Als die kanadischen Eistänzer Marie-Jade Lauriault und Romain Le Gac bei den diesjährigen Olympischen Winterspielen anmutig auf das Eis glitten, trug Lauriault ein gold-türkisfarbenes Kleid mit einem schlangenförmigen BH. Romain Le Gac erschien als römischer Feldherr in einem engen Mesh-Shirt mit goldenen Skarabäen. Eine Vorstellung war unnötig, jeder Zuschauer wusste: Dies war eine theatrale Wiederkehr des Liebespaares Kleopatra und Cäsar. Das Paar wirbelte zu orientalischer Musik über die Eisfläche. Leider kamen sie nicht unter die Top Ten.Während Nofretete durch ihre Silhouette zu einer popkulturellen Ikone wurde, ist das Aussehen von Kleopatra noch unbekannt. Dafür existieren Geschichten: über Politik, Macht und Tod. Eine Liebesgeschichte, die zum Untergang zweier Reiche führte. Erst seit Elizabeth Taylors Verkörperung im Film „Cleopatra“ von 1963 ist die ägyptische Königin zu einer visuellen Chiffre geworden.„Kleopatra funktioniert über wenige visuelle Marker“, sagt die Historikerin Ann-Cathrin Harders von der Universität Bielefeld im Gespräch mit der F.A.Z. „Gold, Türkis, ein männlicher Begleiter, der meist automatisch als Cäsar identifiziert wird. Der Mann an ihrer Seite sollte ein Römer sein, ist ansonsten aber austauschbar.“ Dadurch verschwindet die historische Kleopatra allmählich hinter einem klischeehaften Kostüm.Harders’ vergangenes Jahr im C.H.-Beck-Verlag erschienenes Buch „Kleopatra – Ägyptens letzte Königin“ rückt neben der aktuellen Forschung die Rezeption der antiken Herrscherin in den Mittelpunkt.Das Buch „Kleopatra“ von der Historikerin Ann-Cathrin Harders erschien 2025 im Beck-Verlag.C.H. BeckGeschichte oder Fiktion?Ihren schädlichen Ruf als listige, herrschsüchtige Verführerin bekam Kleopatra erst lange nach ihrem Tod. Während ihrer Lebzeit schrieb kaum ein römischer Gelehrter über die entmannende Königin. Umso mehr stellt sich die Frage nach Wahrheit und Fiktion unseres Bildes von ihr. „Es ist bemerkenswert, dass Kleopatra in den Schriften keine zentrale Rolle spielte“, sagt Harders. „Diese römische Invektivkultur funktioniert stark darüber, Männlichkeit infrage zu stellen. Wenn Kleopatra dafür ein geeignetes Mittel gewesen wäre, hätte man sie wohl stärker genutzt.“ Die Auslassung lag wohl nicht an der Einschüchterung durch den Herrscher: Cäsar wird in antiken Schriftstücken dafür verspottet, dass er sich angeblich die Beine epilierte.Die erste negative Darstellung Kleopatras erschien erst im ersten Jahrhundert nach Christus beim Dichter Marcus Annaeus Lucanus. In seinem Epos über den Bürgerkrieg wird Kleopatra in einem Rausch aus Luxus, Dekadenz und Sinnlichkeit beschrieben. Noch deutlicher wird es bei späteren Autoren wie Cassius Dio. Hier diente die Darstellung vor allem dazu, Octavian – den späteren Kaiser Augustus – aufzuwerten. Er ist der einzige Herrscher, der der Anziehung der Ptolemäerin widerstand.Auch heute noch wird die Geschichte der Herrscherin über ihre Beziehungen zu männlichen Figuren erzählt. Selten taucht sie in Ausstellungen, Romanen oder Theaterstücken allein auf. Gleichzeitig wäre sie ohne den römischen Kontext wohl eine von vielen ptolemäischen Herrscherinnen geblieben: alles interessante Figuren mit einer spannenden Geschichte voller Skandale, Mordversuche und Inzest – allerdings ohne die gleiche kulturelle Projektionskraft. „Die Geschichte der Ptolemäer ist eigentlich wie die Serie ‚Game of Thrones‘“, sagt Harders. „Es fehlen nur die Drachen. Aber dann nimmt man halt Schlangen oder eine Sphinx. Da könnte man wirklich großartige Sachen draus machen.