Hintergrund hat, die Vitra-Geschichte erst ermöglicht hat – weil Sie nicht irgendwelche Regeln im Kopf hatten?Fehlbaum: Eine gewisse Ungeprägtheit ist schon nützlich für diese Rolle. Mein großes Vorbild war Adriano Olivetti. Er führte ein Unternehmen, das Kultur in Form von Produktdesign, großartiger Architektur, Ausstellungen, Grafikdesign, einer eigenen Zeitschrift und einem Raumordnungsplan für das Aostatal zum Ausdruck brachte und gleichzeitig als Company funktionieren musste. Olivetti verlor nach dem Tod von Adriano Olivetti den Anschluss an die digitale Welt und existiert nicht mehr. Der Firmensitz in Ivrea ist verlassen. Die Ivrea-Erfahrung ist aber wichtig für den Campus.WAMS: Inwiefern?Fehlbaum: Ich war vor 50 Jahren in Ivrea – und dann vor ein paar Jahren wieder. Beim Anblick des Verfalls wurde klar: Wir müssen ein Konzept für den Campus entwickeln, das Wandel vorausschauend einbezieht. Das heißt einerseits, dass sich eine Vielfalt von Tätigkeiten auf dem Campus entwickeln soll. Und andererseits, dass wir auf den Klimawandel reagieren müssen. Die schnell wachsenden Miyawaki-Wälder, die auf dem Campus angelegt werden, die Reduktion der geteerten Flächen, der Water Garden sind erste Antworten auf den Klimawandel. Und die Präsenz des Architekturbereichs der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) auf dem Campus und die Aussicht auf weitere universitäre Ansiedlungen leiten die Diversifikation ein.WAMS: Der Campus wird tatsächlich zu einem.Fehlbaum: Als ich anfing, das Wort Campus zu benutzen, weil mir kein besseres einfiel, fand ich immer: Das ist prätentiös, wir sind eigentlich kein Campus. Jetzt wird er wirklich zu einem, und wenn eines Tages ein paar Hundert Studenten auf dem Gelände sind, wenn es begrünt ist, wenn noch mehr Öffentlichkeit dazu kommt, dann sind wir angekommen.