Von wem sich die Spanier Erlösung erwarteten in ihrem zweiten Vorrundenspiel, das war bereits beim Verlesen – oder wie man sagen muss: beim Verbrüllen – der Mannschaftsaufstellung unverkennbar. „Ich bin bereit für alles, was der Trainer von mir verlangt. Aber ich bin noch nicht bereit für ein ganzes Spiel“, hatte Lamine Yamal, der 18-jährige Shootingstar, zwar vor der Partie gegen Saudi-Arabien in Atlanta mitgeteilt. Er sei nach seiner Oberschenkelverletzung noch „in einem Anpassungsprozess“. Aber wenn man das mit der Erlösung kurz und bündig schon in der ersten Halbzeit erledigt – dann kann man sich in der zweiten ja wieder der Genesung widmen. Die spanischen Fans jedenfalls begrüßten Yamals Startelfeinsatz euphorisch.Und siehe da: Der Erlöser lieferte, was von ihm bestellt worden war. Beim trägen 0:0 der Spanier zum Auftakt gegen die Kapverden war Yamal in der 71. Minute eingewechselt worden und hatte sofort das Spiel vitalisiert; Tore entstanden daraus aber keine. Diesmal, gegen die Saudis, drückte er schon in der 11. Minute den Ball zum 1:0 über die Linie. Und zwar nach einer präzisen Hereingabe von Mikel Oyarzabal, die allerdings zugleich eine der größten Schwächen des Teams von Trainer Georgios Donis offenlegte: Zwar sind die saudischen Spieler in ihrer heimischen Pro-League mit zunehmender Wettkampfhärte konfrontiert. Mit dem Konzept der Abseitsfalle schienen sie sich aber nur unzureichend vertraut gemacht zu haben.Am Ende gewannen die Spanier dieses Duell des Co-Gastgebers der nächsten gegen den Allein-Gastgeber der übernächsten WM deutlich mit 4:0 (3:0). Und die aus ihrer Sicht beste Nachricht daran: Sie gewannen mit Yamal, nicht dank Yamal. Vielmehr musste man den Eindruck bekommen, als habe der Trainer Luis de la Fuente seine Männer nach dem Remis gegen die Kapverden einer Starkstromtherapie unterzogen; die Körperspannung, mit der sie von der ersten Minute an zu Werke gingen, war jedenfalls beachtlich.Neben Yamals Nominierung (für Ferran Torres) trugen dazu zwei weitere Rochaden bei: Alex Baena (für Gavi) belebte das Spiel auf dem linken Flügel, Dani Olmo (für Fabián) ist im offensiven Mittelfeld ohnehin schwer zu bremsen. So kam eine völlig neue Vertikalität ins Spiel, von der auch Mikel Oyarzabal profitierte, der gegen die Kapverden noch ein Mittelstürmer von trauriger Gestalt gewesen war, ohne Ballkontakt in den ersten 30 Minuten, als erster WM-Spieler überhaupt seit Beginn der Aufzeichnungen. Diesmal hatte er nach 24 Minuten schon zum 2:0 und 3:0 eingeschossen.Nach der Pause durfte sich Oyarzabal dann ebenso schonen wie Lamine Yamal, für sie kamen Ferran Torres und Yeremi Pino ins Spiel. Marc Cucurella erzwang noch ein Eigentor durch Hassan Al-Tambakti (49.). Kurz darauf wechselte De la Fuente auch Nico Williams, Mikel Merino und Fabián ein. Der Wunsch nach Erlösung hatte sich da längst erledigt, die Spanier schalteten wieder in den Verwaltungsmodus. Doch die Botschaft des Europameisters war nicht zu übersehen: Wenn sie die Wettkampfhärte der ersten halben Stunde regelmäßig auf den Platz bekommen, zählen sie bei dieser WM wieder zu den Favoriten.