Hier ist alles Panton! Der Farbenmagier des Möbeldesigns rebellierte gegen die fade WohnweltVerner Pantons Formenphantasie lässt auch heute niemanden kalt: Das Vitra-Schaudepot feiert den vor hundert Jahren geborenen dänischen Architekten und Designer mit einer opulenten Übersichtsschau.Gabriele Detterer12.06.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenZum Sitzen und Liegen: die «Fantasy Landscape» von Verner Panton an der Kölner Möbelmesse Visiona II von 1970.Verner Panton DesignAugenlust oder Aufschrei des Sehorgans – die kräftigen Farben der Möbel und die schrill-schrägen Interieur-Ideen von Verner Panton werden individuell ganz unterschiedlich erlebt. Doch gewiss ist, dass die Farbpalette des Designers die Sinne weckt und Optimismus verbreitet.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Rebell gegen handwerklich ausgerichtetes Design, Naturwerkstoffe und Weiss-Nuancen, der erst als Outsider galt, hatte den technischen Fortschritt auf seiner Seite. Verner Panton (1926–1998) surfte auf der Welle des Zeitgeists der Swinging Sixties und der Pop-Art. Synergien nutzte er auch mit der Op-Art der 1960er Jahre, deren geometrische Muster in räumliche Dimensionen vorstiessen und zu optischen Abenteuern animierten.Tütenstuhl wie ein CornetDen Anlass für die Retrospektive bieten 100 Jahre Verner Panton und die langjährige Zusammenarbeit des Stardesigners mit dem Schweizer Möbelhersteller Vitra. Diese begann 1963 mit der Entwicklungsarbeit an dem heutigen Designklassiker, dem «Panton Chair». Dass der auf der Insel Fünen geborene Däne und seine Frau Marianne in die Basler Region zogen und am Rheinknie heimisch wurden, ist übrigens dem legendären Freischwinger und Vitra zu verdanken.Kreativer Kopf: Verner Panton auf einer Aufnahme von 1993.Verner Panton DesignBei der inhaltlichen Konzipierung der Ausstellung und der Auswahl der Schaustücke konnte die Kuratorin Susanne Graner aus dem Vollen schöpfen. Viele Tausende Archivalien – Entwurfszeichnungen, Schriftstücke, Musterbücher – sowie Möbel, Textilien, Leuchten, Objekte, umfasst der Bestand des zu den Vitra-Sammlungen gehörenden Panton-Archivs. Dieser Archivschatz gibt der Ausstellung Breite und Tiefe.Die im Schaudepot vorgegebene Ausstellungseinrichtung beidseitig offener Hochregale ermöglicht mannigfache Durchblicke und Einblicke in die Schwerpunkte der Schau. Dazu zählen das Frühwerk mit Varianten des einem Cornet gleichenden Tütenstuhls, hergestellt vom dänischen Möbelproduzenten Plus-Linje. Dargestellt wird auch die spannende Geschichte der Entwicklung und Verbesserung des «Panton Chair».Verner Panton Design / Jürgen Hans / Vitra Design MuseumZwei Design-Ikonen von Verner Panton: «Cone Chair» von 1958 (links) und «Panton Chair», um 1957.Im Jahr 1967 machte der aus einem Stück Kunststoff hergestellte Freischwinger Furore: keine Nägel, keine Schrauben – ein Stuhl aus einem Guss. Möglich wurde dies durch die Innovation, den Vollkunststoffstuhl aus kaltgepresstem, fiberglasverstärktem Polyester zu formen. Fortschritte der Kunststoffverarbeitung führten Ende der 1990er Jahre zu einer Verfeinerung der Spritzgusstechnik. Der «Panton Chair» ging mit der Zeit und wird seit 1999 auch in einer Version aus recycelbarem Polypropylen gefertigt.Weitere Schwerpunkte ziehen die Besucher in das Lieblingsthema des Designers hinein, Farbe! Mit jeder Faser erlebt man die Farb- und Raumwirkungen in Pantons höhlenartiger «Fantasy Landscape», einer Möbelskulptur zum Sitzen und Liegen, die zum Eintauchen in ein wahres Formenlabyrinth einlädt. 