„Tief unter der Erde liegt ein Mineralwasservorkommen“, sagt eine unsichtbare Stimme, „das Adelholzener Mineralwasser.“ Eine gewagte Aussage, die das Unternehmen in einem Videoclip im Internet verbreitet. Denn das Wasser, das Adelholzener in der Gemeinde Bergen im Landkreis Traunstein wie selbstverständlich für sich beansprucht, ist Tiefengrundwasser. Und das gehört keineswegs einem Unternehmen, sondern als Gemeingut allen Menschen. Die Behörden können Adelholzener erlauben, daraus Mineralwasser zu machen. Sie müssen es aber nicht.Es sind solch waghalsige Darstellungen hart an der Wahrheit entlang, die das Misstrauen vieler Menschen vor Ort gegenüber Bayerns größtem Mineralwasserhersteller nähren. Auf etwa 900 Mitglieder ist die Bürgerinitiative (BI) „Unser Bergener Wasser“ nach eigenen Angaben angewachsen, was in einer Gemeinde mit gerade einmal 4600 Einwohnern eine bemerkenswert hohe Zahl ist.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Die BI setzt sich kritisch mit den Wasserentnahmen der Adelholzener Alpenquellen GmbH auseinander, einer 100-prozentigen Tochterfirma des katholischen Ordens der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul. Ende 2025 hat die Firma beantragt, ihre Entnahmerechte um weitere 20 Jahre zu verlängern; das Genehmigungsverfahren soll in diesem Jahr noch abgeschlossen werden.Wie bislang will Adelholzener auch in den kommenden 20 Jahren die Erlaubnis, jährlich 1,59 Millionen Kubikmeter Tiefengrundwasser - 1,59 Milliarden Liter also – aus gut 140 Metern Tiefe nach oben zu pumpen, in Flaschen abzufüllen und zu verkaufen. Vom elften Jahr an will man sich mit 1,29 Millionen Kubikmetern begnügen. Bislang zahlt Adelholzener für das Wasser keinen Cent. Ein lukratives Geschäftsmodell; 2024 verkaufte das Unternehmen erstmals mehr als 700 Millionen Flaschen. Wie viele es 2025 waren, ließ die Firma auf SZ-Anfrage offen. Nur so viel: Im Durchschnitt sei die Produktion in den vergangenen 20 Jahren um durchschnittlich 2,5 Prozent pro Jahr gestiegen.Anders als im mittelfränkischen Treuchtlingen, wo die zum Aldi-Konzern gehörende Mineralwasserfirma Altmühltaler 650 000 Kubikmeter aus dem Boden holt, während das Trinkwasser der Bevölkerung über Fernleitungen kommt, gab es in Bergen lange keinen Streit um die Entnahmen von Adelholzener. Schließlich war in ganz Südbayern immer mehr als genug Wasser da. In Bayern galt ein Naturgesetz: Der Norden des Freistaats ist trocken, der Süden sehr wasserreich, weil es vor allem entlang der Alpen dreimal so viel regnet wie im trockenen Franken. Und dann war da noch die Schneeschmelze im Frühjahr, die zusätzlich Wasser aus den Bergen stürzen ließ.Das Problem der Trockenheit kommt inzwischen auch in Südbayern anDoch der Klimawandel ändert dies in einer Geschwindigkeit, die selbst Fachleute verblüfft. Die Erderwärmung bedeutet im Winter weniger Schnee in den Alpen und entsprechend weniger Schmelzwasser fließt im Frühjahr. So kommt das Problem der Trockenheit auch in Südbayern an. Die Vorräte schrumpfen, es bildet sich deutlich weniger Grundwasser nach. Allein im Landkreis Traunstein betrug der Rückgang in den vergangenen Jahren gut 20 Prozent, Tendenz weiter sinkend.Im zurückliegenden Winterhalbjahr fiel dem Landesamt für Umwelt zufolge südlich der Donau nur etwa zwei Drittel so viel Regen wie im langjährigen Durchschnitt. Die Niederschläge vor einigen Tagen ändern nichts daran, dass hinter Bayern ein ausgesprochen trockenes Frühjahr liegt. Im Mai fiel in Nordbayern ein Viertel, in Südbayern sogar 42 Prozent weniger Regen im Vergleich zum langjährigen Mittel. In 76 Jahren waren in Südbayern nur vier Mai-Monate trockener. 29 Prozent der bayerischen Seen und Speicher wiesen niedrige und 18 Prozent sogar sehr niedrige Wasserstände auf.Der Rückgang machte sich am Chiemsee bemerkbar und auch am Bodensee. Ende Mai war der Wasserstand am Pegel Konstanz so niedrig wie lange nicht mehr. Mit 310 Zentimetern lag er nur noch neun Zentimeter über dem historischen Tiefststand und 77 Zentimeter unter dem langjährigen Mittelwert um diese Jahreszeit. Vielerorts waren Spaziergänger und Wassersportler irritiert, wie sehr sich die Wasseroberfläche von Ufern zurückgezogen hatte.