PfadnavigationHomeICONISTTrendsWürdigung Verner Panton„Man sitzt besser auf einer Farbe, die man mag“Veröffentlicht am 12.02.2026Lesedauer: 6 MinutenEr war der Designer eines der berühmtesten Stühle der Welt: Verner Panton und sein kurviger Freischwinger aus Kunststoff, der Panton Chair. Der dänische Architekt und Gestalter schuf psychedelische Interieurs und knallige Farbwelten.„Dänemark [...] ist irrelevant“, sagte US-Finanzminister Scott Bessent vor einigen Wochen beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Nun ja, diese Aussage ist nicht nur rüde, sie offenbart auch eine erschreckende Ignoranz. Dänemark hat nicht nur Denker wie Søren Kierkegaard hervorgebracht, nobelpreisgekrönte Naturwissenschaftler wie Niels Bohr, geniale Spielzeuginnovationen wie Lego oder Unternehmen wie Velux, Weltmarktführer in Sachen Dachfenster. Dänemark ist das Heimatland einiger der bedeutendsten Gestalter und Architekten des 20. Jahrhunderts: neben Hans J. Wegner (Wishbone Chair), Arne Jacobsen (Ameise-Stuhl), Jørn Utzon (Opernhaus Sydney) vor allem auch Verner Panton, dessen Geburtstag sich am 13. Februar zum 100. Mal jährt. Er veränderte das Wohnen mit seinen meist farbintensiven Entwürfen, deren Strahlkraft bis heute ungebrochen ist, etwa die Flowerpot-Leuchte, der Panton Chair oder die „Spiegel“-Kantine.„Mein Vater wollte Menschen ermutigen, ihre Fantasie zu nutzen und offen sowie neugierig gegenüber Neuem zu sein“, sagt seine Tochter Carin Panton von Halem, die gemeinsam mit ihrer Mutter das gestalterische Erbe Verner Pantons bewahrt und kontrolliert. „Er folgte keinem Stil, sondern nutzte Farbe, Form und Raum, um Wohlbefinden und Optimismus zu erzeugen. Viele seiner Ideen waren ihrer Zeit dabei Jahrzehnte voraus.“Der wahrscheinlich bekannteste Entwurf Pantons ist der Panton Chair, der weltweit erste Freischwinger aus Kunststoff. Seit 1967 wird er von der Firma Vitra hergestellt (mit einer Unterbrechung von 1979 bis 1990). Der Prototyp – auf dem man nicht sitzen konnte – stammt aus dem Jahr 1958. Panton und seine spätere Frau Marianne (Heirat 1964) tingelten mit ihm durch Europa, um einen Produzenten zu finden. Interessant fanden den Stuhl viele, doch einsteigen wollte keiner. Willi Fehlbaum, Eigentümer der Firma Vitra, die damals bereits einige Eames-Möbel herstellte, gehörte zu jenen, die Interesse bekundeten, aber am Ende abwinkten. Sein Sohn Rolf Fehlbaum, damals Anfang 20, war 1963 schließlich derjenige, der den Stuhl unbedingt auf den Markt bringen wollte. Gemeinsam mit Vitra-Produktentwickler Manfred Diebold tüftelte Panton vier Jahre lang, bis 1967 eine Kleinserie des skulpturalen Freischwingers mit den sexy Kurven vorgestellt wurde. Eines der ersten Exemplare wurde gleich in die Sammlung der Museum of Modern Art in New York aufgenommen.Verner Panton wurde am 13. Februar 1926 auf der dänischen Insel Fünen geboren. An der Königlichen Kunstakademie in Kopenhagen studierte er Architektur und arbeitete Anfang der 1950er zwei Jahre im Büro von Arne Jacobsen. Panton stürzte sich mit Verve auf die Möglichkeiten, die die neuen Kunststoffe boten. Er entwarf neue Möbel für neue Zeiten, die sich teilweise sogar den üblichen Funktionszuschreibungen von Stuhl, Sofa, Tisch entzogen. Legendär ist seine Raumskulptur Fantasy Landscape, Teil der Ausstellung Visiona II, die er 1970 während der Möbelmesse in Köln zeigte. Die höhlenartige Installation in Blau, Violett, Rot, Orange, Gelb, bei der Wände, Boden, Decken wellenförmig mit Ausstülpungen organisch ineinanderfließen, animiert bis heute wirklich ausnahmslos jeden dazu, in dieser raumgewordenen Lavalampe herumzuklettern, zu liegen, zu träumen. Zuletzt konnte man das 2020 auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein beobachten, wo im Rahmen der Ausstellung „Home Stories“ ein Nachbau zur spielerischen Erkundung einlud.Lesen Sie auch„Verner hasste alles Angepasste, Einfallslosigkeit. Der Gedanke, einen ganzen Abend auf einem normalen Sofa dazusitzen, war ihm ein Graus“, erinnert sich Carin Panton von Halem. „Er wollte Menschen provozieren, ihre Fantasie zu nutzen. Meine Eltern hatten zum Beispiel oft Gäste, und dann hingen sie da in seinen Klettermöbeln, Bankdirektoren, Topmanager. Wie Kinder. Gleichzeitig war er ein bedingungsloser Ästhet – wobei Farbe ihm immer wichtiger war als Form.