1970 erregte diese Utopie auf der Ausstellung Visiona II der Möbelmesse Köln grosses Aufsehen.Zwischen Panton-Klassikern eingebettet, findet sich auch weniger Bekanntes, das viele Geschichten erzählt. So stammt das signalrote Set aus Aschenbecher, Untersetzer und Teller aus der Kantine des ehemaligen «Spiegel»-Redaktionsgebäudes in Hamburg. Dieses Kleininventar erinnert an den Grossauftrag des Designers, Etagen des 1969 erbauten «Spiegel»-Hauses im ganzheitlichen, farbenprächtigen Ambiente zu gestalten, einschliesslich Kantine, Bar und Schwimmbad für die Redaktion.Verner Pantons Design-Signatur im «Spiegel»-Verlag: Blick in die Kantine des ehemaligen «Spiegel»-Redaktionsgebäudes in Hamburg im Jahr 1969.Verner Panton Design / Frank Schumann / Der SpiegelVon diesem raumgreifenden Love-for-colour-Konzept ist einzig die von Flowerpot-Leuchten illuminierte «Spiegel»-Kantine erhalten geblieben: als Schaustück im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe.Panton als ArchitektVerner Panton flogen kreative Ideen im Dauertakt zu. Doch Stolpersteine säumten den Weg des jungen Dänen zum gefragten Farbenmagier und Möbeldesigner. Denn Innovatives zur Serienreife zu bringen, verlangte neue Werkstoffe und Herstellungsprozesse, technisches Wissen und Präzision.Der Architekturstudent Panton hatte 1951 im Architekturbüro von Arne Jacobsen seinen Werdegang als Zeichner gestartet. Sein erster Sitzmöbel-Entwurf, der zerlegbare «Bachelor Chair» von 1952, folgt noch den Grundsätzen des modernen skandinavischen Designs. Wie schnell sich jedoch der kreative Däne von der Formgebung der Moderne löste, macht die Ausstellung nachvollziehbar.«Ich will es anders machen!»: Diese Leitschnur kennzeichnet die Vorgehensweise Pantons, nicht zuletzt auch für seine Architekturentwürfe. Sie sind auf einem Schautisch ausgebreitet. Viel Arbeit steckte Panton etwa 1971 in seinen Wettbewerbsbeitrag für den Bau des Centre Pompidou in Paris. Als grossen Organismus aus zellartigen Elementen erdachte er sich das staatliche französische Kunst- und Kulturzentrum. Fatal, dass der Entwurf auf dem Postweg zur Jury verlorengegangen war.Verner Panton auf Stoff: Textilmuster der «Spectrum Serie Curves» von 1969 für den Hersteller MIRA-X, Tochterfirma von Möbel-Pfister.Verner Panton Design / Andreas Sütterlin / Vitra Design MuseumAus der Textilkollektion, die Panton für Mira-X, die Tochterfirma von Möbel-Pfister, entwarf, stammt die Wandbespannung in Blautönen mit Wellenmotiv. Der Stoff umflutet als grosses Schlussbild der Schau rund dreissig Möbel und Leuchten in unterschiedlichen Blautönen. Blau war die Lieblingsfarbe des Dänen. Auch das Multifunktionsmöbel «Phantom» aus dem Jahr 1997 leuchtet auf dem Hochregal in wunderbarem Blau.Dieses Spätwerk mit seiner geschwungenen Form steht mustergültig für den Erfindergeist von Panton. Der vielseitigen Funktionalität und der seriellen Machbarkeit seiner Entwürfe räumte er oberste Priorität ein: dies stets im Dienst eines farblich froh stimmenden und positiven Lebensgefühls.Verner Panton. Form, Farbe, Raum. Vitra Design Museum, Weil am Rhein, bis 9. Mai 2027.Passend zum Artikel
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