„Für den Wasserstand im Sommer lassen sich keine verlässlichen Vorhersagen treffen“, sagte eine Sprecherin des Landesamtes für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW). Auch sie nannte als Ursachen für das Dilemma ausbleibendes Schmelzwasser aus den Alpen. Man muss wissen: Die Alpen sind das größte Wasserwerk Europas. Sie versorgen 170 Millionen Menschen in ihren Anrainerstaaten mit Wasser. Und der Bodensee bildet das Rückgrat der Trinkwasserversorgung von Baden-Württemberg.Dabei klang die Idee doch so schön logisch: Man nehme Wasser aus nassen Regionen und pumpe es dorthin, wo es gebraucht wird. Auch Bayern verfolgte lange den Plan, sich im nassen Bodenseeraum zu bedienen und von dort Wasser in den trockenen Norden des Freistaats zu pumpen. Inzwischen reift die Erkenntnis, dass dies nicht funktionieren wird, zumal solche Fernwasser-Pipelines mit gewaltigen Kosten und langen Planungs- und Genehmigungsverfahren verbunden wären.Ganz abgesehen davon wächst in den noch wasserreichen Regionen der Widerstand dagegen, von anderen angezapft zu werden. Zwei Dutzend bayerische Kommunen, in deren Gebieten Wasser für die bayerischen Ballungszentren gewonnen wird, haben sich bereits zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen. Sie hinterfragen nicht nur das Verteilungskonstrukt als solches, sondern wollen für die Lieferungen auch stärker entschädigt werden.Wie sehr sich das Problem in Südbayern zuspitzt, zeigte auch der bis dato größte Waldbrand im Freistaat seit Langem, am Saurüsselkopf im Landkreis Traunstein. Eine Waldfläche von etwa 200 Fußballfeldern ging dort Anfang Mai in Flammen auf; mehrere Wochen dauerte es, bis alle Glutnester gelöscht waren. Ursache dafür, dass sich das Feuer derart rasant ausbreiten konnte, war nach übereinstimmender Ansicht aller Experten und der Feuerwehr die enorme Trockenheit.Solche Ereignisse müssten doch ein Weckruf sein, sagt Sarina Kraft, Sprecherin der BI „Unser Bergener Wasser“. Auch in dem bei Wanderern beliebten Weißachental, wo sie mit ihrer Familie lebt, ist es in den vergangenen Jahren immer trockener geworden. In anderen Ecken Bergens sei es genauso. „Gräben und kleine Rinnsale, die vor 15 Jahren teilweise auch im Sommer Wasser führten, sind ausgetrocknet“, schildert Kraft. Das Wasser der Weißen Ache gehe seit 2020 ausweislich der Messstellen deutlich zurück. „Natürlich kann man dafür nicht einfach Adelholzener verantwortlich machen“, sagt die BI-Sprecherin.Aber die Frage müsse erlaubt sein, ob man in Zeiten wachsender Trockenheit und sinkender Wasservorräte einen naturgemäß auf seinen eigenen Profit ausgelegten Mineralwasserhersteller weiter mit dem Allgemeingut Wasser wirtschaften lassen dürfe, als wäre da nichts, oder ob das auf Kosten der Allgemeinheit gehe. „Natürlich ist Adelholzener ein Wirtschaftsfaktor und ein wichtiger Arbeitgeber“, sagt Kraft. „Aber man kann doch Trinkwasser nicht mit Arbeitsplätzen aufrechnen.“Ginge es nach der BI, würden die Entnahmerechte für Adelholzener von derzeit 1,59 Millionen Kubikmetern pro Jahr in etwa halbiert. Drei wissenschaftliche Arbeiten würden dies nahelegen, so die BI, alles andere wäre angesichts der zunehmenden Wasserknappheit unverträglich.Das Unternehmen reagiert darauf gereizt. Die Forderungen seien „aus der Luft gegriffen und unbegründet“, die BI verbreite „unwahre Behauptungen und schürt Ängste“, so Adelholzener-Geschäftsführer Peter Lachenmeir auf SZ-Anfrage. „Über 30 Messstellen und ein fortlaufendes, staatlich überwachtes Monitoring“ würden belegen, „dass dauerhaft mehr Wasser in die tief gelegene, zweite Grundwasserschicht nachfließt, als wir entnehmen. Unsere Wasserentnahme hat keinerlei Einfluss auf oberflächennahe Gewässer und deren Pegelstände.“ Die Fördermenge zu halbieren wäre „weder ökologisch geboten, noch wäre eine solche Reduktion für unser Unternehmen ökonomisch darstellbar“.Der Wassercent, den der Freistaat für Wasserentnahmen vom 1. Juli an verlangt, beendet zwar die Gratiskultur, ändert aber am Grundproblem nichts. Auch Adelholzener und Altmühltaler werden ihn zahlen müssen, aber ein großes Dilemma bleibt: Dank vieler großzügiger Ausnahmeregelungen prüft niemand, wer wie viel Wasser in Bayern entnimmt. Kleinnutzer, Landwirte vor allem, werden nicht kontrolliert; die Behörden verlassen sich einfach auf ihre Angaben. Längst nicht alle kleinen Brunnen werden erfasst. Niemand weiß also genau, wie viel Grundwasser in Bayern überhaupt entnommen wird.