“Kleopatra (Elizabeth Taylor) mit dem römischen Feldherrn Marcus Antonius (Richard Burton) in dem Film „Cleopatra“ von 1963Picture AllianceKleopatras Anziehungskraft in der heutigen KonsumweltInzwischen hat sich die Faszination für Kleopatra längst in den Bereich des Massenkonsums verschoben. Kaum ein Produkt, das nicht mit der ägyptischen Königin beworben wird: Klebstifte, Puppen, Alkohol, Inkontinenzeinlagen und Vibratoren. Man kann durch Kosmetik wie Kleopatra aussehen und durch ein spezielles Duschgel und Badesalz auch wie die ägyptische Herrscherin riechen – sogar ganz ohne Eselsmilch. Besonders adressiert wird die weibliche Zielgruppe.Zurzeit wächst der Trend, das Kleopatra-Klischee als Rollenvorbild für Mädchen und Teenager anzupreisen. Harders sieht darin allerdings ein Problem: „Kleopatra, die heute für Teenies oder kleine Mädchen präsentiert wird, unterliegt einer ‚Barbifizierung‘“, sagt sie. „Bei Barbie haben wir ein ähnliches Problem: Auch wenn man Barbie heute diverser gestaltet, etwa kräftiger oder im Rollstuhl, geht es zwar um Empowerment und Diversität, aber weiterhin in einer attraktiven Hülle. Eine ‚hässliche‘ Kleopatra gibt es ebenfalls nicht.“Kleopatra wird zu einer ästhetischen Projektionsfläche. Für ihre Darstellung benötigt es nicht viel: Ein bisschen ägyptisch-orientalischer Look und das Bild steht. Ihre Bildsprache funktioniert so flexibel, dass sie sich auch auf andere Figuren übertragen lässt: selbst auf die charmante Muppetdiva Miss Piggy.Koreanisches Trinkspiel und Vorbild der Black CommunityDie magische Anziehungskraft wirkt global. Debatten und Kontroversen bleiben nicht aus: Das von Jada Pinkett Smith produzierte Netflix-Dokudrama „Queen Cleopatra“ wurde von einigen Ägyptern als historisch inkorrekt abgetan. Dabei handelte es sich weniger um die fiktiven Szenen als um den Hautton der nordafrikanischen Hauptdarstellerin Adele James. Kleopatra sei eine Nachfahrin des griechischen Ptolemaios I., der mit Alexander dem Großen nach Ägypten gekommen war. Deshalb sollte sie makedonisch und nicht afrikanisch aussehen.Was für die einen ein Affront ist, ist für die anderen ein Symbol der Selbstermächtigung. In den Vereinigten Staaten der Siebzigerjahre nimmt Kleopatra in der Frauenbewegung der Black Community einen Platz als Identifikationsfigur ein. „Sie ist eine der wenigen historischen Figuren, die als afrikanisch und ‚schwarz‘ gelesen werden können“, sagt Ann-Cathrin Harders. „Sie wird damit zu einer weiblichen Identifikationsfigur für schwarze Frauen: als jemand, der sich gegen ein weißes Europa stellt. Sie stirbt zwar am Ende, handelt aber selbstbestimmt.“ Daraus entstand eine neue Bedeutung der Kleopatra-Figur, die bis heute nachwirkt.Auch in anderen Kulturen wird die unnahbare Kleopatra auf unterschiedlichste Weise in Film und Fernsehen interpretiert: Während sie in Bollywoodfilmen neuen Abenteuern entgegensteuert, versuchen K-Pop-Stars in Korea durch das „Cleopatra“-Trinkspiel herauszufinden, wer die schönste Stimme besitzt. Nacheinander müssen die Spieler die Zeile „안녕, 클레오파트라 세상에서 제일 가는 포테이토 칩“ singen, was ungefähr bedeutet: „Hallo, Kleopatra, der beste Kartoffelchip der Welt.“Ganz kurios ist ein Animeporno von 1970. In diesem finden drei Freunde heraus, dass Außerirdische versuchen, die Welt durch Erotik zu beherrschen – der sogenannte „Kleopatra-Plan“. Bei einer Zeitreise landen sie tatsächlich bei der ägyptischen Verführerin und schauen zu, wie die Königin – von Außerirdischen beherrscht – zuerst mit Cäsar und dann mit Antonios intim wird.Der Mythos setzt der Phantasie keine Grenzen. Ob Schlangen, Eselsmilch, Macht oder exotische Erotik – überall finden sich Anhaltspunkte zum Vermarkten. „Kleopatra funktioniert im globalen Kapitalismus extrem gut. Mit diesem Bild kann man seit rund sechzig Jahren immer mehr und sehr unterschiedliche Dinge verkaufen. Das ist ein Selbstläufer“, sagt die Historikerin schmunzelnd. „Aber je mehr man mit Kleopatra vermarktet, desto offener wird sie als Zeichen gesetzt.“Ob Kleopatra dieser Hype gefallen würde? Vermutlich ja. Gerade die ägyptische Herrscherin und ihre Vorfahren verstanden es, sich zu inszenieren. Die Figur der gottgleichen, unabhängigen Herrscherin hätte ihr sicherlich imponiert.
Kleopatra als Konsumobjekt
Die historische Kleopatra verblasst hinter ihrem popkulturellen Mythos. Historikerin Ann-Cathrin Harders erklärt, warum uns die berühmteste Verführerin der Antike bis heute in ihrem Bann hält.






