Der Bundesrat will die Armee modernisieren, doch das Schneckentempo ist fahrlässigDer Bundesrat trimmt die Armee auf die Abwehr von Cyber- oder Drohnenangriffen. Das ist konsequent. Aber es klafft eine gefährliche Lücke zwischen der akuten Bedrohung und der realen Abwehrkraft – bis in die 2030er Jahre.22.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenImmerhin: Der Bundesrat will möglichst «rasch» ein Drohnenbataillon aufstellen.Gian Ehrenzeller / KeystoneDer Bundesrat baut die Armee um. Die neuen Leitlinien, die Verteidigungsminister Martin Pfister am Freitag präsentiert hat, versprechen harte Einschnitte: Die Strukturen werden schlanker, Doppelspurigkeiten verschwinden, die Führungsspitze verliert hohe Offiziere. Die Truppe richtet sich auf hybride Bedrohungen aus. Sie soll schlagkräftiger und effizienter operieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Schon im Januar setzte die Regierung den neuen Fokus auf Cyberangriffe, Sabotage, Drohnen und Raketen. Achtzig Prozent des Budgets fliessen nun dorthin, zwanzig in die klassische Verteidigung am Boden. Das Material der Bodentruppen ist bereits heute veraltet, muss aber lange halten. Ganz aufgeben will der Bundesrat die klassische Kriegsführung dann doch nicht. Ein umfassender direkter Angriff auf die Schweiz ist sehr unwahrscheinlich, doch bleibt ein Restrisiko – und die Landesverteidigung steht in der Verfassung. Finanzieren will die Regierung diesen Auftrag aber erst wieder gegen 2040 in breiterer Form.Der Plan ist konsequent. Mit dem heutigen Budget liesse sich im Ernstfall nur ein Drittel der Soldaten ausrüsten. Eine glaubwürdige Armee brauchte massiv mehr Geld. Das knappe Prozent des Bruttoinlandprodukts reicht nicht. Da es keine Mehrheiten für diese Milliarden gibt, bleibt der Truppe nur der Verzicht. Die Fokussierung ist die logische Folge der leeren Kasse.Doch selbst diese flexiblere Rumpfarmee ist nicht bezahlt. Der Bundesrat plant für die nächsten zehn Jahre rund 31 Milliarden Franken zusätzlich ein. Grosse Würfe gelingen auch damit nicht. Pfister mahnte am Freitag, die Armee müsse weiterhin «stark priorisieren». Die Schweiz geht in Minischritten vorwärts. Irgendwann in den 2030er Jahren soll die Armee Drohnen, Raketen oder Marschflugkörper abwehren können – vielleicht. Derweil lehnt das Parlament den bundesrätlichen Vorschlag ab, die Mehrwertsteuer um 0,8 Prozentpunkte anzuheben. Ideen gibt es im Bundeshaus viele, sichere Mehrheiten keine.Die Gemächlichkeit der Schweizer Sicherheitspolitik erstaunt mit Blick auf das, was auf dem Kontinent passiert. Unbekannte Drohnen legen europäische Flughäfen lahm. In Berlin kappen mutmassliche Linksextreme einen Teil der Stromversorgung. Im Ärmelkanal feuert ein russisches Kriegsschiff Warnschüsse ab. Die Schweiz blieb von all dem bisher verschont.Doch was passiert, wenn eine Drohne ein Schweizer Armee-Logistikcenter anfliegt? Oder ein Atomkraftwerk? Wenn auch hier Extremisten das Stromnetz angreifen? Bern bliebe bis in die 2030er Jahre wenig übrig, als die Zerstörung zu beklagen und den schwarzen Peter weiterzuschieben. Abwehren könnte die Schweiz den Angriff kaum. Eines aber steht fest: Niemand im Bundesrat und im Parlament wird je behaupten können, man habe die reale Bedrohung nicht gekannt.Hinter dem bundesrätlichen Plan steckt der unverwüstliche helvetische Glaube: Uns trifft es nicht. Das denken die Bürger, das denkt auch die Landesregierung. Dabei warnen die eigenen Analysten seit einiger Zeit sehr direkt. Die bundesrätliche Strategie widmet der «sicherheitspolitischen Dringlichkeit» ein eigenes Kapitel. Darin steht etwa, die Schweiz könnte unter Druck geraten, biete selbst zahlreiche lohnende Ziele als Energie-, Finanz- oder Verkehrsdrehscheibe. Der Kleinstaat müsse sich wappnen. Doch den Worten folgen keine Taten. Wenn eine Lage dringlich ist, verlangt sie sofortige Lösungen – und nicht erst in fünf oder zehn Jahren.Niemand kennt die Zukunft. Doch dass hybride Angriffe in Europa weiter zunehmen, ist durchaus wahrscheinlich. Als souveräner, neutraler Staat muss die Schweiz ihre Sicherheit selbst garantieren. Dafür reicht der nun geplante Umbau der Armee allein nicht – schon gar nicht, wenn dieser über ein Jahrzehnt lang nur auf einen Teil des Gefahrenspektrums fokussiert. Wer den eigenen Schutz verschleppt, kann als Bittsteller jener Länder enden, die rechtzeitig vorgesorgt haben. Will man das wirklich riskieren?Passend zum Artikel
Bundesrat modernisiert Armee – doch das Tempo bleibt problematisch
Der Bundesrat trimmt die Armee auf die Abwehr von Cyber- oder Drohnenangriffen. Das ist konsequent. Aber es klafft eine gefährliche Lücke zwischen der akuten Bedrohung und der realen Abwehrkraft – bis in die 2030er Jahre.






