PfadnavigationHomeGeschichteGeschichte der UnterwäscheZwischen „nackten Tatsachen“ und römischem Bikini-ChicVon Antonia KleikampVeröffentlicht am 15.07.2025Lesedauer: 5 MinutenDas hinten sitzende Paar enthüllt erstaunliche Details. Ausschnitt der Seite „Februar“ im Stundenbuch des Herzogs von Berry (um 1415)Quelle: picture alliance/Mary Evans Picture LibraryEin „schelmisches Detail“ im weltberühmten Stundenbuch des Herzog von Berry lenkt den Blick auf das, was man „untendrunter“ so trägt. Die europäische Antike erweist sich als erstaunlich modern.Man muss schon ganz genau hinsehen. Auf der dritten gefüllten Seite des weltberühmten Stundenbuches „Les tres riches heures“ aus dem frühen 15. Jahrhundert (wissenschaftlich korrekt: auf folio 2 verso), gewidmet dem Monat Februar, sieht man eine winterliche Szene auf dem Land: Im Haus eines Bauernhofes, den ein Zaun umgibt, wärmen sich am offenen Feuer in einem Kamin eine Frau in blauem Kleid und ein einfacher gekleidetes Paar. Diese beiden tragen unter ihren Kitteln – nichts.Ein „schelmisches Detail“ nennt die offizielle Website des Schlosses Chantilly bei Paris diese Darstellung, in dem das Original von „Les tres riches heures“ ausgestellt wird, das der Herzog von Berry Jean de Valois bei den niederländischen Brüdern Paul, Hermann und Johann von Limburg in Auftrag gegeben hatte. Man erkennt die nackten Tatsachen nur beim Heranzoomen und sofern das Bild aus der prachtvollen Handschrift scharf genug ist – am Objekt selbst bräuchte man eine starke Lupe, sofern überhaupt diese Seite aufgeschlagen ist. Aber was ist diese Darstellung wirklich – „schelmisch“ oder realistisch? Allgemeiner gefragt: Wie hielten es die Menschen vergangener Zeiten „untendrunter“?Grundsätzlich gibt es Unterwäsche schon fast so lange, wie Menschen überhaupt Kleidung tragen, also seit der Steinzeit. Anzunehmen, allerdings nicht belegt ist, dass schon die Vorläufer des modernen Menschen zum Schutz vor Kälte, und Wind Felle oder Leder benutzten, doch belegt ist das naturgemäß nicht, denn jede Art von damaliger Kleidung war organischen Ursprungs und Selbstdarstellungen von Menschen gab es noch nicht.Die früheste Form von Unterwäsche dürfte der Lendenschurz sein, den Männer zum Schutz des eigenen Geschlechts trugen: ein längliches Stück Leder oder später Stoff, das entweder als kurzes „Röckchen“ um die Hüften geschlungen wurde oder zwischen den Beinen hindurchgeführt und (meist) vorn über eine Art Gürtel umgeschlagen wurde. Ob auch Frauen derartige Unterwäsche trugen, ist ungewiss. Lesen Sie auchZu den ersten von beiden Geschlechtern getragenen wertvollen Gewändern gehörten die „Kaunakes“, wollene Tücher aus Mesopotamien, die in einem büscheligen Muster gewebt wurden, das an überlappende Blütenblätter oder Federn erinnerte. Männer schlangen sich, so zeigen es Skulpturen aus sumerischer Zeit, die „Kaunakes“ als Rock um die Hüften, Frauen schlangen sie um den ganzen Körper. Darunter dürfte, sowohl zum Schutz des Obergewandes als auch der eigenen Haut, irgendeine Form von Unterwäsche benutzt worden sein, aber das ist nicht gesichert. Aus dem alten Ägypten gibt es Darstellungen von Männern (oder: männlichen Göttern) mit Lendenschürzen und von Frauen (oder: Göttinnen) mit eng anliegenden Kleidern. Beide Geschlechter benutzten zudem, das ist jedenfalls aus jüngerer Zeit Ägyptens im Analogieschluss anzunehmen, ein um die Hüften gewickeltes Tuch, das zwischen den Beinen hindurchgezogen und mit einer Schnur befestigt wurde. Auch hier sollten gleichermaßen Haut wie Obergewand geschützt werden. In der europäischen Antike trugen Männer wie Frauen erste genähte Unterwäsche, auf Lateinisch „subligaculum“ genannt, was üblicherweise als „Schurz“ oder „Binde“ übersetzt wird. Es handelte sich in der fortgeschrittenen Version um ein aus Leder, manchmal Stoff bestehendes Kleidungsstück ähnlich einem modernen Slip, mit einem Band zum Zuknoten oder sogar einem Verschluss aus Metall. Frauen verwendeten zudem Brustbinden, die man „fascia pectoralis“ oder „strophium“ nannte. Lesen Sie auchArchäologen fanden vor allem im Abfall des römischen Londiniums (heute: London) einige „subligacula“, zuerst 1953 in einem Brunnen in der Queen Street. Hier wurden im 1. Jahrhundert nach Christus große Mengen an Lederwaren hergestellt; entsprechend fanden sich zahlreiche Lederartefakte und Lederabfälle, die unter Luftabschluss erhalten blieben. Aber auch in Shadwell, östlich von London, wurde ein reich verziertes Exemplar gefunden. Bis auf eine Ausnahme, die in Mainz entdeckt wurde, stammen alle gut erhaltenen „subligacula“ aus dem Hausmüll des antiken Londons.Doch zugleich zeigen zahlreiche Mosaiken aus verschiedenen Teilen des Imperium Romanum, dass es sich um übliche Kleidungsstücke handelte. Mit „subligacula“ dargestellt wurden regelmäßig Gladiatoren, doch es gibt auch kunstvolle Arbeiten aus kleinen Steinchen, die Frauen in fast modern anmutenden Bikinis zeigen. Die Brustbinden hatten gewöhnlich keine Träger, waren also noch keine Büstenhalter.Lesen Sie auchDurch den Untergang des Römischen Reichs in der Spätantike verschwanden Zivilisationsgüter wie „subligaculum“ und „fascia pectoralis“ wieder. Männliche Kelten, Germanen und Slawen trugen unterschiedlich lange Hosen, Frauen meist mehrere mindestens knielange Kleider übereinander. Insofern ist die Darstellung im Stundenbuch zwar nicht falsch, aber doch gewiss mit einem Augenzwinkern gemalt.Zusätzlich zu Unterröcken trugen Frauen seit der Renaissance knielange Unterhosen, inzwischen meist aus Leinen und im Schritt offen, um den Abstecher zum Plumpsklo oder Donnerbalken nicht zu langwierig ausfallen zu lassen. Auch bei Männern bürgerte es sich ein, Unterhosen zu tragen. Erst die allgemeine Verfügbarkeit von Baumwollstoffen führte um 1800 zur industriellen Produktion von Unterwäsche für beide Geschlechter. Doch noch war es nicht üblich, solche Kleidungsstücke täglich zu wechseln. Ob die leichtere Verfügbarkeit das Verständnis für Hygiene wachsen ließ oder ob umgekehrt das Bedürfnis nach Körperpflege den Markt so stark wachsen ließ, dass die Massenproduktion lohnend wurde, ist unklar. Hinweise gibt es für beide Deutungen. Den Stil der „Bikinis“ auf römischen Mosaiken erreichte die Mode allerdings erst in den 1950er- und 1960er-Jahren wieder. Wie man die weitere Entwicklung der Unterwäsche seither bis hin zu den im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts aufkommenden String-Tangas bewertet, bleibt eine individuelle Entscheidung.