“ Panton war für seine knalligen orange-rot-violett-Kombinationen berühmt, er selbst trug bevorzugt blau – „blaue Socken, blaue Unterwäsche, blaue Anzüge“ erzählte seine Witwe Marianne 2018 in einem Interview mit ICON. Am liebsten hätte er Farbpsychologie studiert. Allein die Studiendauer von acht Jahren schreckte ihn ab. „Man sitzt besser auf einer Farbe, die man mag“, sagte Verner Panton.Dabei war seine Farbgestaltung mitunter durchaus herausfordernd: Als er 1969 mit der Innenausstattung des neuen Verlagsgebäudes des „Spiegel“ in Hamburg beauftragt wurde, zog er alle Register. Schon wenn man nur die Fotos von Kantine und Snackbar betrachtet, bekommt man Augenflattern: an der Decke orangefarbene pyramidenförmige Stoffelemente, für Licht sorgen Trauben von ebenfalls orangefarbenen Flowerpot-Leuchten, auf dem Fußboden ein Teppich mit orange-braunem Punktemuster, das sich in den emaillierten Tischplatten wiederholt. Die Stühle vergleichsweise dezent – Harry Bertoias „Side Chairs“ aus Drahtgeflecht, allerdings mit orangefarbenen Sitzpolstern. Design als immersive Erfahrung, die gelegentlich auch überfordert.Das Ensemble steht heute im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe und ist für sich schon eine Reise in die Hansestadt wert. „Verner Panton steht für Mut, Vision und die Überzeugung, dass Gestaltung mehr ist als Form: ein ganzheitliches Erlebnis, das alle Sinne anspricht und allen offensteht“, sagt Stephanie Regenbrecht, Leiterin Sammlung Kunstgewerbe & Design des Hamburger Museums. „Die Spiegel-Kantine ist ein weltweit einzigartiges Ensemble, das bis heute Impulse für die zeitgenössische Gestaltung setzt.“Diese Impulse greift auch die Mode immer wieder auf, auf unterschiedliche Art: 1995 wurde Kate Moss für das Cover der britischen „Vogue“ von Nick Knight auf einem Panton Chair fotografiert. Miuccia Prada platzierte 2018 das Publikum ihrer Modenschau auf aufblasbaren durchsichtigen Panton-Hockern (ursprünglich ein Entwurf aus dem Jahr 1960, der nie produziert wurde). Und im selben Jahr zeigte Dries Van Noten eine als Hommage an Verner Pantons Textildesigns konzipierte Herrenkollektion. Van Noten sagte damals: „Nicht nur die Schönheit, sondern vor allem der Optimismus in Pantons Arbeit hat mich berührt. Damals schauten Künstler und Musiker nach vorn und brachten die Zukunft in die Gegenwart.“Lesen Sie auchViele Möbel- und Leuchtenentwürfe Verner Pantons sind Dauerseller, noch immer oder wieder im Programm renommierter Firmen wie Louis Poulsen (Panthella-Leuchte, 1971), &tradition (Flowerpot-Leuchte, 1968), Verpan (Serie 430-Tisch, 1967) oder Vitra (neben dem Panton Chair unter anderem auch der auf der Spitze stehende Cone Chair, 1958 und die Möbelskulptur Living Tower, 1969). Seine aus verchromten Stahldraht bestehende Modulmöbelserie „Pantonova“ wurde 2019 vom dänischen Unternehmen Montana wieder aufgelegt. Der Gestalter hatte sie 1971 für das Restaurant „Varna“ in Århus entworfen. Die Drahtmöbel haben James-Bond-Qualitäten: In „Der Spion, der mich liebte“ (1977) dient sie als kühl-futuristisches Mobiliar für das Unterwasser-Headquarter „Atlantis“ von Bösewicht Karl Stromberg. Das System ist – wie andere Panton-Stücke – ein echter Instagram-Hit. Was hätte Verner Panton, der 1998 in Kopenhagen starb, wohl dazu gesagt? „Auf die Resonanz in den sozialen Medien hätte er vermutlich mit einem Schmunzeln reagiert“, sagt Carin Panton von Halem. „Mein Vater war ein bescheidener Mann. Aber es hätte ihn gefreut, dass so viele Menschen seine Konzepte schätzen, neu entdecken und sich darin wohlfühlen.“Zum 100. Geburtstag werden Panton und sein Werk nicht nur mit diversen Sondereditionen geehrt, wie dem Heart Cone Chair in zwei Blautönen und neuen Farben für den Panton Chair, über die Vitra in den vergangenen Wochen online abstimmen ließ, sondern auch mit zwei Ausstellungen: „Form, Farbe, Raum“, ab 23. Mai im Schaudepot des Vitra Design Museum, und „World of Colours. 100 Jahre Verner Panton“ im Kunstgewerbemuseum Berlin, ab 13. November. Dänemark? Relevant!Annemarie Ballschmiter ist Stil-Redakteurin in Berlin und schreibt über Interior, Möbel, Produktdesign und Wohntrends.
Verner Panton: Wie der Designer die Welt mit Farbe und Visionen veränderte - WELT
Er war der Designer eines der berühmtesten Stühle der Welt: Verner Panton und sein kurviger Freischwinger aus Kunststoff, der Panton Chair. Der dänische Architekt und Gestalter schuf psychedelische Interieurs und knallige Farbwelten. Am 13. Februar wäre er 100 Jahre alt geworden. Eine Würdigung.







