KommentarKeir Starmer scheitert an sich selbst – aber vor allem an GrossbritannienDas Vereinigte Königreich steckt in einer Multi-Krise. Helfen könnten schmerzhafte Reformen in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Allerdings deutet wenig darauf hin, dass Starmers Nachfolger dazu fähig ist.22.06.2026, 16.51 Uhr4 LeseminutenNach einer emotionalen Rücktrittsrede umarmt Keir Starmer am Montagmorgen seine Frau Victoria vor der Downing Street Nummer 10.Tolga Akmen / EPAEs war ein Erdrutschsieg, der Keir Starmer 2024 ins Amt brachte. Mit 412 Sitzen erreichte die Labour-Partei eine riesige parlamentarische Mehrheit und beendete damit die vierzehnjährige Herrschaft der Tories. Doch das Wahlresultat war schon damals nicht Ausdruck einer überschwänglichen Euphorie für Labour. Das Majorz-Wahlrecht verzerrte den Umstand, dass nur ein Drittel der Wähler für die Partei gestimmt hatte. Vor allem wollte die Bevölkerung endlich die Tory-Regierung verjagen, die in den Jahren seit der Brexit-Abstimmung primär Chaos und Verwirrung gestiftet hatte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der spröde Starmer hingegen stand für pragmatische Langeweile – eine willkommene Abwechslung nach den Eskapaden eines Boris Johnson oder den finanzpolitischen Verirrungen einer Liz Truss. Doch heute, nicht einmal zwei Jahre nach Amtsantritt, ist die Labour-Regierung am vorläufigen Tiefpunkt angelangt. Nach turbulenten Wochen und Monaten, in denen sich immer mehr Parteifreunde von Starmer abgewandt hatten, zog der 63-Jährige am Montag die logische Konsequenz und verkündete seinen Rücktritt als Premierminister und als Parteichef.Keir Starmer ist an sich selbst gescheitert – an seiner schlechten Kommunikation, an fehlendem politischem Gespür, an einem fehlenden Programm. Aber er ist auch an seinem Land gescheitert, das tief in der Krise steckt. Grossbritanniens Misere lässt sich nicht an der Person eines einzelnen Premierministers festmachen, dafür dauert sie schon viel zu lange.Starmer konnte seine Versprechen nicht einlösenStarmers vielleicht grösste Leistung fällt in die Zeit vor seinem Amtsantritt. Ihm war es gelungen, mit dem sozialistischen Mief und dem Antisemitismus der Ära Jeremy Corbyn aufzuräumen und die Partei auf eine pragmatische Linie zu führen, die ohne übertriebenen Wokeismus auskam. Doch mit dieser überfälligen Kurskorrektur allein waren die Voraussetzungen noch nicht geschaffen, die Probleme des Landes anzugehen: die darbende Wirtschaft, die massive Staatsverschuldung, das heillos überlastete Gesundheitssystem, die steigenden Lebenskosten, die hohe Zuwanderung.Starmer versprach im Wahlkampf, die Wirtschaft anzukurbeln, die Migration zu begrenzen und die strukturschwachen Regionen im Norden zu fördern. Einlösen konnte er davon kaum etwas, er wirkte zunehmend machtlos – auch deshalb, weil ihm die Parteilinke immer wieder einen Strich durch die Rechnung machte. Das zeigte sich exemplarisch im Sommer 2025, als die Regierung mit einer bereits zur Unkenntlichkeit verwässerten Reform scheiterte, welche die massiven Sozialausgaben etwas hätte eindämmen sollen.Zwar gelang es der Labour-Regierung, die britischen Asylregeln leicht zu verschärfen, tatsächlich sind sowohl die legale als auch die illegale Zuwanderung insgesamt zurückgegangen. Trotzdem zeigten die Umfragewerte nur in eine Richtung: Nach unten. Dass das Vereinigte Königreich mit der Affäre um Peter Mandelson in den Sog des Epstein-Skandals geriet, schadete Starmer zusätzlich. Obwohl er um Mandelsons Nähe zu Epstein wusste, hatte er ihn zum Botschafter in den USA berufen. Die Quittung folgte bei den Regionalwahlen im Mai: Labour fuhr massive Verluste ein, während die Grünen und die rechtsnationale Reform UK um Nigel Farage abräumten.Eine Multikrise, zehn Jahre nach dem BrexitNun steht Labour vor der schwierigen Aufgabe, einen Nachfolger für Keir Starmer zu finden, der die Partei einen, aber vor allem einen Ausweg aus der britischen Krise aufzeigen kann. Der aussichtsreichste Kandidat dafür ist der charismatische Andy Burnham, der ehemalige Bürgermeister von Manchester. Doch dieser hat bisher kein überzeugendes Programm vorgelegt. Vielmehr dürfte er einen dezidierten Linkskurs verfolgen, der die wirtschaftlichen Probleme des Landes wohl nur noch verschärfen würde.Als Fürsprecher des benachteiligten Nordens könnte Burnham zwar durchaus populär sein. Aber er steht vor den gleichen Herausforderungen wie alle Premierminister vor ihm: Echte sozialstaatliche und wirtschaftspolitische Reformen wären für viele Briten zumindest vorübergehend schmerzhaft und dementsprechend unpopulär. Ist Burnham gewillt, der Bevölkerung solche unangenehmen Wahrheiten zu verkaufen? Bisher deutet wenig darauf hin.Keir Starmers Ansatz einer pragmatischen Mitte-Politik war nicht per se falsch. Aber solange parteiinterne Grabenkämpfe dafür sorgen, dass die Regierung Reformen nicht umsetzen kann, werden bei Labour weiter Stillstand und Orientierungslosigkeit vorherrschen – und damit im ganzen Land. Davon profitieren allerdings nicht die wirtschaftsliberalen Tories, die sich bis heute nicht wieder aufrappeln konnten und in den Umfragen weiterhin schlecht abschneiden. Sondern vielmehr begünstigst dies die politischen Ränder, allen voran Reform UK. Doch auch die Partei von Nigel Farage hat – abgesehen von einer populistischen Migrationspolitik – bisher keine kohärenten Antworten auf die mannigfaltigen Probleme Grossbritanniens vorgelegt.Genau zehn Jahre nach der Brexit-Abstimmung steht das Vereinigte Königreich vor einer Multikrise. Keir Starmer hat keine Lösungen darauf gefunden. Ob das seinem Nachfolger gelingen wird, ist fraglich.Passend zum Artikel